Stand: 07.11.2016 14:45 Uhr  | Archiv

Von Hamburg in das Grauen von Minsk

Der Hamburger Heinz Rosenberg hat als einer von wenigen deportierten Juden die Zeit in Weißrussland überlebt.

Die Fahrkarte in den Tod erreicht die jüdischen Haushalte in Hamburg am 7. November 1941. An diesem Tag erhalten der 20-jährige Heinz Rosenberg, seine Schwester Irmgard, ihre Eltern und Hunderte weitere ein Schreiben des SS-Kommandos. Es ist der Befehl, sich am darauffolgenden Vormittag mit gepackten Koffern im ehemaligen Logenhaus in der Moorweidenstraße einzufinden. "Der Wohnungsschlüssel ist vor Verlassen auf der nächsten Polizeistation abzugeben. Die Wohnung und ihr Inhalt darf nicht verkauft oder beschädigt werden", heißt es und: "Alles Eigentum, Konten, Bargeld und Wertgegenstände sind hiermit beschlagnahmt."

Anlass ist den Nazis zufolge eine groß angelegte Umsiedelung deutscher Juden in den Osten. In Wahrheit wartet auf Rosenberg und die anderen die Deportation nach Weißrussland, das die Deutschen im Sommer des Jahres überfallen und besetzt haben. Es ist der erste Zwangstransport europäischer Juden in die Sowjetunion. Als einer von wenigen wird Rosenberg die Reise nach Minsk und die kommenden Jahre überleben. Auch dank seiner Aufzeichnungen ist bekannt, welches Grauen die Hamburger und Zehntausende weitere Juden in Belarus erwartet.

Vom Hannoverschen Bahnhof in die Vernichtung

Als "Feind der deutschen Regierung" kein Recht auf Eigentum

Vor der Abfahrt nötigen die Nazis in der Deportationsverwaltung sämtliche Juden dazu, folgenden Text zu unterschreiben: "Ich, der unterzeichnete Jude, bestätige hiermit, ein Feind der deutschen Regierung zu sein und als solcher kein Anrecht auf das von mir zurückgelassene Eigentum zu haben. Meine deutsche Staatsangehörigkeit ist hiermit aufgehoben, und ich bin vom 8. November 1941 ab staatenlos." Später werden sie von der Moorweidenstraße in Polizeiwagen zum Hannoverschen Bahnhof gebracht, der in der heutigen Hafencity liegt. Dort werden sie in Züge gedrängt. Ziel: Minsk. Die Fahrt beschreibt Heinz Rosenberg so:

"Die Waggons waren nicht geheizt, die Abteile waren mit Menschen und Gepäck überfüllt. Bei jedem Halt umstellten zunächst die SS-Wachen den ganzen Zug mit gezogenen Pistolen."

Deportierte müssen Leichen ehemaliger Getto-Bewohner wegräumen

Dreieinhalb Tage verbringen die etwa 1.000 Menschen eingepfercht in den Abteilen. Erst am Bahnhof Minsk dürfen sie aussteigen, um zu dem Ort zu marschieren, der künftig "Hamburger Getto" genannt wird - obwohl im Lauf der kommenden Monate Juden aus vielen anderen deutschen und europäischen Städten dort eingesperrt werden.

In dem mit Stacheldraht umzäunten Lager steht ein ehemaliges Schulhaus. Dort sollen die Angekommenen untergebracht werden. Als sie eintreten, stoßen sie auf Entsetzliches: Überall liegen Leichen herum. Es sind die weißrussischer Juden, die zuvor in dem bereits existierenden Getto gewohnt haben. Sie wurden in einer Ermordungsaktion der Nationalsozialisten erschossen, um für die reichsdeutschen Deportierten Platz zu machen - an dem Tag, als die SS-Vorladung an die Hamburger Juden erging.

Unter Gewaltandrohung zwingen die SS-Leute die Gefangenen dazu, die Leichen wegzuräumen. Auf den Tischen stehen noch die letzten Mahlzeiten der Ermordeten.

"Die Toten wurden auf einen Platz in den Hof getragen, das Inventar wurde einfach aus den Fenstern geworfen und später auf dem Hof verbrannt",

schreibt Heinz Rosenberg. In dem Haus ohne Wasser, Licht, Feuer und Möbel verbringen sie die erste Nacht.

Landgut als Verwaltungsort der größten Nazi-Vernichtungsstätte Weißrusslands

In den kommenden Tagen unterteilen die Nazis die Deportierten in arbeitsfähige "Funktionshäftlinge" und solche, von denen sie sich keinen Nutzen versprechen. Alte, Kranke und Schwache werden erschossen oder sterben an Hunger und Kälte. Rosenberg wird unter anderem für Holz- und Lebensmitteltransporte eingesetzt. In Minsk treffen nun regelmäßig Züge mit westeuropäischen Juden ein, zu deren systematischer Vernichtung die Nazis ein Dorf in der Nähe von Minsk auswählen: Malyj Trostenez.

Zu Erschießungen dröhnen deutsche Schlager

Dort wird die ehemalige Karl-Marx-Kolchose zum Gut des Kommandeurs der Sicherheitspolizei in Weißrussland umfunktioniert. Um ihre Versorgung mit Lebensmitteln und Waren des täglichen Gebrauchs sicherzustellen, setzen die Nazis Gefangene als Handwerker und in der Landwirtschaft ein. So wird das Gut zum Verwaltungsort der größten Vernichtungsstätte auf sowjetischem Boden. Zehntausende Menschen werden in dem nahe gelegenen Wald Blagowschtschina erschossen. Zeitzeugen berichten, dass die Erschießungskommandos während der Tötungsaktionen über eine Beschallungsanlage deutsche Schlager durch den Wald dröhnen ließen: "Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei".

Auch Großeltern von Liedermacher Biermann "in die Grube geschossen"

Auch etwa 20 Verwandte des in Hamburg lebenden Liedermachers Wolf Biermann, darunter seine Großeltern, kommen auf diese Weise um. "Sie alle, ohne eine einzige Ausnahme" seien - wohl im gleichen Zug wie die Familie Rosenberg - im November 1941 von der Moorweide nach Minsk in das Getto deportiert "und dann dort im Stadtwald von Soldaten in die Grube geschossen" worden, schreibt Biermann in einem Essay in der "Welt".

Lkw als mobile Gaskammern

Etwa ab Juni 1942 setzen die Nazis in Trostenez auch sogenannte Gaswagen ein: Diese Lkw, von außen Möbelwagen ähnlich, haben einen kastenförmigen, luftdichten Aufbau. Durch einen Schlauch werden bei Anlassen des Motors die Abgase hineingeleitet. Pro Tötungsaktion ersticken so bis zu 100 Menschen. Ihre Leichen werden im Todeswald Blagowschtschina verscharrt. Auch Heinz Rosenbergs Eltern und seine Schwester werden in Gaswagen ermordet.

Sonderkommando vernichtet Spuren des Massenmordes

Anfang 1943 besiegt die Rote Armee die Deutschen bei Stalingrad. Weil sie die Konsequenzen ihrer Gräueltaten fürchten, beginnen die Besatzer, die Spuren der Massenmorde in Malyj Trostenez zu verwischen. Häftlinge aus Minsk müssen beim "Sonderkommando 1005" die Leichen mit Eisenhaken aus den Gruben ziehen, stapeln und verbrennen. Danach sieben sie die Asche, um Zahngold und Schmuck zu finden. Um keine Augenzeugen der Aktion am Leben zu lassen, werden diejenigen, die die "Enterdung" durchführen, regelmäßig selbst ermordet.

Auch das Getto Minsk wird aufgelöst: Fast alle Bewohner werden umgebracht, die Gebäude gesprengt. Der Hamburger Heinz Rosenberg überlebt und verbringt die Zeit bis Kriegsende in weiteren Konzentrationslagern, bis er 1945 aus Bergen-Belsen befreit wird. Später emigriert er in die USA, wo er unter dem Namen Henry Robertson lebt. 1997 stirbt er in New York.

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Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 08.11.2016 | 20:30 Uhr

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