Stand: 25.08.2015 20:15 Uhr

Die "Völkerfreundschaft" - Urlauberschiff der DDR

von Henning Strüber, NDR.de

Nicht erst seit der AIDA-Reederei ist in Rostock die Kreuzfahrtschifffahrt zu Hause. Schon zu DDR-Zeiten stechen in der Hansestadt Urlauberschiffe in See, auf denen die "werktätige Bevölkerung" und "verdiente Aktivisten" in den Ostseeraum oder zum Schwarzen Meer reisen. Auch Sportler der Olympiamannschaft der DDR gehen an Bord. Die "MS Völkerfreundschaft" ist das erste dieser sozialistischen Traumschiffe. Zusammen mit der nach dem Spartakus-Mitbegründer und Komintern-Funktionär benannten "Fritz Heckert", dem einzigen Neubau eines Kreuzfahrtschiffes in der DDR, wird die "Völkerfreundschaft" ab 1960 eingesetzt. Später kommt noch die "MS Arkona" hinzu, die als "MS Astor" auch das TV-Traumschiff des ZDF war.

Unterwegs auf der MS "Völkerfreundschaft"

Das "Unglücksschiff" wird Urlauberschiff

Schon vor seiner ersten Fahrt unter DDR-Flagge im Februar hatte das Schiff traurige Berühmtheit erlangt. Am 25. Juli 1956 war es als "Stockholm" noch unter schwedischer Flagge in einer Nebelbank vor der US-Ostküste mit dem doppelt so großen Liner "Andrea Doria" kollidiert. Während das italienische Schiff sank - 51 Menschen kamen bei dem Unglück ums Leben (fünf davon auf der "Stockholm") - erreichte der beschädigte Havarist New York und wurde repariert. 1960 kauft die DDR das Schiff für 20 Millionen Kronen.

Technische Daten der "Völkerfreundschaft"

Baujahr: 1948
Gesamtlänge: 160,07 Meter
Breite: 21,03 Meter
Vermessung: 12.442 BRT
Besatzung: 220
Passagierzahl: 550
Maximale Geschwindigkeit: 19 Knoten
Nation: DDR (1960-1985)
Heimathafen: Rostock (1960-1985)

Rauchen im Salon, Volleyball auf dem Oberdeck

Im Februar 1960 bricht die vom AIDA-Vorgänger Deutsche Seereederei Rostock (DSR) bereederte "Völkerfreundschaft" schließlich zu ihrer ersten großen Fahrt ins Mittelmeer auf. Zuvor wird das sozialistische Traumschiff aber umgebaut. Es soll in puncto Luxus den Bauten des Klassenfeindes in nichts nachstehen. Es gibt ein Außen- und ein Innenschwimmbad, einen Frisiersalon, Rauchsalon und ein Verandakaffee mit großer Tanzfläche, in einem Kinosaal für 180 Besucher werden die neuesten Filme DEFA-Produktionen gezeigt. Wer es sportlich mag, kann Tischtennis spielen oder auf dem Oberdeck Volleybälle schmettern. Der Ball ist an einer Sehne befestigt, damit er nicht über Bord gehen kann.

Ehemaliger Stewart erinnert sich

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Reinhard Brandt fuhr von 1976 bis 1981 auf der "MS Völkerfreundschaft".

"Aber das ganze Entertainment, so wie es heutzutage auf den modernen Kreuzfahrtschiffen Standard ist, das gab es noch nicht", sagt Reinhard Brandt. Der Schweriner ist von 1975 bis 1981 als Stewart auf Schiff - bis ihm die Staatssicherheit sein Seefahrtsbuch wegnimmt, weil ein Freund einen Ausreiseantrag gestellt hat. Brandt erinnert sich gern zurück: "Das war eine sehr interessante Zeit: Seefahrt zu den Bedingungen der DDR. Es war die einzige Möglichkeit, das Land legal zu verlassen." Als Stewart ist es Brandts Aufgabe, sich um die Gäste zu kümmern. "Das war von morgens bis abends schwere Arbeit.“

Ostsee, Schwarzes Meer, Karibik

Im Frühjahr und Herbst stehen Reisen für den Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) auf dem Programm, im Winter wird das Schiff zeitweilig an die schwedische Stena-Line verchartert, denn die DDR leidet chronisch unter Devisenmangel - und die West-Kundschaft zahlt gut. Anfang Mai beginnt die Ostseesaison. Eine Reise dauert stets zwei Wochen und führt in Häfen der befreundeten sozialistischen Bruderstaaten. So geht es von Rostock über Gdynia bis ins frühere Leningrad. Zurück im Heimathafen steht gleich der nächste Passagierwechsel an. "Als Besatzung ist man sechs bis acht Wochen mitgefahren und hat dann eben mal vier Wochen frei gehabt", sagt Brandt.

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