Prager Frühling: Ein Mecklenburger übt zivilen Widerstand

Stand: 25.08.2021 15:00 Uhr

Der Mecklenburger Reimar Krell will nicht tatenlos zusehen, als der Prager Frühling brutal niedergeschlagen wird. Er sammelt im August 1968 Unterschriften auf dem Wenzelsplatz - und zahlt das am Ende mit seinem Leben.

von Heiko Kreft

Sie kommen kurz nach Mitternacht: Am 21. August 1968 marschieren vier Warschauer Vertragsstaaten in der Tschechoslowakei ein. Soldaten aus Polen, Ungarn, der Sowjetunion und Bulgarien sollen die angebliche "Konterrevolution" niederschlagen. Es ist das Ende des Prager Frühlings und des Traums vom "Sozialismus mit menschlichem Antlitz". Den hatte Alexander Dubcek, Chef der tschechoslowakischen Reform-Kommunisten versprochen - argwöhnisch beäugt von politischen Betonköpfen in Moskau und Ostberlin.

Erinnerungen an den Überfall der Deutschen im Jahr 1938

Viele Tschechen und Slowaken fühlen sich an den Überfall der Deutschen 1938 erinnert. Aus Protest zeichnen sie deshalb auf die Panzer der Ostblock-Staaten Hakenkreuze. Überall im Land formiert sich ziviler Widerstand. Aufgebrachte Bürger sammeln Unterschriften - gegen die Invasion, für politische Reformen. Die Lage in der Tschechoslowakei ist in den ersten Tagen sehr unübersichtlich. Es gibt Gerüchte, dass auch die DDR Truppen geschickt hat. Die DDR-Propaganda versucht sogar selbst diesen Eindruck zu verstärken. In Wahrheit stehen Einheiten der Nationalen Volksarmee zwar an der Grenze bereit, überschreiten diese jedoch nicht. Eine Entscheidung im letzten Moment, denn die Sowjets möchten vermeiden, dass der Einmarsch mit dem von 1938 gleichgesetzt wird.

Ein Mecklenburger protestiert auf dem Wenzelsplatz

Reimar Krell aus dem mecklenburgischen Lübtheen © NDR
Reimar Krell aus Lübtheen erlebt den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten 1968 in Prag hautnah mit.

Dass auch die DDR mit Truppen beteiligt ist, glauben zunächst auch viele ostdeutsche Touristen, die damals in Prag unterwegs sind. Zwei junge Studenten werden damals von einem Tagesschau-Reporter auf der Straße interviewt. Sie zeigen sich betroffen vom Einfall der Truppen und berichten von einem demonstrierenden DDR-Bürger: "Dort vorn am Wenzelsplatz steht ein Ostdeutscher mit einem Schild: 'Ich schäme mich für die DDR. Warum sind Ulbrichts Soldaten in der Tschechoslowakei?'" Der Ostdeutsche ist ein Mecklenburger: Reimar Krell aus Lübtheen. Der 25-Jährige ist seit dem Frühjahr 1968 in der Tschechoslowakei, hat die Aufbruchstimmung miterlebt und das brutale Vorgehen der "Bruderarmeen".

Blutiger Kampf ums Rundfunk-Gebäude in der Innenstadt

Eher zufällig ist Reimar Krell dabei, als sowjetische Truppen das Haus des Tschechoslowakischen Rundfunks in der Prager Innenstadt besetzen. Die Radiostation ist strategisch wichtig. Sie berichtet unzensiert über den Einmarsch und ruft Tschechen und Slowaken zum Widerstand auf. Um das Rundfunkgebäude entzündet sich ein heftiger Straßenkampf. Panzer rollen Bäume und Autos nieder. Es gibt Explosionen und gezielte Schüsse auf Zivilisten. Innerhalb weniger Stunden sterben 17 Menschen. Nicht nur Tschechen und Slowaken sind schockiert. Auch Reimar Krell - er will dem Einmarsch nun nicht nur tatenlos zu sehen.

Über 10.000 Unterschriften kommen an einem Tag zusammen

Nebengebäude von Radio Prag © NDR
In einem noch nicht von den Sowjets besetzten Nebenstudio des tschechoslowakischen Radios übergibt Krell die Unterschriften.

Auf dem Wenzelsplatz, nahe dem Nationaldenkmal des Heiligen Wenzels, baut er einen Stand auf und sammelt Unterschriften. Für die Freiheit. Für Reformen. Für Dubcek. An einem einzigen Tag kommen über zehntausend Unterschriften zusammen. Die Listen bringt Krell unbemerkt in ein Nebenstudio des tschechoslowakischen Rundfunks. Das liegt außerhalb der Prager Innenstadt und ist eines der letzten, das die Sowjets noch nicht besetzt haben. Täglich steht Krell nun auf dem Wenzelsplatz und sammelt unermüdlich Unterschriften.

Reimar Krell gibt Interview fürs ZDF

Die Aktion des Mecklenburgers mit seinen deutsch-tschechischen Protestschildern erregt Aufmerksamkeit. Am 24. August wird er von einem Team des ZDF angesprochen und interviewt. Um sich selbst zu schützen, verdeckt Reimar Krell sein Gesicht mit einem Bild des tschechoslowakischen Staatspräsidenten Svoboda. Auf die Frage nach seinem Motiv für die Aktion antwortet er: "Weil ich mich sehr schäme, dass deutsche Soldaten wieder einmal in diesem Land sind. Und vielleicht kann ich damit etwas gut tun, dass das tschechoslowakische Volk oder zumindest einige Bürger sehen, dass nicht alle Deutschen so denken, wie die Führer in der DDR."

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August 1968, Tschechoslowakei, Prag: Protestierer umringen in der Innenstadt sowjetische Panzer und stehen mit einer Fahne der Tschechoslowakei auf einem umgekippten Militärfahrzeug. © picture alliance/Libor Hajsky/CTK via epa/dpa
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Ein-Mann-Demo vor DDR-Botschaft in Prag

Am selben Tag demonstriert Krell auch vor der DDR-Botschaft in Prag. Er hängt sich ein Schild um den Hals, in dem er den Abzug der ostdeutschen Truppen fordert. Vom Wachschutz der Botschaft wird er darauf hin massiv bedroht. Das Plakat wird ihm weggenommen. Von seinen Erlebnissen berichtet Krell dem ZDF-Team in einem weiteren Interview. "Der Wachmann sagte noch: Wartet noch hier in der Tschechoslowakei zwei Tage, dann werdet ihr schon sehen, was ist. Komm du nur zurück in die DDR - dann wirste schon sehen, was dir passiert."

Verhaftung beim Fluchtversuch nach Österreich

Nicht zuletzt durch die Drohung ist Reimar Krell klar: Zurück in die DDR kann er nicht. Über Österreich will er deshalb in die Bundesrepublik flüchten. Er bekommt einen Tipp. Die französische Botschaft stellt DDR-Bürgern westdeutsche Pässe aus. Das klappt tatsächlich. Mit westdeutschem Pass ausgestattet, ergattert Reimar Krell sogar einen Platz in einem Kleinbus der Botschaft. Am 27. August verlässt er Prag und wird an die österreichische Grenze mitgenommen. Doch dort endet sein Glück. Weil er kein Ausreisevisum besitzt, wird Reimar Krell von tschechischen Grenzern verhaftet. Er kommt in Untersuchungshaft und wird Mitte September in die DDR abgeschoben. Statt die Freiheit im Westen zu genießen, sitzt er plötzlich in Berlin in Stasi-Haft.

Späterer Landtagspräsident Kuessner sorgt sich um den Freund

Hinrich Kuessner, der ehemalige Landtagspräsident Mecklenburg-Vorpommern © NDR
Hinrich Küsser war mit Reimar Krell befreundet und kümmerte sich als Einziger um ihn.

Als Hinrich Kuessner von der Haftung Reimar Krells hört, versucht er ihm zu helfen. Kuessner und Krell kennen sich aus ihrer gemeinsamen Zeit bei der Diakonie in Rostock, Mitte der 60er-Jahre. Die beiden wurden Freunde. "Ich war erstaunt, als ich hörte, dass er auf dem Wenzelsplatz stand und Tausende Unterschriften gesammelt hat", erinnert sich Hinrich Kuessner, der von 1998 bis 2002 Präsident des Landtages von Mecklenburg-Vorpommern war. "Diesen Mut habe ich bei Reimar vorher eigentlich nicht erlebt." Dem Freund in der Stasi-Haft zu helfen ist nicht einfach. Die DDR-Behörden wollen Kuessner keine Auskunft geben. Doch er gibt nicht auf, beschwert sich sogar beim Staatsrat in Berlin. Schließlich gelingt es ihm, Reimars Pflichtverteidiger ausfindig zu machen. Unangemeldet besucht er ihn in Berlin. "Der Anwalt hat gesagt, dass er befürchtet, dass Reimar die U-Haft nicht übersteht. Er hatte schon in der Untersuchungshaft in der Tschechoslowakei einen Selbstmordversuch unternommen. Das Aufsichtspersonal hat das verhindern können."

Verurteilt zu sechs Jahren Stasi-Knast in Bautzen

Stasi-Akte von Reimar Krell mit Dokumenten © NDR
Die Stasi-Akten zu Reimar Krell umfassen 13 Bände und enthalten selbst verfasste Schilderungen der Prager Ereignisse.

Ein Dreivierteljahr sitzt Reimar Krell in U-Haft, wird wochenlang verhört. Die Stasi legt ihm ein Foto aus Prag vor und befragt ihn ausführlich zu den ZDF-Interviews. Zudem muss er immer wieder die Prager Geschehnisse im Detail aufschreiben. Auch seine Protestschilder soll er aus dem Gedächtnis erneut anfertigen. Die überlieferten Untersuchungsakten des Ministeriums für Staatssicherheit umfassen 13 Bände. Im Juli 1968 kommt es zum Prozess. Hinrich Kuessner, der darauf drängt dabei sein zu können, wird die Anwesenheit bei der Verhandlung nicht erlaubt. Nach zwei Tagen fällt das "Stadtgericht von Groß-Berlin" am 28. Juli 1969 ein Urteil: sechs Jahre Haft wegen "staatsfeindlicher Hetze" und "ungesetzlichem Fluchtversuch". Die Strafe muss Reimar Krell im berüchtigten Stasi-Knast in Bautzen absitzen. Nahezu isoliert von der Außenwelt beginnt für Reimar Krell nun die mutmaßlich schlimmste Zeit seines Leben.

Briefe schreiben und Besuche unter erschwerten Bedingungen

Gefängnistoilette in Bautzen © NDR
Aus Verzweiflung nimmt sich Reimar Krell mit 26 Jahren in einer Bautzener Gefängnistoilette das Leben.

Der einzige Kontakt nach draußen sind Briefe, die ihm seine Pflegemutter aus Lübtheen und Hinrich Kuessner schreiben. Das Kuessner überhaupt einmal im Monat an seinen Freund schreiben kann, ist keine Selbstverständlichkeit. Monatelang musste er dafür kämpfen. Genauso wie um eine Besuchserlaubnis. Fast ein Jahr ringt Kuessner mit den DDR-Behörden. Dann darf er hinfahren - und erkennt den Freund kaum wieder. "Bevor Reimar etwas zu mir sagte, guckt er erst zu dem Aufseher und dann zu mir. Mein Eindruck war, dass er total abhängig von diesem Menschen war und psychisch kaputt." Hinrich Kuessner bleibt der einzige Mensch, der Reimar Krell im Bautzner Knast besucht. Wenige Wochen später nimmt sich Krell das Leben. Die Urne mit seiner Asche geht nach Lübtheen und wird dort verschämt in die Erde gebracht. "Der Pastor meinte es ist Selbstmord und hat nur eine kurze Bestattung an der Grabstelle durchgeführt", erinnert sich Kuessner.

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Dieses Thema im Programm:

Nordmagazin | 22.08.2021 | 19:30 Uhr

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