Sendedatum: 09.02.2006 19:00 Uhr  | Archiv

Erschossen in Moskau

von Christiane Blume

Anfang der Fünfzigerjahre verschwinden zahllose DDR-Bürger ohne jede Spur - sie werden aus ihren Häusern geholt oder tauchen nach der Arbeit einfach nicht mehr auf. Was mit ihnen geschieht, erfahren ihre Angehörigen nicht. Erst nach der Wende kommt die bittere Wahrheit ans Licht: Zwischen 1950 und 1953 wurden 927 Deutsche von sowjetischen Militärtribunalen zum Tode verurteilt, in Moskau erschossen und dort in einem Massengrab verscharrt. Zwei Angehörige und ein Überlebender berichten.

Aus dem Leben gerissen

Arno Franke mit Frau und Söhnen. © Arno Franke Foto: Privat, Arno Franke
Arno Franke - hier mit Frau und Sohn- wurde verhaftet und zum Tode verurteilt.

Jürgen Franke aus Demmin ist drei Jahre alt, als er seinen Vater, Arno Franke, zum letzten Mal sieht. Dieser arbeitet bei der Post und baut nebenher für seine Familie ein Haus. Zudem engagiert er sich in der CDU. Dass ein sozialistischer Staat nicht seinen Idealvorstellungen entspricht, erzählt er ganz offen in der Gemeinde. "Er wollte ein anderes System als das, was er in Russland gesehen hatte. Und da hat er sich wohl ein paar Feinde gemacht", sagt sein Sohn. Eines Abends, die Familie ist gerade beim Essen, wird Arno Franke ohne jede Erklärung verhaftet.

Auch Christoph Priesemann ist noch ein Kind, als er seinen Vater verliert. Gerhard Priesemann arbeitet als Planungsstatistiker bei der Verwaltung Volkseigener Betriebe in Schwerin. Auch er ist CDU-Mitglied, und zutiefst verärgert, als Jakob Kaiser - der Vorsitzende und Mitbegründer der ostdeutschen CDU - abgesetzt wird. Dass Gerhard Priesemann den Kontakt zu Jakob Kaiser weiterhin aufrecht erhält, wird ihm zum Verhängnis: 1950 verschwindet er spurlos auf dem Weg zur Arbeit. Seine Frau bleibt mit den vier Kindern allein.

Bereits seit 1947 engagiert sich der Schüler Eduard Lindhammer in der Liberal-Demokratischen Partei (LDP) in Schwerin. Nach den Erfahrungen mit der NS-Diktatur will er dazu beitragen, eine weitere schreckliche Diktatur zu verhindern. Unermüdlich verteilt er in der Innenstadt Flugblätter der LDP. Das wird nicht gern gesehen: Am 5. Juli 1950 wird der 18-Jährige er aus dem Englischunterricht gerufen und verhaftet.

Härte und Willkür

Drei Menschen, drei Schicksale: Sie alle geraten ins Visier des sowjetischen Geheimdienstes. Denn obwohl die DDR seit 1949 als souveräner Staat gilt, wird sie von der Sowjetunion noch immer als besetztes Territorium verstanden und gilt als das wichtigste Bollwerk gegen die Alliierten in Westeuropa. Aus Angst vor Spionage und vor dem Widerstand gegen die Besatzungsmacht gehen das neu gegründete Ministerium für Staatssicherheit und der sowjetische Geheimdienst mit brutaler Härte gegen kritische Stimmen vor. Jeden kann es treffen. "Es war reine Willkür", sagt der Historiker Jörg Rudolph, Geschäftsführer des Berliner Geschichtsinstituts Facts & Files: "Mit sachlichen Gründen hatte das nichts zu tun. Man wollte alle Informationsstränge auslöschen, den Feind vernichten und in Ostdeutschland alle Möglichkeiten ausschließen, Nachrichten in den Westen zu transportieren."

Überfüllte Gefängniszellen und körperliche Gewalt

Die Verhafteten werden zum Demmlerplatz nach Schwerin gebracht, dem Sitz des sowjetischen Militärtribunals im Norden der DDR. Das dortige Untersuchungsgefängnis ist völlig überfüllt. Fünf Menschen kauern in einer winzigen Einmannzelle, ohne Heizung, Toilette und Waschgelegenheit. Gleich nach der Verhaftung beginnen die stundenlangen Verhöre - meist auf Russisch. Obwohl die meisten Inhaftierten kaum russisch sprechen, müssen sie jedes Verhörprotokoll unterschreiben. Wenn nicht, werden sie bestraft: durch Nahrungsmittelentzug, Verlegung in schlechtere Zellen oder körperliche Gewalt.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 09.02.2006 | 19:00 Uhr

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