Ein Deich bei der Sturmflut 1962 © Oke Petersen Foto: Oke Petersen

Der Kampf gegen die Sturmfluten in Schleswig-Holstein

Stand: 19.01.2022 10:15 Uhr

Der Deichbau ist keine Erfindung der Neuzeit. Schon seit Jahrhunderten haben die Küstenbewohner immer wieder mit schweren Sturmfluten zu kämpfen gehabt. Dabei wurde auch die Nordseeküste stark verändert.

von Werner Junge

Ein Überblick über die schlimmsten Sturmfluten der vergangenen 850 Jahre.

Die goßen Veränderungen an der Küstenlinie

17. Februar 1164: "Erste Julianenflut" - eine der ersten sehr schweren Sturmfluten nach Beginn des Deichbaus. Sie richtete vor allem im heutigen Niedersachsen große Schäden an und leitete die Entstehung des Jadebusens ein.

14. Dezember 1287: Die "Luciaflut" sucht die gesamte Nordseeküste heim.

16. Januar 1362: "Zweite Marcellusflut" - sie ging als "Grote Mandränke" oder "Erste Mandränke" in die Geschichtsbücher ein. Das Gesicht der schleswig-holsteinschen Westküste wurde stark verändert. Unter anderem ging Rungholt unter. Vor allem aber veränderte die Flut das Gebiet zwischen Eiderstedt und Sylt. Aus einer bis dahin zwar durch Priel unterbrochen Landschaft mit einer fast durchgängigen Küste entstanden Insel und Halligen. Neben Sylt, Föhr und Amrum war es vor allem die große Insel Strand. Nach der "Ersten Mandränke" begann die Landgewinnung in Nordfriesland

1. November 1436: "Allerheiligenflut" - Überflutungen in Eiderstedt und Nordstrand, keine Landverluste.

31. Oktober 1532: "Dritte Allerheiligenflut" - mehrere Tausend Tote in Nordfriesland. Erste Höhenmarke in der Kirche von Klixbüll überliefert.

1610: An der schleswig-holsteinischen Westküste endet die Zeit des genossenschaftlich durch die Marschbewohner organisierten Deichbaus. Der Deichbau wird Unternehmen übertragen, die nun Tagelöhner einsetzen. Erstes Deichbauprojekt in der neuen Form ist der Sieversflether Deich auf Eiderstedt. Der aus Holland angeworbene Generaldeichgraf Johann Claussen Rollwagen führt flachere Deichprofile ein, setzt erstmals an der Westküste Schubkarren ein und vollendet innerhalb weniger Jahre sechs Deichbauprojekte.

1613: In Tönning gibt es den ersten Deicharbeiteraufstand. Die Unruhen der Tagelöhner heißen "Lawai", die niederländische Form für das französische "levée" für Aufstand.

26. Februar 1625: "Fastnachtflut" - eine Eisflut, die von Südholland bis Jütland wütete.

11. Oktober 1634: "Zweite Mandränke", die "Burchardiflut". Allein in Nordfriesland sollen in den Fluten 9.000 Menschen umgekommen sein. Sie zerriss die Insel Strand in die Teile Nordstrand und Pellworm. Die durch die Mandränke verarmten Küstenbewohner waren nicht mehr in der Lage, die enormen Kosten für den Deichbau aufzubringen. Deshalb suchten die Gottorfer finanzkräftige Investoren. Die fanden sie vor allem in den Niederlanden. Der Herzog vergab nun das Recht, aufgewachsenes Vorland zu bedeichen als "Oktroy" an private Bauherren. Neben den Gewinnen aus den reichen Erträgen der jungen Marsch, sollten Steuerprivilegien, das Recht Mühlen zu bauen und - wichtig gerade für die von Glaubenskämpfen zerrissenen Niederlande - Religionsfreiheit die Investoren locken. Von der Elbe bis nach Tondern brach ein Deichbauboom aus.

24. Dezember 1717: "Weihnachtsflut" - große Verwüstungen im gesamten Küstengebiet, 6.000 Quadratkilometer werden überflutet, die Zahl der Todesopfer rund um die Nordsee wird auf 12.000 geschätzt. An der Westküste war Dithmarschen besonders schwer betroffen.

29. Januar 1800: Der dänische König Christian VII. erlässt ein Patent für den dänischen Gesamtstaat, um Kontrolle und Unterhalt der Deiche auf eine einheitliche Rechtsgrundlage zu stellen. Vor allem geht es darum, die nicht durch Vorland geschützten so genannten "Schardeiche" sicherer zu machen.

3. und 4. Februar 1825: "Halligflut" - die Jahrhundertflut des 19. Jahrhunderts. Sie richtete besonders auf den Halligen große Schäden an. In Jütland brach die Nordsee zum Limfjord durch.

1862 bis 1897: Die Hamburger Hallig (1862), Oland (1896), Langeneß und Nordstrandisch-Moor (1897) werden durch Dämme mit dem Festland verbunden.

13. März 1906: "Märzflut" - es gibt größere Scheitelhöhen als 1825, jedoch keine hohen Verluste an Menschenleben, Land und Sachgütern.

Das Ende des privat finanzierten Deichbaus

1926 bis 1938: Mit dem Bau des Neufelder Kooges in Dithmarschen und dem Sönke-Nissen-Koog in Nordfriesland endet die Zeit des privatfinanzierten Deichbaus. Nach ihrer Machtübernahme beginnen die Nationalsozialsten mit staatlichem Deichbau. Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges entstanden neun neue Köge. Einerseits als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme gedacht, waren die auch nach NS-Größen benannte Köge vor allem für die Propaganda wichtig, weil neuer "Lebensraum" geschaffen wurde.

18. Oktober 1936: "Mittagsflut" - eine schwere Sturmflut zur Springtidezeit, die ihren Höhepunkt an der Westküste am Mittag erreichte, Deiche überströmte und zahlreiche Böschungsschäden anrichtete.

10. Februar 1949: "1. Niedrigwasserorkanflut" - ein örtlich begrenzter sehr starker Sturmwirbel erreicht die Küste kurz vor dem Hochwasser und staute das Meer an den Deichen bis sechs Stunden bis zur Niedrigwasserzeit. Kaum Schäden.

1. Februar 1953: "Hollandsturmflut" - eine außergewöhnlich hohe Katastrophenflut, die erst auf die Westküste zulief und dann die Richtung änderte, um zu Rekordwasserständen im Rhein, Maas, Schelde Gebiet aufzulaufen. 67 Deiche brachen, 2.000 Menschen ertranken. Die Hollandflut löste an der Westküste eine Bestandsaufnahme aus, die dazu führte, dass in den Folgejahren fast die Hälfte der noch 580 Kilometer Festlandsdeiche "ertüchtigt" wurden. Die verstärkten Deiche hielten (weitestgehend) bei der "Hamburgflut".

16. und 17. Februar 1962: "Hamburgflut" - sie richtete erhebliche Schäden von Ostfriesland bis Nordfriesland an. Vor allem Hamburg war betroffen, ein Sechstel der Stadtfläche wurde überschwemmt, allein dort starben 315 Menschen.

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20. Dezember 1963: Schleswig-Holstein legt den "Generalplan Deichverstärkung, Deichverkürzung und Küstenschutz in Schleswig-Holstein" vor. Der Beginn des größten Deichbauprojektes in der Geschichte Schleswig-Holsteins. Bis heute sind mehrere Milliarden Euro verbaut worden.

23. Februar 1967: "2. Niedrigwasser-Orkanflut" - die höchste bis dahin gemessene Orkanstärke (14 Beaufort). Im Gegensatz zur "1. Niedrigwasserflut" kam der Orkan tatsächlich zur Niedrigwasserzeit und flaute vor dem Hochwasser ab. Es kam zu geringen Deich-, aber enormen Gebäudeschäden. Die Sturmflut wird auch "Adolph-Bermpohl-Orkan" genannt, weil der gleichnamige Seenotrettungskreuzer während des Sturmes schwer verunglückte. Die vierköpfige Besatzung und drei zuvor gerettete Fischer kamen ums Leben.

3. September 1969: Der Küstenschutz wird zu einer nationalen Aufgabe. Mit dem Gesetz über die Gemeinschaftsaufgabe "Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes" wird vereinbart, dass der Bund 70 Prozent der Investitionskosten für Küstenschutzmaßnahmen übernimmt.

1. Januar 1971: Die Landesschutzdeiche (also die Erste- oder Seedeichlinie) werden verstaatlicht. Damit endet die jahrhundertealte Zuständigkeit der regionalen Deichverbände. Sie bleiben zuständig für die zweite Deichlinie und die Binnenentwässerung.

3. Januar 1976: "Jahrhundertflut" - sie brachte die bis dahin höchsten Wasserstände. Der außergewöhnliche heftige Sturm dauerte fünf Stunden. Dank der seit 1963 eingeleiteten Maßnahmen des "Generalplans Küstenschutz" brachen die Deiche nur an drei noch nicht ertüchtigten Deichstrecken.

24. November 1981: "Nordfrieslandflut" - sie brachte die im nördlichen Nordfriesland die höchsten bis dahin gemessenen Wasserstände.

26. bis 28. Februar 1990: "Orkankette" - die bisher größte bekannte unmittelbare Abfolge von Sturmfluten, die innerhalb von zwei Tagen zwei Sturmfluten, zwei Orkanfluten und eine Windflut brachte. Beschädigt wurde nur der Seedeich in Dagebüll und es kam zu Landverlusten auf Sylt.

5. bis 7. Dezember 2013: Orkan "Xaver" löste mehrere Sturmfluten aus. Die Deiche in Schleswig-Holstein hielten, doch an 60 Prozent Prozent der Steilküste brachen Vordünen ab, insgesamt 21 Kilometer Küstenstrecke wurden beschädigt. Auch der Wall an der Wattenmeerseite drohte zu brechen.

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Die überschwemmte Straße an den Vorsetzen in Hamburg nach der Sturmflut am 16.02.1962. © picture-alliance/dpa

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Moin! Schleswig-Holstein – Von Binnenland und Waterkant | 16.02.2017 | 21:10 Uhr

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