Stand: 15.06.2017 00:00 Uhr  | Archiv

Hans-Ulrich Klose: Politiker mit poetischer Ader

Der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Hans-Ulrich Klose © Hans-Ulrich Klose Foto: SPD
Mit 37 wird Hans-Ulrich Klose Hamburgs Erster Bürgermeister - damals der jüngste Länder-Chef der BRD.

Als Bundestags-Politiker setzte Hans-Ulrich Klose lyrische Zeichen: Jeden Monat veröffentlichte er auf seiner Homepage ein Gedicht - ein eigenes. Zum Beispiel erinnerte der SPD-Politiker dort an seinen verstorbenen Freund, den Künstler Horst Janssen. Ein anderes Mal pries Klose selbstironisch den inneren Konjunktiv. "... Die andre Welt: ich könnte sie verändern, wenn ich nur wollte, wenn ich will ..." Am 14. Juni 2017 wurde der frühere Hamburger Bürgermeister 80 Jahre alt.

Die Welt verändern - vielleicht genau der richtige Anspruch für Berufspolitiker. Allerdings ist der am 14. Juni 1937 als Lehrersohn in Breslau geborene Klose nie einer der ganz Lauten seiner Zunft gewesen. Stattdessen gilt er als scharfsinniger Individualist, manchen auch als Querkopf.

1974: Jüngster Regierungschef eines Bundeslandes

Seine politische Karriere beginnt Klose in Hamburg, wo er Jura studiert und in den 1960er-Jahren zunächst als Jugendstaatsanwalt, dann als Regierungsdirektor arbeitet. 1964 wird Klose Mitglied der SPD. Sechs Jahre später zieht er in die Hamburgische Bürgerschaft ein, wird bald Fraktionsvorsitzender und 1973 Innensenator. Die Hamburger wählen ihn 1974 zum Ersten Bürgermeister. Er ist damit der jüngste Länder-Regierungschef in der Bundesrepublik.

Sieben Jahre hat er das Amt inne - unter ihm wird die Technische Universität Harburg gegründet, die Leitstelle "Gleichstellung für Frauen" eingerichtet und die Stadtentwicklungspolitik reformiert. Gemeinsam mit Helmut Schmidt eröffnet er 1974 das Mammutprojekt Elbtunnel.

Rücktritt nach Giftmüll-Skandal

1981 dann die Überraschung: Klose tritt zurück. Anlass ist der Giftmüll-Skandal um die Firma Stoltzenberg, hinzu kommt der innerparteiliche Konflikt um den Bau des Atomkraftwerks Brokdorf. Klose profiliert sich schon damals als Kernkraftkritiker. Insbesondere die ungelöste Frage der Atommüllentsorgung lässt ihn zum Skeptiker werden.

Hans-Ulrich Klose (SPD) © picture-alliance Foto: Sven Simon
Hans-Ulrich Klose raucht gern mal eine Pfeife - wie sein Vorgänger im Wahlkreis, Herbert Wehner.

1983 zieht Klose erstmals in den Bundestag ein, wo er mehr als 30 Jahre den Wahlkreis Hamburg-Harburg vertritt, wie zuvor das SPD-Urgestein Herbert Wehner. In acht Bundestagswahlen in Folge gewinnt Klose das Direktmandat für die SPD. Doch seit 2011 tritt er politisch kürzer wegen der Erkrankung und Pflege seiner Stieftochter. Im Sommer 2012 kündigt Klose dann endgültig seinen Abschied von der Politik an und kandidiert bei der Bundestagswahl im Herbst 2013 nach über 30 Jahren nicht mehr.

Fraktionsführung und Außenpolitik

Im Bundestag ist Klose von 1991 bis 1994 SPD-Fraktionsvorsitzender, von 1994 bis 1998 Vizepräsident des Bundestages. Dem Auswärtigen Ausschuss sitzt er von 1998 bis 2002 vor, danach ist er stellvertretender Vorsitzender. Klose führt außerdem die Parlamentariergruppe USA. Die Grundlage seines großen Interesses an Außenpolitik - insbesondere an den USA - wird bei einem Schüleraufenthalt im US-Bundesstaat Iowa gelegt. Bis heute engagiert er sich für die Austauschorganisation AFS und ist Mitglied im Präsidium der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik.

In dritter Ehe ist der Sozialdemokrat seit 1976 mit der Ärztin Anne Steinbeck-Klose verheiratet. Er hat insgesamt fünf Kinder. Neben der Lyrik gehört seine besondere Neigung der Malerei.

geschichte
Bewohner des Gängeviertels  in der Hamburger Neustadt um 1900. © Museum für Hamburgische Geschichte Foto: Paul Wutcke

Not und Elend: So wurde Hamburg SPD-Hochburg

Knochenarbeit, Wohnungsnot, Hungerlöhne - das Arbeiterleben im 19. Jahrhundert ist hart. Das ist die Geburtsstunde der SPD im Frühjahr 1863. Ein Rückblick aus Hamburger Sicht. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 14.06.2017 | 08:17 Uhr

Mehr Geschichte

Ein sowjetischer Militärarzt untersucht kurz nach der Auschwitz-Befreiung einen bis auf die Knochen abgemagerten Häftling aus Wien. © dpa - Bildarchiv

Auschwitz: "Das Schrecklichste, was ich je sah"

Am 27. Januar 1945 befreiten sowjetische Soldaten Auschwitz. Mehr als eine Million Menschen hatten die Nazis dort ermordet. mehr

Gedenkstein an die Opfer des Holocaust auf dem Jüdischen Friedhof in Rostock. © picture-alliance/ dpa/dpaweb Foto: Bernd Wüstneck

Holocaust - Das beispiellose Verbrechen

Mehr als sechs Millionen Juden wurden während der NS-Zeit ermordet. Daran erinnert jedes Jahr am 27. Januar ein Gedenktag. Ein Dossier. mehr

Im Vordergrund verschwommene Aktenordner, dahinter sieht man "Arolsen Archives" auf einem Computer stehen. © picture alliance/dpa | Swen Pförtner Foto: Swen Pförtner

"Jeder Name zählt": Digitales Denkmal für NS-Opfer

Mehr als 26 Millionen NS-Dokumente zum Holocaust will Arolsen Archives digitalisieren - möglich ist das nur mit freiwilligen Helfern. mehr

Claude Lanzmann © picture alliance/dpa | Mark Terrill Foto: Mark Terrill

Lanzmanns Holocaust-Doku: Welche Bedeutung hat "Shoah" heute?

Filmkritikerin Katja Nicodemus spricht über Claude Lanzmanns Dokumentarfilm von 1985, der erstmals online zugänglich ist. mehr

Norddeutsche Geschichte