Polizisten in Schutzkleidung tragen ein Säurefass. © ullstein bild Foto: Röhrbein

Als die Säurefass-Morde Hamburg erschütterten

Stand: 25.01.2023 17:25 Uhr

Zwei Frauen tötet Lutz R. aus Hamburg-Rahlstedt bestialisch und löst sie in Salzsäure auf, eine dritte lässt er frei. Ab dem 1. Dezember 1992 wird das Ausmaß dieses grausamen Hamburger Kriminalfalls bekannt.

von Jochen Lambernd

Im Freundes- und Bekanntenkreis ist er freundlich, höflich und nett. Doch Lutz R.* hat noch eine andere Seite: Er ist ein gefährlicher und skrupelloser Sadist. Zwischen 1986 und 1988 tötet der gelernte Kürschner aus dem Hamburger Stadtteil Rahlstedt auf bestialische Weise zwei Frauen und löst sie in Salzsäure auf. Jahrelang bleiben die Taten unentdeckt. Sogar noch, als er eine dritte Frau 1991 nach furchtbaren Misshandlungen freilässt und danach in Haft kommt.

Gelernter Kürschner führt unauffälliges Familienleben

Lutz R. wird am 29. März 1948 in Sassnitz auf Rügen geboren. Er erlernt den Beruf des Kürschners. Später heiratet er, seine Frau und er bekommen eine Tochter. Nach außen hin führt der Mann in Rahlstedt ein unauffälliges Familienleben. Er ist Mitglied im Schwimmverein und sehr beliebt. Niemand weiß von seinen Neigungen.

1986: Erstes Opfer wird eine Woche lang gequält

Sein erstes Opfer ist Hildegard K., sie ist 61 Jahre alt und die Ehefrau von Lutz R.s früherem Lehrherren, einem Pelzhändler. Am 12. März 1986 lockt der Kürschner die nichts ahnende Frau zu sich nach Hause. In seinem Garten hat R. einen unterirdischen Bunker angelegt. Über die Begründung für den Bau gibt es unterschiedliche Angaben: So diene der Bunker angeblich zum Schutz vor einem Atomkrieg oder aber schlicht zum Trocknen und Lagern seiner Pelze.

Geld und Schmuck entwendet

Schmuckstücke, die beim "Säurefassmörder" Lutz R. in dessen Wohnung in Hamburg-Rahlstedt gefunden wurden. (Aufnahme vom 15.12.1992). © picture-alliance/ dpa Foto: DB Hesse
Lutz R. hat seinen Opfern neben Geld auch Schmuckstücke gestohlen. Diese werden in seinem Haus in Rahlstedt gefunden.

Lutz R. fesselt Hildegard K., lässt sie hungern und quält sie mit Schraubzwingen - auch sexuell. Eine Woche dauert das Martyrium. In der Zeit stiehlt R. aus dem Haus seines Opfers einen fünfstelligen D-Mark-Betrag sowie Schmuck. R. zwingt Hildegard K., Briefe an ihre Angehörigen zu schreiben, damit niemand Verdacht schöpft wegen ihres Verschwindens. Sie habe ihren Mann verlassen, man möge nicht nach ihr suchen, so liest es sich. Dann erhängt R. Hildegard K. in seinem Bunker. Anschließend sägt er die Leiche in Stücke, die er in ein Säurefass wirft. Das Fass verbuddelt er zwei Meter tief im Garten und betoniert es ein.

1988: Zweites Opfer muss ganzen Monat leiden

Am 5. Oktober 1988 schlägt der Kürschner wieder zu. Annegret B. ist eine 31 Jahre alte Industriekauffrau, die Lutz R. vom Schwimmverein kennt. Auch sie lockt er in sein Verlies, wo er die Wehrlose einen ganzen Monat lang ankettet, foltert und sexuell missbraucht, während er zugleich ihr Konto leer räumt.

Versteckte Hinweise nicht erkannt

Auch B. muss Briefe und Karten an ihre Angehörigen schreiben und ihnen erklären, sie habe sich entschieden, künftig im Ausland zu leben, weil ihr das alte Leben nicht mehr genug geboten habe. B. gelingt es, Täterhinweise in ihren Schreiben zu verstecken. Sie schreibt bestimmte Anfangsbuchstaben dicker; zusammengesetzt ergeben diese die Worte "Hilf" und "Lutz". Doch der Polizei gelingt es erst Jahre später, diesen verzweifelten Hilferuf richtig zu deuten. Lutz R. ist zudem dazu übergegangen, die Qualen seines Opfers festzuhalten - auf Tonbändern und in Form von Polaroids vom rasierten Kopf und dem geschundenen Körper der jungen Frau. Er zwingt Annegret B. sogar, sich vor ihrem Tod auf einer Tonbandaufnahme von ihrem Peiniger zu verabschieden und ihre Gefangenschaft zu beschreiben. Nach vier Wochen hat Lutz R. dann genug: Er tötet Annegret B., zerstückelt ihren Körper, versenkt ihn in einem weiteren Säurefass und vergräbt dieses im Garten seines Ferienhauses in Basedow bei Lauenburg (Schleswig-Holstein).

Buch-Tipp
Heinrich Thies: Hilferuf aus dem Folterkeller, Verlag zu Klampen! (Cover) © zu Klampen!

"Hilferuf aus dem Folterkeller"

Heinrich Thies beschreibt in seinem Buch "Hilferuf aus dem Folterkeller" die grauenvollen Taten des Säurefassmörders aus Hamburg-Rahlstedt. Der Täter fand seine Opfer im Bekanntenkreis. mehr

1991: Drittes Opfer wird freigelassen

Bis zur nächsten Tat dauert es drei Jahre. Es trifft die 53-jährige Christa S. Sie ist ausgerechnet die neue Lebenspartnerin des Ex-Chefs von R., dessen Ehefrau der Kürschner bereits getötet hat. Am 6. September 1991 überwältigt Lutz R. die 53-Jährige mit einem Elektroschocker in ihrem Auto. Er verschleppt sie in seinen Bunker nach Hamburg-Rahlstedt. R. hat es diesmal auf ein Lösegeld von 300.000 D-Mark abgesehen, das er von seinem ehemaligen Chef erpressen will.

Um S. gefügig zu machen, droht er ihr, sie umzubringen, zu zerstückeln und in einem Säurefass verschwinden zu lassen. Zugleich zeigt er der mit Handschellen an ein eisernes Bettgestell geketteten Frau seine perversen Folterfotos von Annegret B. Nach einer Woche wartet R. noch immer vergebens auf das Lösegeld. Doch dann kommt die Ehefrau des Sadisten vorzeitig aus dem Urlaub zurück. R. droht aufzufliegen. Überstürzt und offenbar etwas planlos schafft er Christa S. nach sieben Tagen Kerker nach Hamburg-Langenhorn und lässt die traumatisierte Frau vor einem Polizeirevier frei.

Erster Prozess beschert R. ein mildes Urteil

Säurefassmörder Lutz R. auf dem Weg zur Gerichtsverhandlung © picture alliance/rtn - radio tele nord Foto: rtn, peter wuest
Erpresserischer Menschenraub: Mehr kann die Justiz Lutz R. (M.) zunächst nicht vorwerfen.

Die Polizei nimmt R. am 17. September 1991 fest, er kommt in Haft. Am 26. Mai 1992 wird ihm der Prozess gemacht - jedoch nur wegen der Entführung von Christa S. Mehr ist den Ermittlern bis dahin nicht bekannt. R. muss wegen erpresserischen Menschenraubs für drei Jahre ins Gefängnis. Dieses Strafmaß verwundert zunächst, allerdings hat das Gericht offenbar den Schilderungen von Christa S. nicht recht getraut. Ein unbescholtener Mann mit einem völlig sauberen Lebenswandel soll als Sadist mehrere Frauen auf dem Gewissen haben? Das scheint nicht denkbar zu sein.

Eine Kriminalbeamtin jedoch glaubt Christa S. und fängt an, auf eigene Faust zu ermitteln. S. berichtet ihr von dem Bunker, in dem sie gefangen gehalten worden sei, von Folterfotos, die der Täter ihr gezeigt habe, von Astrologie und der spanischen Mafia, von der R. gesprochen habe. Obwohl diese Aussagen zunächst hanebüchen wirken, geht die Beamtin diesen Hinweisen nach.

Soko kommt Täter auf die Schliche

Suche nach einer Leiche auf dem Grundstück des "Säurefassmörders" Lutz R. in Hamburg-Rahlstedt (Aufnahme vom 04.12.1992) © picture-alliance/ dpa Foto: Rolf Rick
In rund zwei Metern Tiefe hat Lutz R. ein Fass auf dem Grundstück in Rahlstedt vergraben. Die Ermittler müssen es mühsam aus der Erde holen.

Im Prozess gegen R. hat die Polizistin als Zeugin ausgesagt. Im Gerichtssaal ist auch die Mutter von Annegret B. Sie erzählt der Beamtin noch am Prozesstag, dass ihre Tochter seit Jahren vermisst sei und es auffällige Ähnlichkeiten zum jetzigen Fall gebe. Die Kriminalbeamtin setzt - sogar gegen den Widerstand der eigenen Abteilung - weitere Ermittlungen durch. Eine Sonderkommission wird gegründet. Die Ermittler können dann nachweisen, dass R. das Auto eines seiner Opfer verkauft hat.

Auf dem Gelände des Sommerhauses in Basedow findet die Polizei am 1. Dezember 1992 ein vergrabenes Säurefass. Darin: nur noch wenige, nicht aufgelöste Knochen von Annegret B. Auf dem Grundstück von R. in Hamburg-Rahlstedt fördern die Ermittler drei Tage später ein weiteres Fass mit menschlichen Überresten von Hildegard K. zutage.

Was genau ist Salzsäure?

Für immer hinter Gittern

Fundort der beiden Fässer, in den Leichenteile vermutet wurden, in Basedow (Kreis Herzogtum Lauenburg) © dpa/Polizei Foto: DB Polizei
Angrenzend zu R.s Gelände in Basedow werden 2009 weitere Fässer entdeckt. Sie enthalten aber keine Leichenteile.

Lutz R. wird erneut angeklagt - und am 22. Mai 1996 verurteilt: lebenslange Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung. R. widerspricht bis zuletzt den Anklagepunkten. Er bestreitet die Morde; es seien Unfälle gewesen. Allerdings sprechen die Fakten gegen ihn. Damals wird zudem spekuliert, ob Lutz R. weitere Frauen getötet haben könnte. Auch das Verschwinden der Schwester von Hamburgs damaligem Kripo-Chef Wolfgang Sielaff wird geprüft. Dieser Fall wird jedoch erst 2017 gelöst.

Noch heute löst der Säurefass-Fall im Hamburger Stadtteil Rahlstedt Entsetzen und Kopfschütteln aus. "Ich lebe seit 60 Jahren hier, und dieser Vorfall hat uns alle stark erschüttert", berichtet eine Seniorin im Gespräch mit NDR.de. Auch ihr Nachbar kann die Taten nicht nachvollziehen. "Was muss in einem solchen Menschen bloß vorgehen?", fragt er sich. "Das war doch eigentlich ein ganz normaler Mann."

* Aus rechtlichen Gründen wird der volle Name des Täters nicht genannt.

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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 13.03.2016 | 19:30 Uhr

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