Stand: 06.11.2018 17:11 Uhr

Vor 55 Jahren: "Das Wunder von Lengede"

von Astrid Reinberger, NDR.de

Lengede - ein kleiner Ort in der Stahlregion zwischen Salzgitter und Peine. Im Herbst 1963 gelangt er zu trauriger Berühmtheit, wird Schauplatz eines Bergwerks-Unglücks und schließlich des "Wunders von Lengede". Doch dazwischen liegen 14 dramatische Tage mit Trauer, Bangen und Hoffen. 29 Menschen verlieren ihr Leben, 89 werden gerettet - die letzten am 7. November 1963.

Rettungsarbeiten in Lengede 1963. © dpa - Fotoreport

Das geschah in Lengede

Am 24. Oktober 1963 werden 50 Bergleute im niedersächsischen Lengede verschüttet. Elf harren in einem Hohlraum aus. Von dort werden sie erst 14 Tage später gerettet.

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Routine im Bergwerk

Donnerstag, 24. Oktober 1963: Die zweite Schicht im niedersächsischen Erzbergwerk Lengede bei Salzgitter nähert sich dem Ende, es ist bald 19.30 Uhr. Bergmann Bernhard Wolter will pünktlich Feierabend machen, um schnell zu seiner fünf Monate alten Tochter und seiner Frau zu kommen. Eigentlich hatte er ohnehin Urlaub nehmen wollen - aber der Gedanke an ein zusätzliches Weihnachtsgeld spornt ihn an, doch noch eine Schicht zu übernehmen. Dem jungen Elektromechaniker Adolf Herbst geht es ähnlich - er soll eine Pumpanlage im Schacht Mathilde installieren und hat sogar eine Extraschicht drangehängt. Kurz vor 20 Uhr hört er auf zu arbeiten, ist erschöpft. Aber er freut sich auf den nächsten Tag, denn er will frei nehmen und seine für den Sonnabend geplante Verlobung vorbereiten.  

Sintflut aus Schlamm und Wasser

Doch für beide kommt es ganz anders: Kurz vor 20 Uhr bricht der erst kürzlich gebaute Klärteich ein. Fast 500.000 Kubikmeter Schlamm und Wasser fluten die Grube Mathilde. In dem Schacht sind zum Zeitpunkt des Unglücks 129 Arbeiter. Zwei Kumpel können sich über den Hauptschacht retten, 44 über den Materialstollen. 33 werden mit Strickleitern durch ein Wetterbohrloch gezogen. Für Bernhard Wolter, Adolf Herbst und die restlichen Bergleute scheint die Lage jedoch aussichtslos zu sein. Vor ihren Augen reißt das Wasser alles mit, was sich ihm in den Weg stellt: Werkzeug, Holzwagen, Kollegen.

Flucht in den "Alten Mann"

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Zwei Tage nach dem Unglück beschließt die Einsatzleitung, Bohrungen durchzuführen und nach Überlebenden zu suchen.

Wolter und Herbst flüchten sich geistesgegenwärtig in einen alten Streckenausbau. Doch auch hierhin kommt das Wasser, sodass die Männer - und mit ihnen 19 andere - von einer Höhle in die nächste klettern, bis sie schließlich über ein schmales Brett in einen Bruchhohlraum gelangen, einen sogenannten Alten Mann. Er ist sechs mal zwei mal drei Meter groß. Der alte Hohlraum ist nicht mehr abgesichert, von oben lösen sich Steine, der Sauerstoff ist knapp, sodass sie sich kaum wach halten können. Hier werden die Männer die nächsten 14 Tage ausharren - lebendig begraben.

Kumpel geben die Vermissten nicht auf

Freitag, 25. Oktober: Fast 24 Stunden nach dem Unglück werden gegen 19 Uhr sieben weitere Bergleute, die in 40 Metern Tiefe eingeschlossen waren, gerettet - von Kumpeln, die sich ohne Genehmigung der Grubenleitung noch einmal in den Schacht abgelassen haben, um nach Vermissten zu suchen. Am Sonnabend brüten Rettungskräfte und Techniker wieder über den Tunnelskizzen des Bergwerks. Sie berechnen, dass sich am Ende einzelner Stollen Luftblasen gebildet haben könnten - und dass sich dort möglicherweise Überlebende aufhalten. Die Einsatzleitung beschließt, an verschiedenen Orten zu bohren.

Klopfzeichen aus 79 Metern Tiefe

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Am 1. November können drei weitere Bergleute gerettet werden, hier steigen sie aus einer Druckkammer, in der sie dekomprimiert wurden.

Sonntag, 27. Oktober: Die ersten Klopfzeichen werden aufgefangen - drei Bergleute befinden sich tatsächlich in einer Lufttasche in 79 Metern Tiefe, ein vierter Mann, der bei ihnen war, ist ertrunken. In Lengede sind mittlerweile fast 1.000 Hilfskräfte im Dienst - vom Roten Kreuz, dem Technischen Hilfswerk, der Bundeswehr und dem Grenzschutz. Noch nie wurden so viele Rettungsgeräte eingesetzt: Flachbohrer, Großbohrer, Überdruckkammern, Hochleistungskompressoren und die sogenannte Dahlbuschbombe, eine torpedoförmige Rettungskapsel. Fieberhaft wird mit den Bergungsarbeiten begonnen. Doch erst vier Tage später, am 1. November, können die drei geborgen werden. Sie sind erschöpft, aber unversehrt.

Das erste Live-Fernsehspektakel

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Am 6. November 1963 besucht Bundeskanzler Ludwig Erhard (M.) Lengede und gibt Interviews.

Erstmals ist bei einer solchen Rettungsaktion das Fernsehen - NDR und ZDF - live dabei. Insgesamt berichten 449 Journalisten aus aller Welt aus Lengede. 48 Pressekonferenzen werden abgehalten. Der NDR hilft mit Scheinwerfern, Mikrofonen und Gegensprechanlagen. Doch manche Reporter schießen über das Ziel hinaus, bedrängen verzweifelte Bergmannsfamilien. Einer versucht, im Zelt der Rettungskräfte an zusätzliche Informationen zu kommen und wird hinausgeprügelt. Die "Bild"-Zeitung gründet eine Sonderredaktion und mietet ein ganzes Gasthaus. Die örtliche Post kassiert in diesen Tagen für ihre Dienstleistungen insgesamt 30.000 Mark Gebühren.

Elf Männer - gefangen in Dunkelheit

Davon bekommen Bernhard Wolter und Adolf Herbst nichts mit. Sie sitzen immer noch im "Alten Mann", in absoluter Dunkelheit, denn ihre Grubenlichter sind längst erloschen. Aber mittlerweile haben sie mehr Sauerstoff, der vermutlich durch eine kaputte Leitung kommt. Immer wieder kommt es zu Steinschlägen, zehn der Kumpel leben nicht mehr, einige sind schwer verletzt. Sie haben Hunger - und vor allem Durst. Der 20-jährige Herbst ist der erste, der von dem Wasser trinkt, das sie umgibt. Wasser, in dem Leichen verwesen. Die anderen fürchten Leichengifte, warten ab, wie es Adolf Herbst ergeht - und trinken dann auch. Sie sind verzweifelt, haben Wahnvorstellungen - doch die Hoffnung auf Rettung erhält sie am Leben. Wolter glaubt Bohrgeräusche zu hören. Doch über dem "Alten Mann" bohrt niemand, die Geräusche sind eine Illusion.

Videos
03:05

Das "Wunder von Lengede" - Eine Chronologie

Für alle, die 1963 ferngesehen haben, bleibt das Unglück von Lengede unvergessen. Originalaufnahmen von 1963. Video (03:05 min)

Über Tage hat der Hüttendirektor sie bereits für tot erklärt, die Trauerfeier ist für den 4. November angesetzt; 500 Mark an die Witwen sind ausbezahlt, damit sie die Beerdigung finanzieren können. Auch die Bergungskolonnen sind bereits abgerückt. Doch einige der Hauer lassen nicht locker, sie hoffen, dass noch Bergleute am Leben sein könnten - im "Alten Mann". Der Grubendirektor glaubt nicht an Wunder, aber er fürchtet den Zorn der Kumpel und den Druck der Medien. Er lässt noch einmal bohren - wider besseren Wissens, wie er sagt. Doch wo genau der "Alte Mann" unter Tage liegt, zeigen die Karten nicht. An der Stelle, die der Vermessungstechniker für die richtige hält, liegen Schienen, daher wird die Bohrstelle einfach einige Meter weiter in eine andere Richtung verlegt.

Unglaubliches Glück

Es ist reiner Zufall - und unglaubliches Glück: Am 3. November wird 200 Meter vom gefluteten Hauptschacht entfernt genau der richtige Punkt getroffen. Im "Alten Mann" hören elf Überlebende auf einmal wirkliche Bohrgeräusche, Wasser spritzt über ihre Köpfe. Sie tasten die dunkle Höhle ab, verzweifelt auf der Suche nach etwas, mit dem sie sich bemerkbar machen können. Wolter hat ein Taschenmesser im Schuh, mit steifen Armen versucht er, es schnell herauszuziehen, er klopft wild auf das Metallrohr. Über Tage herrscht Fassungslosigkeit über die Klopfzeichen. Dann Freude. Die Bergungstruppen und die Gerätschaften werden wieder zurückbeordert, die Familien informiert.

Rettung nach 14 Tagen

Mit dieser "Dahlbuschbombe" wurden die elf Kumpel aus der Tiefe nach oben befördert.

Über ein schmales Rohr - es misst gerade mal 42 Millimeter - bekommen die elf Eingeschlossenen Kontakt nach oben. Als erstes erhalten sie eine Taschenlampe, dann Tee, Möhrensaft. Wolter, der Sprecher der Elf, wünscht sich Zigaretten - doch die bekommen sie vorerst nicht. Es dauert noch mehrere Tage, bis sie geborgen werden können. Die Bohrarbeiten müssen behutsam vorgenommen werden, damit die Höhle nicht einstürzt. Es gibt wieder Steinschläge. Sie zertrümmern Bernhard Wolters Rippen. Über eine Gegensprechanlage können die Eingeschlossenen mit ihren Angehörigen sprechen. Als ihnen gesagt wird, Bundeskanzler Ludwig Erhard wolle mit ihnen reden, fühlen sie sich auf den Arm genommen.

Als am 7. November einer nach dem anderen über die Dahlbuschbombe nach oben kommt, werden die mit Sonnenbrillen und Decken versorgt und gefeiert wie Helden. Traurige Helden, denn 29 andere Kumpel sind gestorben - für sie gab es kein Wunder.

Das Leben danach

Bernhard Wolter nimmt nach seiner Gesundung zunächst das Angebot der Grubenleitung an, über Tage zu arbeiten. Nach einiger Zeit verringert sich jedoch der Lohn, sodass Wolter gezwungen ist, wieder unter Tage zu arbeiten. Entsetzt ist er darüber, dass er und seine Frau das Beerdigungsgeld wieder zurückzahlen müssen. Viel Geld verdienen Bergarbeiter nicht - trotz der harten Arbeit und des hohen Risikos.

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Am 10. Juli 1964 heiratet der gerettete Kumpel Adolf Herbst.

Bernhard Wolter schließt deshalb wie einige der anderen Überlebenden von Lengede einen Exklusivvertrag mit dem "Stern" ab und berichtet über die Erlebnisse. Später veröffentlicht er auch ein Buch, erzählt vor Schulklassen, wie es ihm ergangen ist. 2003 stirbt Bernhard Wolter. Adolf Herbst holt nach sechs Wochen Krankenhaus seine Verlobung nach - später feiert er Hochzeit. Unter Tage kehrt er nie wieder zurück.

In Lengede erinnert eine Gedenkstätte auf dem früheren Bergbau-Gelände an das Unglück von 1963.

Karte: Lengede

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 10.07.2018 | 19:30 Uhr

Norddeutsche Geschichte