Stand: 09.11.2016 16:25 Uhr  | Archiv

Wie eine Jüdin ihren Mann aus dem KZ befreite

von Alexander Nortrup, NDR.de
Eine Frau schaut in ein Buch und lächelt dabei. © Anne Siegel
Gerta Stern ist 101 Jahre alt, rettete sich und ihren Mann aus den Fängen der Nazis und arbeitet nach wie vor in ihrem Kosmetikstudio in Panama City. Das klingt nach ausreichend Stoff für ein Buch.

Gerta Stern steht an einem Novembertag des Jahres 1938 in Hamburg vor der schicken Eingangstür des Hauses an der Bergstraße 9. Die 23-jährige Jüdin aus Wien braucht dringend Hilfe für ihren Ehemann und Fürsprecher in einer für sie fast aussichtslosen Lage. Sie hält das elegante Sandsteingebäude nahe der Binnenalster für eine Botschaft. Auf ihr Klopfen öffnet aber ein Herr mit Hakenkreuz-Abzeichen am Revers. In diesem Moment steht für die Jüdin auf der Suche nach Rettung vor den Nationalsozialisten die Welt still. Doch der Mann heißt sie herzlich beim Norddeutschen Lloyd willkommen, einer der größten Reedereien der Welt. Herr Otto, so lässt sich der Mann damals nennen, ist Teil einer Gruppe deutscher Geschäftsleute, die Juden retten wollten.

Ehemann wird am 9. November deportiert

Gerta Stern stammt aus einer bekannten jüdischen Familie in Österreich und ist Schauspielerin. Sie und ihr Ehemann Moses - ein Fußballprofi - sind von Österreich zuvor gemeinsam an die Alster gereist, um ein rettendes Schiff nach Südafrika zu besteigen. Doch das Visum will einfach nicht kommen. Stattdessen kommt am 9. November die Gestapo und deportiert Moses während der Hamburger Novemberpogrome in das KZ Sachsenhausen. Alle Hoffnungen des jungen Paares scheinen dahin zu sein. Bis Gerta Stein an jenem Tag zufällig auf "Herrn Otto" trifft. Er verhilft dem Ehepaar Stern in den folgenden Wochen zu einer sicheren Passage nach Panama.

Buch erzählt ihre Geschichte

Das alles ist 78 Jahre her - doch die inzwischen 101-jährige Hauptdarstellerin dieses historischen Thrillers kann davon berichten, als sei es gestern gewesen. Die deutsche TV-Journalistin und Autorin Anne Siegel stößt im vergangenen Jahr bei einem Besuch in der mittelamerikanischen Metropole Panama City auf Gerta Stern. Sie freundet sich mit der betagten Exil-Wienerin an, findet deren ominösen Helfer und schreibt schließlich in ihrem jüngst im Europa Verlag erschienenen Buch "Señora Gerta" die dramatische Biografie auf. Entstanden ist ein ungewöhnliches und höchst lebendiges Zeugnis deutscher Geschichte. Ein Buch voller Wärme und Detailtreue. Und eine spannende Lektüre.

Dramatische Rettungsaktion

Von Gertas Jugend in Wien ist dort die Rede, von ihrer Heirat mit dem Fußballprofi Moses Stern. Und von einem schweren Gang: Bevor sie gemeinsam von Hamburg ins rettende Panama reisen können, muss Moses aus dem KZ zurückgeholt werden. Anne Siegel beschreibt fasziniert, ja amüsiert und doch zugleich ehrfürchtig, wie die junge Frau eines Abends in einer Art privatem Himmelfahrtskommando in die berüchtigte Hamburger Gestapo-Zentrale marschiert und ihre Schauspielfähigkeiten einsetzt. Ihr rotzfrecher Auftritt als Wiener Straßenmädchen beeindruckt den Wachhabenden und veranlasst ihn, tatsächlich den Passierschein für Moses unterzeichnen. Dass ihr Mann bis zu seinem Tod 1991 als Juwelier und Fußballmanager ein zweites Leben führen darf, verdankt er Gertas Husarenritt.

"Eine sehr spezielle Geschichte"

"Als ich Gerta traf, merkte ich sehr schnell, dass sie eine sehr spezielle Geschichte zu erzählen hat", sagt Biografin Siegel, deren Romandebüt "Nordbräute" 2015 für den Mara-Cassens-Preis des Hamburger Literaturhauses nominiert wird, im Gespräch mit NDR.de. "Vor allem aber wollte ich unbedingt herausfinden, wer ihr unbekannter Retter war." Als Geschenk zum 100. Geburtstag der Kosmetikerin präsentiert Siegel ihr 2015 schließlich das Ergebnis ihrer Recherchen: Höchstwahrscheinlich handelt es sich um Otto Dettmers, einen Juristen und damaligen Vorstand beim Norddeutschen Lloyd, der später bei der Fusion mit HAPAG zu Hapag Lloyd mithilft.

Akribisch in Archiven recherchiert

Siegels Suche in zahlreichen Archiven ergibt zudem, dass Panama zwischen 1938 und 1939 an ganzen zwölf Tagen Juden die Möglichkeit eingeräumt hat, Visa für die Einreise aus Deutschland zu erhalten. Just in diesem mehr als knappen Zeitfenster erhascht Gerta Stern eines der begehrten Dokumente. Natürlich ist dabei viel Glück im Spiel - aber eben auch ein unbändiger Wille. "Ich zeichne seit mehr als 20 Jahren Biografien in Filmen, Büchern und Radiogeschichten nach", sagt die Autorin. "Aber jemand so Willensstarkes wie Gerta ist mir noch nie begegnet."

Ein Leben für die Schönheit

Perfekt gezeichneter Lidstrich, knallpinker Lippenstift - ihrer Protagonistin ist auch mit 101 Jahren deutlich anzusehen, dass sie ihr Berufsleben der Schönheit gewidmet hat. Seit mehr als sieben Jahrzehnten lebt die Fachfrau für Kosmetik im bunten, multikulturellen Panama. In ihrem Salon in der Hauptstadt empfängt sie bis heute täglich ein bis zwei Kundinnen. Noch immer spielt sie mit ihren gleichfalls betagten Freundinnen Bridge und ist in der jüdischen Gemeinde aktiv. Sie erzählt begeistert Anekdoten mit Wiener Schmäh und vermittelt nie ernsthaft den Eindruck, sie könnte bereits mehr als ein ganzes Jahrhundert auf dieser Erde verbracht haben. Dank der Akribie von Autorin Anne Siegel ist diese Frau nun nicht mehr nur in Panama eine lebende Legende.

Dieses Thema im Programm:

NDR//Aktuell | 09.11.2016 | 15:45 Uhr

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