Sendedatum: 08.05.2005 20:15 Uhr  - NDR 1 Radio MV  | Archiv

War Opa ein Nazi? Die NS-Zeit im Rückblick

Dr. Sabine Moller. © Sabine Moller Foto: privat
Dr. Sabine Moller hat Familien aus Ost und West zum Umgang mit dem Nationalsozialismus befragt.

"Von meiner Uroma kenne ich die Geschichte, dass im Dritten Reich jemand von einer NS-Organisation bei ihr vor der Tür stand und ihr das goldene Mutterkreuz überreichen wollte", sagt Sabine Moller. "Sie hat dieses Mutterkreuz genommen, es auf den Boden geschmissen und gesagt: 'Das können sie sich sonst wo hinschieben.' Das war so eine Geschichte, die ich von meiner Urgroßmutter immer vor Augen hatte. Und irgendwie war für mich klar, dass meine Urgroßeltern dagegen waren. Bis ich dann irgendwann genauer nachgefragt und mitbekommen habe, dass sie Mitglieder der NSDAP und eigentlich von diesem System überzeugt waren."

Die Sozialwissenschaftlerin Dr. Sabine Moller, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Historischen Institut der Universität Oldenburg, hat im Rahmen des Forschungsprojektes "Tradierung von Geschichtsbewusstsein" Familien in Ost und West zum Umgang mit dem Nationalsozialismus befragt.

Renaissance der Opfergesellschaft

Das Erinnern an den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg steht heute hoch im Kurs. Das ist nicht neu: In den alten Bundesländern hat es bereits seit Mitte der Achtzigerjahre einen regelrechten Erinnerungsboom gegeben. Dabei hat sich jedoch einiges geändert, so Sabine Moller: "Es ist in der Tat so, dass sich in den letzten Jahren die Tätergesellschaft thematisiert, aber eben nicht als Tätergesellschaft, sondern als Opfergesellschaft. 'Renaissance' ist vielleicht insofern ein guter Begriff, als es diese Opfererinnerung, anders als viele Leute meinen, ja schon sehr früh gab, also direkt nach dem Krieg und vor allen Dingen in den Fünfziger- und Sechzigerjahren. Erst gegen Ende der Sechzigerjahre wurde das abgelöst durch die Erinnerung an die eigentlichen Opfer, die jüdische Bevölkerung und andere Opfergruppen."

Kluft zwischen öffentlicher Erinnerungskultur und persönlicher Erinnerung

Holocaust-Mahnmal in Berlin: Stelenfeld von Peter Eisenmann. © dpa
Holocaust-Mahnmal in Berlin: Stelenfeld von Peter Eisenmann.

60 Jahre nach Kriegsende erinnert nun in Deutschland das Stelenfeld von Peter Eisenmann an die ermordeten Juden Europas. Über das Mahnmal ist gut 17 Jahre lang erbittert gestritten und diskutiert worden: Wie soll man, im Land der Täter, der Opfer des Holocausts gedenken? Dabei wurde auch jener Knackpunkt offenbar, der in der Bewertung der NS-Vergangenheit stets eine wichtige Rolle spielt: Zwischen öffentlicher Erinnerungskultur und der persönlichen Erinnerung des Einzelnen gab und gibt es in Deutschland, in der Tätergesellschaft, eine Kluft. "In der privaten Erinnerung waren immer die eigene Opferschaft und das eigene Leiden unter Flucht, Vertreibung und Bombenkrieg das zentrale Moment", sagt Sabine Moller.

Tier- und Opfergeschichten dominieren

Sabine Moller, Jahrgang 1971, gehört ebenfalls zur Generation der Enkel. Im Rahmen des Forschungsprojektes "Tradierung von Geschichtsbewusstsein" Ende der Neunzigerjahre hat sie mit ihren Kollegen 40 Familien befragt: Großeltern, deren Kinder und Enkel. Sie führten dabei jeweils ein Familiengespräch und Einzelgespräche. Die Ergebnisse des Projektes sind in dem Buch "Opa war kein Nazi" zusammengefasst. Was die Interviews unter anderem zeigen: Vielfach wird in den Familien vom Krieg in Form von Anekdoten erzählt. Häufig sind es Tiergeschichten - etwa, wie der Opa Schweine klauen ging. "Oder es sind Opfergeschichten", sagt Sabine Moller. "Es gibt natürlich auch andere Geschichten, wo irgendjemand etwas gehört oder etwas gesehen hat. Es sind aber im Wesentlichen Zuschauergeschichten."

Selektive Wahrnehmung

Deutsches Mädchen mit Hakenkreuzfahne 1940. © picture-alliance / akg-images
Deutsches Mädchen mit Hakenkreuzfahne 1940.

Opfer- und Zuschauergeschichten - überspitzt formuliert heißt das: Keiner will es gewesen sein. Wie funktioniert das? Wie wird im Kreise der Familie die Familiengeschichte in der NS-Zeit gedeutet und umgedeutet? Sabine Moller: "Es ist so, dass die Geschichten, die beispielsweise auf Familienfeiern erzählt werden, wo jemand das Familienalbum herauskramt und anfängt, von früher zu erzählen, dass die eigentlich nur den Rohstoff beinhalten und die einzelnen Generationenangehörigen an diesen Rohstoff oder diese Geschichte anknüpfen und sie dann weiterspinnen und passförmig machen zu der Vorstellung, die sie von der eigenen Oma haben. Das kann zum Beispiel so etwas sein wie die eigene Oma, die stets freundlich und hilfsbereit ist, so wie sie sich in der Gegenwart auch gegenüber ihren Enkeln verhält. Diese Vorstellung wird allerdings übergeneralisiert und auf andere historische Zeiten wie das Dritte Reich zurückprojiziert."

Täter werden zu Opfern stilisiert

"Das heißt", sagt Sabine Moller weiter, "wenn man eine Geschichte entwirft von der eigenen Oma im Dritten Reich, dann knüpft man an diese Vorstellung an und nimmt irgendetwas, was man mal gehört hat im Familienkreis, und puzzelt daraus eine Geschichte zusammen, die diesem Bild entspricht. Das ist dann beispielsweise eine von der lieben Oma, die im Dritten Reich den entflohenen Häftlingen aus einem Konzentrationslager geholfen hat oder Ähnliches. Und das ist das Entscheidende, auch wenn die Oma auch ganz andere Geschichten erzählt. Geschichten, die eine ganz andere Sprache sprechen, davon berichten, wie man es geschafft hat, sich die jüdischen Überlebenden vom Hof zu halten, weil man mit denen nichts zu tun haben wollte."

In 26 der 40 interviewten Familien werden aus Tätern oder Mittätern in der Vorstellung der Verwandten Helden oder Opfer. In einem Interview erzählt beispielsweise ein Großvater, dass er heute noch stolz darauf ist, bei der SA gewesen zu sein. Und er erzählt freimütig, wie er selbst russische Kriegsgefangene ermordet hat. In dem darauf folgenden Einzelgespräch mit seiner Enkelin stellt sich heraus, dass sie diesen Teil der Geschichte geflissentlich überhört hat. Sie kann sich nicht mehr daran erinnern.

Erinnerungskultur in Ostdeutschland

In ihrem Buch "Vielfache Vergangenheit" hat sich Sabine Moller mit öffentlichen Erinnerungskulturen und Familienerinnerungen in Ostdeutschland befasst. Dabei stellt sie fest: Im Osten denken und reden die Menschen anders über die NS-Zeit als im Westen. Den größten Unterschied sieht sie darin begründet, dass es in Ost und West durch die "doppelte deutsche Vergangenheit" verschiedene Themenschwerpunkte gibt: "In Ostdeutschland waren ja, vor allen Dingen in den Neunzigerjahren, ganz andere Sachen drängend, wie die Stasidebatte, und überhaupt mit den eigenen biografischen Brüchen klarzukommen. Damit klarzukommen, wie sich ja auch die Erinnerungslandschaft in Ostdeutschland gravierend verändert hat, wo Denkmäler abgebaut wurden, neue Schulbücher in die Schulen kamen und Ähnliches."

Wenn es um den Umgang der Ostdeutschen mit der Nazizeit geht, gab und gibt es im Westen viele Vorurteile. Schnell heißt es, die Ostdeutschen seien an einer Aufarbeitung weniger interessiert, weil sie sich, ganz im Sinne der marxistischen Geschichtsdeutung, auf der Seite der Sieger der Geschichte gefühlt hätten und daher nicht verantwortlich gewesen sein wollten. "Aber ich glaube, das ist einfach ein Kurzschluss", sagt Sabine Moller. "Das trifft die Sache nicht richtig, da muss man schon genauer gucken, woran das im Einzelnen liegt. Und man muss es auch einfach erst mal zur Kenntnis nehmen und respektieren, dass es da eine ganz andere Form des Umgangs mit der Vergangenheit gibt."

Entrümpeln der Erinnerungsbestände

Das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald ist heute eine Gedenkstätte. © weimar GmbH Foto: Maik Schuck
Das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald ist heute eine Gedenkstätte.

So wie es 1945 eine Stunde Null gab, war nach 1989 das DDR-Regime delegitimiert. Und: Die realsozialistische Ideologie war untrennbar mit dem staatlich verordneten Antifaschismus verbunden. Das antifaschistische DDR-Geschichtsbild - es wurde nach 1989 kritisch hinterfragt und entsorgt.

"Natürlich gab es mit Ende des Kalten Krieges und in den Neunzigerjahren auch in vielen anderen westeuropäischen Ländern eine Neuaneignung der Geschichte und auch eine Auseinandersetzung mit den bisher eher unbeleuchteten und tabuisierten Erinnerungsbeständen", sagt Sabine Moller. "Aber in Ostdeutschland und in anderen postsozialistischen Ländern war das einfach sehr viel gravierender, sehr viel heftiger. Von daher ist es, glaube ich, auch so in Ostdeutschland, dass die Geschichte der Erinnerung selber noch mal stärker thematisiert wird, also so, wie man das auch auf der Ebene der öffentlichen Erinnerungskultur hat, wenn man sich beispielsweise Sachsenhausen oder Buchenwald anguckt. Beide wurden komplett umgestaltet und thematisieren heute auch die eigene Geschichte der Erinnerung, nämlich die Geschichte der Gedenkstätten zu DDR-Zeiten mit. Ich glaube, das muss man in Ostdeutschland stärker machen, weil natürlich auch diejenigen, die heute 20 sind, noch mitbekommen haben, dass sich da ganz gravierend etwas verändert hat."

Alte Geschichten erhalten einen neuen Stellenwert

Der Geschichtsumbruch hat noch eine weitere Folge, meint Sabine Moller. Nach 1989 erhielten die Geschichten, die im privaten, auf Familienfeiern oder aber am Küchentisch über die NS-Zeit erzählt wurden, eine andere Bedeutung: "Aufzeigen kann man das beispielsweise an den Geschichten über die sowjetischen Speziallager, von denen man vor 1989 so vom Hörensagen wusste. Alle kannten irgendwelche Gerüchte. Aber offiziell war das tabuisiert. Und nach 1989 wurden diese Massengräber freigelegt und die Geschichte wurde aufgearbeitet. Auch dadurch, dass die sowjetischen Archive, die russischen Archive, jetzt zugänglich waren. Dadurch hatte das, was vorher nur in Gerüchteform da war, einen ganz anderen Stellenwert. Und jetzt war es halt eine sehr wichtige Familiengeschichte, die man auch als ein Stück, ja, Herrschaftskritik aufpolieren konnte."

Die Kluft zwischen privater Erinnerung und öffentlichem Geschichtsbild - es gibt sie in den Familien, im Osten und im Westen, ganz gleich, ob es um den Umgang mit der NS-Zeit oder aber mit der DDR-Vergangenheit geht. Fast klingt es wie eine Binsenweisheit. Aber Erinnerung ist nun einmal zunächst die ganz persönliche, private Erinnerung des Einzelnen. Das, so meint Sabine Moller, müsse in der Schule, in der politischen Bildung und in der Gedenkstättenarbeit sehr viel stärker berücksichtigt werden.

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Opa war kein Nazi - Originalversion

Die ungekürzte Fassung des Textes aus der Reihe "Erinnerungen für die Zukunft" von NDR 1 Radio MV. Download (146 KB)

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 08.05.2005 | 20:15 Uhr

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