Stand: 17.08.2016 14:39 Uhr  | Archiv

August 1941: Nazis gehen gegen Swing-Jugend vor

von Dirk Hempel, NDR.de

Während der Nazizeit hören viele Jugendliche lieber amerikanische Jazzmusik als uniformierten Dienst in der Hitlerjugend zu leisten. Sie treffen sich mit Freunden in Cafés, Kinos oder Eisdielen, feiern Partys und tanzen auf Swingkonzerten. Eine Massenbewegung entsteht, die mit der offiziellen Jugenderziehung des Regimes nichts zu tun haben will. Hamburg mit seinem weltoffenen Hafen und einer anglophilen Kaufmannselite wird zur Hochburg dieser "Swings".

Anglophiler Lebensstil ist angesagt

Hamburger Swingfans 1940 vor einem Lokal © Barmbeker Schallarchiv
Die Hamburger Swingfans - hier im Jahr 1940 - trafen sich gern zum Tanzen und Musikhören.

Die Jugendlichen kultivieren in der Hansestadt schon einen an westlichen Vorbildern orientierten Lebensstil, geben sich lässig und international. Die Jungen tragen karierte Sakkos und weite Hosen nach englischer Mode oder feine Nadelstreifenanzüge, dazu Schuhe mit hellen Kreppsohlen. Ihre zurückgekämmten Haare reichen bis auf den Kragen. In der Tasche des hellen Staubmantels steckt eine ausländische Zeitung. Regenschirm und Pfeife sind unverzichtbare Utensilien. Die Mädchen bevorzugen kurz geschnittene Kleider oder lange Hosen. Sie schminken sich, benutzen auffälligen Lippenstift und lackieren sich die Fingernägel. Sonnenbrillen mit weißem Gestell sind in Hamburg besonders beliebt.

Sie begrüßen einander mit "Swing Heil" und sprechen sich mit englischen Namen wie "Old-hot-Boy" oder "Swing Girl" an. Sie kennen sich zumeist aus dem Segel- oder Hockeyclub, manche auch aus der Kaufmannslehre. Die Bewegung geht durch alle Schichten, auch wenn die großbürgerlichen Jugendlichen aus den Elbvororten und den Villenvierteln an der Alster den Ton angeben.

Koffergrammophon und Jazzplatten sind immer dabei

In Eisdielen und Kinos, bei Hausfesten und in Tanzlokalen kommen sie zusammen. Auch die Eisbahn bei Planten un Blomen ist ein beliebter Treffpunkt. Immer dabei: das Koffergrammophon, das die Schallplatten von Benny Goodman und Duke Ellington, Artie Shaw und Nat Gonella spielt, selbst im Schwimmbad und im Park. Dazu wird getanzt, gesungen, gepfiffen und "gehottet".

Innenansicht des Veranstaltungshauses Trocadero an den Großen Bleichen von 1940, einem Spielort des Swing in Hamburg. © Barmbeker Schallarchiv
Das "Trocadero" an den Großen Bleichen ist ein beliebter Treffpunkt der Swing-Jugend. 1943 wird es durch Bomben zerstört.

Berühmte Jazzorchester gastieren schon seit den 1920er-Jahren in der Hansestadt, spielen etwa im Alsterpavillon, im Café Heinze an der Reeperbahn oder im Stadtparkcafé. Der Schweizer Bandleader Teddy Stauffer gilt in den Jahren vor dem Krieg in Hamburg als Star, bei dessen Auftritten der Journalist und Swing-Boy Axel Springer gelegentlich mitsingt.

Nach 1939 kommen auch Orchester aus den besetzten Ländern in die Stadt. Von dort, aus Dänemark etwa oder Frankreich, stammen auch viele der Swingplatten, die nach dem Kriegseintritt der USA in Deutschland nur noch schwer zu bekommen sind, von Fronturlaubern mitgebracht.

Swing gilt den Nazis als "entartet" und "undeutsch"

Für das NS-Regime ist der Lebensstil der eigentlich unpolitischen Swing-Jugend allerdings eine ungeheure Provokation, ganz besonders nach Kriegsbeginn. Swing-Musik gilt als "entartet" und "undeutsch". Den Swings wird eine "gefährliche staatsfeindliche Einstellung" unterstellt, weil sie sich nicht der "Gemeinschaftserziehung" beugten. In Hamburg werden sie deshalb von der Gestapo beobachtet. Polizei und Hitlerjugend führen Kontrollen durch, verhaften Swings, verhängen Jugendarreste und sogar Schulverweise.

Aber die Swing-Boys lassen sich nicht alles gefallen. So kommt es immer wieder zu Prügeleien mit dem Streifendienst der Hitlerjugend. Die Jugendlichen führen sogar Aktionen durch: etwa an Churchills Geburtstag einen Marsch in die Innenstadt, einen Fuß auf dem Kantstein, einen Fuß auf der Straße. Sie singen dabei "He’s a jolly good fellow" und die Hymne der Swing-Bewegung, den "Tiger-Rag". Noch im Sommer 1941 inszenieren Swings am Hauptbahnhof eine Persiflage auf die Empfänge der NS-Herrscher, die Ankunft des "Reichstatistenführers": Zwei Jugendliche im dunklen Anzug mit steifem Hut entsteigen unter dem Jubel von 60 Oberschülern und im Blitzlichtgewitter dem Schnellzug aus Paris, schreiten über einen roten Teppich und fahren mit der Pferdedroschke zum Alsterpavillon.

Swing-Jugendliche verhaftet und misshandelt

Im Hamburger Alsterpavillon tritt 1941 die John Kristel Band vor Fans auf. © Barmbeker Schallarchiv
Im August 1941 beendet die Gestapo ein Konzert des Swingmusikers John Kristel im Alsterpavillon und verhaften zahlreiche Jugendliche.

Deshalb beginnt das NS-Regime 1941 in Hamburg seinen Kampf gegen die unangepassten Jugendlichen. Nachdem die Polizei wiederholt aus der Hansestadt über die "Swing- und Hotseuche" nach Berlin berichtet hat, plädiert ein Referent des Reichspropagandaministeriums am 18. August 1941 bei Minister Goebbels "Sofort-Aktionen" gegen "kriminelle" und "degenerierte" Jugendliche, damit endlich wieder "normale Verhältnisse" hergestellt werden können. Goebbels verlangt daraufhin von der Gestapo drastische Maßnahmen, die umgehend mit der brutalen Unterdrückung der Hamburger "Swing-Heinis" beginnt. In den folgenden Wochen werden bei Razzien Jazz-Konzerte gesprengt, etwa im Alsterpavillon, und Hunderte Jugendliche von der Gestapo verhaftet, im Polizeigefängnis Fuhlsbüttel festgehalten und oft misshandelt.

"Brutal durchgreifen"

Weil jedoch der Erfolg dieser Aktionen in Hamburg ausbleibt, sich immer noch viele Jugendliche zu Swingpartys treffen, bekundet Reichsjugendführer Axmann im Januar 1942 gegenüber Heinrich Himmler, dem Chef der Polizei, dass er "die sofortige Unterbringung dieser Menschen in ein Arbeitslager für angebracht" halte. Himmler befiehlt der Gestapo daraufhin, "brutal durchzugreifen", "das ganze Übel muss radikal ausgerottet werden", "mit schärfsten Mitteln". Das bedeutet Haft im Konzentrationslager für die "Rädelsführer", Prügel und verschärften Dienst in der Hitlerjugend für die übrigen, Ermittlungen auch gegen Lehrer und Eltern.  

Konzentrationslager und Zwangsarbeit

Der Hamburger Swing-Liebhaber Günter Discher vor seiner Plattensammlung (Aufnahme von 1998). © dpa Foto: Oliver Soulas
Der Hamburger Swing-Liebhaber Günter Discher wird als 18-Jähriger ins KZ gesperrt. Bis zu seinem Tod sammelt er weiter Swing-Platten.

Einige Jugendliche entgehen der Haft, weil sie sich als Spitzel für die Gestapo verpflichten, andere werden als Soldaten an die Front geschickt. Dutzende Jugendliche aber werden in den folgenden Monaten in "Arbeitserziehungslager" und Konzentrationslager gesperrt, etwa der 18-jährige Kaufmannslehrling Günter Discher, weil er sich Swing-Platten aus dem besetzten Dänemark schicken ließ und sie verkaufte. Wegen "zersetzenden und staatsabträglichen Treibens" kommt er ins Jugendkonzentrationslager Moringen bei Göttingen und muss mit anderen Swing-Boys Zwangsarbeit in einer unterirdischen Munitionsfabrik leisten. Er wird lebenslang an den Folgen der Haft leiden. Swing-Mädchen wie die 14-jährige Eva Rademacher und die 17-jährige Ursula Nielsen werden in das Außenlager "Uckermark" des KZ Ravensbrück gesperrt, wo sie hungern müssen und gefoltert werden.

Swing zwischen Ruinen

Doch trotz der rigiden Maßnahmen kann das NS-Regime die Swing-Jugend in Hamburg und anderen norddeutschen Städten wie Bremen oder Rostock nicht vollends zerschlagen. Bereits 1944 bilden sich erneut Cliquen und Klubs in Hamburg, die sich heimlich treffen, Ausflüge veranstalten, Platten tauschen. Doch erst nach dem Ende des Krieges können sie unbehelligt ihre Musik hören. So trifft auch Günter Discher nach seiner Befreiung aus dem KZ im Mai 1945 in Hamburg-Eimsbüttel auf alte Freunde, die zwischen den Trümmern Schallplatten hören und zur Musik von Teddy Stauffer tanzen.

Weitere Informationen
Tanzszene aus dem Hollywood Film Swing Kids von 1993. © picture alliance / United Archives/IFTN

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Das Forum | 21.11.2015 | 19:20 Uhr

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