Greenpeace-Aktivisten hindern das Verklappungsschiff "Kronos" mit einer festgemachten Rettungsinsel am Auslaufen. © Greenpeace

Wie Greenpeace im Norden zu kämpfen begann

Stand: 13.10.2020 14:41 Uhr

Sie ketten sich an Bahngleise, klettern auf Schornsteine, kapern Bohrschiffe - seit 40 Jahren machen Aktivisten von Greenpeace mit spektakulären Aktionen für mehr Umweltschutz auf sich aufmerksam.

Es ist die erste Aktion von Greenpeace in Deutschland: Am 13. Oktober 1980 hindert eine Handvoll Umweltschützer das Verklappungsschiff "Kronos" in Nordenham an der Unterweser daran, in Richtung Nordsee auszulaufen. Dort sollte die "Kronos" im Auftrag deutscher und internationaler Chemiekonzerne giftige Dünnsäure in die Nordsee leiten - damals noch ein völlig legaler Vorgang, obwohl bekannt war, dass das Gift Fische und Plankton schwer schädigt.

Tote Fische vor das Bayer-Chemiewerk gekippt

Gruppenbild der Gründer von Greenpeace Deutschland (von links nach rechts: Heinrich Bauer, Gerhard Wallmeyer, Monika Griefahn, Harald Zindler, Wolfgang Fischer, Gerd Leipold und Rex Haas © Greenpeace
Die Gründer von Greenpeace in Deutschland nahmen 1980 den Kampf gegen Umweltgifte durch Großunternehmen auf.

"Die Aktion planten wir gemeinsam mit den Elbfischern, die damals bis zu einem Drittel ihres Fangs über Bord schmeißen mussten, weil jeder sehen konnte, dass die Fische krank waren. Die Fischer waren wegen der Gifteinleitungen schon seit Langem auf den Barrikaden", erinnert sich Gerhard Wallmeyer, Gründungsmitglied von Greenpeace Deutschland. Am selben Tag kippen weitere Greenpeace-Aktivisten missgebildete tote Fische vor das Bayer-Chemiewerk in Brunsbüttel und das Hydrografische Institut in Hamburg. Über diese ersten zwei Aktionen berichten die Lokalzeitungen, auch bei Umweltgruppen gibt es einige Resonanz. Überregionale Medien beschäftigen sich aber zunächst nicht mit dem Thema.

Stichwort: Dünnsäure

Dünnsäure ist verdünnte Schwefelsäure. Sie entsteht unter anderem als Abfallprodukt bei der Herstrellung von Weißmachern und Farbstoffen und kann außerdem noch Eisen und Erzrückstände in hoher Konzentration sowie teils hochgiftige
Schwermetalle wie Arsen, Blei, Chrom, Kadmium, Kupfer, Nickel, Titan und Zink enthalten. Die Einleitung (Verklappung) von Dünnsäure in die Nordsee ist seit 1990 verboten.

Umweltschützer besetzen Schornstein bei Boehringer in Hamburg

Das ändert sich mit der zweiten großen Greenpeace-Aktion in Deutschland: Zwei Aktivisten besetzen den Schlot der Chemiefabrik Boehringer in Hamburg-Billbrook und rollen ein Protest-Transparent aus, um auf den ungebremsten Ausstoß von Dioxin und anderen hochgiftigen Umweltgiften aufmerksam zu machen. Die Aktion sorgt für Furore: Mehrfach berichtet die Tagesschau darüber. Fotos der beiden Umweltschützer, die sich am Schornstein festgekettet haben, gehen durch die Zeitungen. "Danach war unser Leben als Bürgerinitiative ein völlig anderes. Wir kriegten plötzlich säckeweise Post", erinnert sich Wallmeyer. "In vielen Briefen war Geld oder ein Scheck, oder jemand wollte Mitglied werden. Wir mussten erstmals jemanden auf Teilzeit einstellen, um die Verwaltung und Buchführung zu übernehmen. Es ging rasant aufwärts", so Wallmeyer, der bis 2017 die Spendenabteilung der Organisation leitet.

Greenpeace-Gründer Wallmeyer: "Wir trafen den Zeitgeist"

Gerhard Wallmeyer vor dem Greenpeace-Büro in Hamburg an der Elbe © NDR Foto: Irene Altenmüller
Gerhard Wallmeyer an der Elbe im Hamburger Hafen - in den 80er-Jahren noch "eine dreckige, stinkige Gegend".

Die folgenden Greenpeace-Aktionen stoßen auf ein enormes Medienecho. Kein Zufall: Die Umweltschützer setzen auf die Macht der Bilder. Schlauchboote, die riesige Schiffe aufhalten, Schornsteinkletterer, die eine Chemiefabrik in Misskredit bringen - stets transportiert Greenpeace die Botschaft: Jeder Einzelne kann etwas bewirken, auch gegen die ganz Großen. "Unsere Idee löste eine enorme Begeisterung aus. Es traf genau den damaligen Zeitgeist, nicht nur auf Marktplätzen zu demonstrieren, sondern direkte gewaltfreie Aktionen zu machen", sagt Wallmeyer.

Greenpeace kämpft mit der "Beluga" für saubere Flüsse

Ein Greenpeace-Taucher befördert giftige Abwässer an die Oberfläche der Weser. © Greenpeace Foto: Diether Vennemann
Das Greenpeace-Laborschiff "Beluga" kreuzte über Deutschlands Flüsse. Taucher machten die versteckten Einleitstellen unter Wasser ausfindig.

In den 80er-Jahren kämpft Greenpeace in Deutschland gegen die Verschmutzung der Flüsse, die regelrecht zu Kloaken verkommen sind. Ungehindert leitet die Industrie ihre giftigen Abwässer ein. "Ich bin damals häufig mit Journalisten mit dem Schlauchboot auf der Elbe durch den Hamburger Hafen gefahren und da konnte ich alle 200 bis 300 Meter ein Abwasserrohr zeigen, da kam es mal knallgelb raus, mal violett, mal heiß dampfend", so Wallmeyer. Die Einleitgenehmigungen waren geheim, sodass nur mittels Proben herauszufinden war, welche Abwässer die Firmen eigentlich in die Flüsse leiteten.

Von Spendengeldern erwerben die Umweltschützer ein ausrangiertes Feuerwehrschiff, das sie mit Helfern in ein schwimmendes Labor umwandeln. Mit der "Beluga" untersuchen sie Wasserproben aus Elbe, Weser und Rhein direkt an den Einleitstellen. "Wir waren die Einzigen, die Laborschiffe in Fahrt hatten. Wir waren besser ausgerüstet als alle Behörden", erinnert sich Wallmeyer nicht ohne Stolz.

"Das Bewusstsein der Menschen hat sich verändert"

Greenpeace deckt einen Umweltskandal nach dem anderen auf, die Medien und die gesamte Öffentlichkeit schenken den Greenpeace-Aktionen besondere Aufmerksamkeit. Damit hat die Organisation ein wichtiges Ziel erreicht: Sie hat das Problem der Umweltverschmutzung in die Öffentlichkeit gebracht und Sensibilität dafür geweckt. "Ich glaube, das ist sogar die wichtigste Funktion von Greenpeace. Das Bewusstsein der Menschen hat sich verändert. Wir haben Leute dazu gebracht, über die Umweltverschmutzung nachzudenken. Man kann alle möglichen konkreten Erfolge aufzählen, wie etwa mit der Dünnsäure, aber wichtiger ist, dass viele Menschen ihre persönliche Einstellung geändert haben", so Wallmeyer.

VIDEO: Greenpeace Deutschland: 40 Jahre Taten statt Warten (4 Min)

Doch Greenpeace macht nicht nur auf Probleme aufmerksam, sondern sucht auch nach Lösungen. In den 90er-Jahren entwickelt die Organisation gemeinsam mit einer sächsischen Firma den ersten FCKW-freien Kühlschrank. Die großen Hersteller laufen zunächst Sturm gegen die Erfindung. Doch die Verbraucher wollen das umweltfreundliche Gerät und kaufen es. Schon bald hat sich der FCKW-freie Kühlschrank bei allen Herstellern durchgesetzt. Ähnlich erfolgreich ist eine Greenpeace-Kampagne für chlorfrei hergestelltes Papier - der Verbraucher beginnt, seine Macht gegenüber den Unternehmen zugunsten des Umweltschutzes zu nutzen.

Die Macht des Verbrauchers und das PR-Desaster um "Brent Spar"

Mit Wasserkanonen versucht der Ölkonzern, das Greenpeace-Schlauchboot von der Ölplattform "Brent Spar" fernzuhalten. © Greenpeace Foto: Dave Sims
Die Besetzung der Ölplattform "Brent Spar" war eine der spektakulärsten Aktionen. Mit Wasserkanonen versuchte der Ölkonzern, die Aktivisten fernzuhalten.

Das funktioniert auch bei einer weiteren spektakulären Greenpeace-Aktion: 1995 besetzen Aktivisten die Öllager- und Verladeplattform "Brent Spar", die der Shell-Konzern in der Nordsee versenken will. Mehrere Wochen zieht sich die Auseinandersetzung zwischen Umweltschützern und Ölkonzern hin. Greenpeace ruft die Verbraucher zu einem Boykott von Shell-Tankstellen auf, die Umsätze brechen um bis zu 50 Prozent ein. Schließlich lenkt der Konzern ein und entsorgt die Plattform an Land. Doch für Greenpeace endet die Aktion in einem PR-Desaster: Es stellt sich heraus, dass die giftigen Ölrückstände im Tank der Plattform viel geringer sind, als die Umweltschützer behauptet hatten, und weitgehend den Angaben des Ölkonzerns entsprechen. Die Umweltschutzorganisation entschuldigt sich bei Konzern und Öffentlichkeit, doch die Glaubwürdigkeit von Greenpeace ist - zumindest vorübergehend - beschädigt.

Klimawandel und Kohleausstieg sind aktuelle Themen

Greenpeace protestiert gegen den Import von Soja aus zerstörten Wald- und Savannengebieten am Frachtschiff "Hiroshima Star" in der Unterweser. © Greenpeace Foto: Daniel Müller
Ein wichtiges Thema für die Greenpeace-Aktivisten ist der Schutz des Regenwaldes am Amazonas.

Auch im neuen Jahrtausend gehen Greenpeace die Arbeitsfelder nicht aus. Ganz oben auf der Agenda: der Kampf gegen den Klimawandel. Dazu gehören Aktionen für den Ausstieg aus der Kohle - zum Beispiel im Tagebau im nordrhein-westfälischen Garzweiler. "Wir setzen uns weiter für den Kohleausstieg bis spätestens 2030 ein", sagt Martin Kaiser, Geschäftsführender Vorstand von Greenpeace Deutschland. Darüber hinaus unterstützt Greenpeace die Klima-Proteste der Jugendlichen bei "Fridays for Future". Weitere Themenbereiche, die es von den Umweltschützern national und international zu bearbeiten gilt, sind die Verkehrspolitik, der Schutz der Ozeane, Waffenexporte oder die Abholzung des Regenwaldes am Amazonas. Immer wieder macht Greenpeace mit Aktionen darauf aufmerksam - so protestieren Aktivisten 2019 an einem Frachter auf der Weser gegen den Import von Soja aus zerstörten Wald- und Savannen-Gebieten in Brasilien für deutsche Tierställe.

Spenden von Unterstützern erreichen 2019 Rekordniveau

Für ihr Engagement im Umweltsektor ist Greenpeace auf Spenden angewiesen. Denn die Organisation nimmt ausschließlich Geld von Privatleuten, nicht von Regierungen, Parteien oder der Industrie, an. In den vergangenen Jahren steigt die Zahl der Förderinnen und Förderer stark an. 2019 unterstützen rund 608.000 Menschen Greenpeace finanziell. Das ist die höchste Zahl seit Gründung der Umweltschutzorganisation im Jahr 1980. Allein in Deutschland summieren sich die Spenden im vergangenen Jahr auf einen Höchststand von 71 Millionen Euro an. Die hohe Zahl der Förderinnen und Förderer gebe der Organisation mit ihren Spenden Stabilität und Unabhängigkeit. "Und die brauchen wir auch im vierzigsten Jahr unseres Engagements für Klima, Umwelt und Frieden in Deutschland", resümiert Kaiser.

Weitere Informationen
Ein großer Stein hängt an einem Seil auf einem Schiff.
3 Min

Greenpeace versenkt Steinblöcke gegen Fischerei

Vor Fehrmarn hat die Umweltorganisation Greenpaece tonnenschwere Granitblöcke in der Ostsee versenkt. Die Aktivisten wollen so die Fischerei mit Schleppnetzen in Schutzzonen verhindern. 3 Min

Die Greenpeace-Schiffe "Esperanza" (hinten) und "Rainbow Warrior" liegen im Hamburger Hafen an den Landungsbrücken. © picture alliance / dpa Foto: Daniel Bockwoldt

Greenpeace startet von Hamburg aus zu Nordsee-Aktion

Unter anderem geht es um den Protest gegen die geplante Entsorgung von Bohrinseln. (30.07.2020) mehr

Ein Krilltrawler übergibt seinen Fang an ein Frachtschiff. © NDR/Michael Höft
30 Min

Expedition Antarktis

Vier Wochen lang hat ein Team des NDR eine Antarktis-Expedition von Greenpeace begleitet - und dabei eine kaum bekannte Fischerei beobachtet: die Krillfischerei. 30 Min

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 13.10.2020 | 14:00 Uhr

Mehr Geschichte

Die Fußballerinnen derr SSG Bergisch Gladbach nach dem Gewinn des DFB-Pokals 1981. © picture alliance Foto: Roland Witschel

50 Jahre Frauenfußball - Geschichte einer Emanzipation

Am 31. Oktober 1970 ließ der Deutsche Fußball-Bund das Verbot für Frauenfußball fallen. Eine Erfolgsgeschichte begann. mehr

Eine Fernsehansagerin des NDR bei Aufnahmen 1957 im Studio. © NDR

NDR Retro: Der Norddeutsche Rundfunk öffnet sein Fernseh-Archiv

Ab dem 27. Oktober stellt der NDR Tausende historische Videos aus den 50ern und 60ern online. Hier gibt es einen Vorgeschmack. mehr

Helmut und Loki Schmidt 1972 in ihrem Haus am Brahmsee. © Friedrich-Ebert-Stiftung Foto: J.H. Darchinger

Loki Schmidt: Mehr als nur Kanzlergattin

Bekannt geworden als Ehefrau von Helmut Schmidt, war Hamburgs Ehrenbürgerin vor allem Naturschützerin. Vor zehn Jahren ist sie gestorben. mehr

Die Unglücksstelle der ICE-Katastrophe bei Eschede am 3. Juni 1998 aus der Vogelperspektive. © picture alliance/Ingo Wagner/dpa Foto: Ingo Wagner

ICE-Unglück in Eschede: Eine Katastrophe und ihre Folgen

101 Menschen sterben 1998 beim ICE-Unfall in Eschede. Die Rekonstruktion des Unglücks - und was die Verantwortlichen heute sagen. mehr

Norddeutsche Geschichte