Stand: 14.07.2018 10:37 Uhr  | Archiv

Als Jimi Hendrix in Kiel spielte

von Stefanie Döscher

Jimi Hendrix © Peter Thomasen Foto: Peter Thomasen
Als Gitarrenlegende Jimi Hendrix auf der Bühne steht, gibt es kein Halten mehr.

Die Gläser und Aschenbecher klirren auf dem Tischen, aus den schwarzen Lautsprecher-Türmen dröhnen die Klänge von "Hey Joe". Auf den roten Cocktailsesseln hält es keinen mehr, alle sind gebannt von dem Mann auf der Bühne. Er trägt die schwarzen Haare als Afro auf dem Kopf, seine Hose ist bunt gestreift und vor allem spielt er Gitarre wie kaum ein anderer vor oder nach ihm: Am 27. Mai 1967 tritt der Weltstar Jimi Hendrix im Star-Palast im Kieler Stadtteil Gaarden-Ost auf. "Er spielte über eine halbe Stunde 'Hey Joe' und da machte er so eine Show draus, ging immer zum Lautsprecher und versuchte, eine Rückkopplung zu erzeugen", erinnert sich Inge Hansen. "Das war so beeindruckend für mich. Ich hatte Gänsehaut", sagt Henrik Maaß, der damals ebenfalls Musik macht.

Kieler Club nach Hamburger Vorbild

Inge Hansen © Inge Hansen, NDR Foto: Inge Hansen, Steffi Döscher
Eigentlich sollte Inge Hansen Hausaufgaben machen, doch heimlich hört sie Radio.

Damals kommt die Musik von der Schallplatte. Einmal im Monat läuft im Fernsehen der Beat-Club. Und dann gibt es noch Radio Luxemburg. Auch Inge Hansen sitzt abends vor dem Empfänger. "Mein Vater hat sich immer gewundert, warum ich so lange Hausaufgaben machte", erzählt sie. Als 1964 der Star-Palast in Kiel eröffnet, ist das in der Region ein komplettes Novum. "Mit dem Star-Palast hatte Club-Gründer Manfred Woitalla ein Monopol. So etwas gab es in Kiel gar nicht, dass da Live-Gruppen aus der ganzen Welt auftraten", erinnert sich Maaß. Die meisten Gruppen kommen aus England, aber auch Bands aus Indonesien, Schottland, Irland und den USA spielen auf der legendären Bühne. Der Star-Palast ist täglich geöffnet. Jeden Abend spielt eine Band.

Doch die Idee ist nicht neu: In Hamburg sorgt der dortige Star-Club schon seit 1962 für Furore, bei dessen Eröffnung die Beatles spielten. Und das ist kein Zufall, denn Manfred Weissleder, der Gründer des Star-Clubs und Manfred Woitalla kennen sich. Zuvor hatten sie eine Interessengemeinschaft gegründet, die junge und hoffnungsvolle Bands im Norden aufspürte. Als sich Woitalla allerdings entschließt, nach einem ähnlichen Konzept wie der Hamburger, einen Club zu gründen, kommt es zum Rechtsstreit, den der Kieler gewinnt.

Eintritt: Eine Mark

Der Club im Karlstal 42, von dem es nur wenige Fotos gibt, wird zum Publikumsmagneten. Es gibt Schwarzlicht, über der Tanzfläche schwebt eine Diskokugel. "Damals wurden drei Stücke gespielt und dann konnte man sich unterhalten", erinnert sich Inge Hansen. An kleine Nierentischen können die Tänzer sich zwischen den Stücken setzen und etwas trinken. Der Eintritt kostet meistens eine Mark - es sei denn der große Jimi Hendrix steht auf der Bühne. "Das kostete damals fünf Mark", erinnert sich Inge Hansen.

Club statt im großen Stadion

Henrik Maaß © Henrik Maaß, NDR Foto: Henrik Maaß, Steffi Döscher
Henrik Maaß macht auch selbst Musik - bei Hendrix war er aber als Fan unterwegs.

Auch Eric Claptons Band Cream spielt auf der Star-Palast-Bühne. "Eigentlich wollten wir nur tanzen gehen. Aber als die Band zu spielen begann, versammelten wir uns um die Bühne. Ginger Baker, der damals als bester Schlagzeuger der Welt galt, trommelte eine Stunde lang auf seinem Schlagzeug rum und wurde immer schneller. Wir konnten nicht tanzen, wir mussten zugucken", erinnert sich Inge Hansen. "Im Star-Palast konzentrierte sich da die Musik der Zeit. Und zwar auf einem Niveau, das es unter lokalen Bands nicht gibt. Und das alles in einer Club-Atmosphäre. Heute sind das große Stadien", erzählt Hendrik Maaß.

The Who aus Kiel

Henrik Maaß spielt selbst auf der Star-Palast-Bühne. Das erste Mal im Rahmen eines großen Kapellenwettbewerb im Jahre 1964, den die Band aber verlor. Damals waren Henry und seine Bandmitglieder schon kleine Berühmtheiten in Kiel und Umgebung, weil sie bei einem Kapellenwettstreit in der Ostseehalle für Furore gesorgt hatten.

Auf einem alten Foto sind Sir Henrik and the Dukes zu erkennen, die auf der Bühne des Starpalasts Kiel stehen. © Arno Weichhold Foto: Arno Weichhold
Sir Henrik and the Dukes spielen in den 60er-Jahren im Kieler Star-Palast.

Dabei hatte der Drummer das Resonanzfeld seines Schlagzeugs herausgetreten und der Sänger den Mikrofonständer umgeschmissen. Der Auftritt erinnerte entfernt an The Who, die dafür berühmt waren, ihre Gitarren zu zerstören. "Das konnten wir uns natürlich nicht leisten", berichtet Maaß und lacht. Nach dem Auftritt sind Henry and the Dukes lokale Berühmtheiten. "Jeder Veranstalter hat uns dann gebucht und gehofft, dass wir etwas kaputt machen und das ging natürlich nicht", erzählt Maaß.

Die Dukes stehen in Woitallas Club aber nur dann auf der Bühne, wenn Not am Mann ist. "Normalerweise traten da ja nur englische Bands auf. Die wurden dann für einen Monat gebucht", erinnert sich Maaß.

Hendrix kommt noch einmal zurück nach SH

Im Star-Palast ist Maaß vor allem als Fan unterwegs, der sich inspirieren lässt. "Ich stellte mich immer nah an die Bühne, dann konnte ich sehen, was die Musiker spielten, dann ging ich nach Hause und spielte es da nach." Nur der Gig von Jimi Hendrix bringt ihn komplett aus dem Konzept: "Vier Wochen nach dem Auftritt konnte ich kein Instrument anfassen, weder Bass, noch Gitarre. So wie der Gitarre gespielt hat, sowas habe ich vorher noch nicht gesehen - mit den Zähnen, hinter dem Rücken." In der Pause, zwischen den Auftritten Hendrix’, besorgt sich Henry sogar ein Autogramm des Weltstars - der unterschreibt auf einem Stück Tapete, das ein Kumpel von Maaß von der Wand reißt.

Jimi Hendrix kommt noch einmal nach Schleswig-Holstein zurück - 1970 zum Fehmarn Festival. Kurze Zeit später stirbt er. Der Ära des Star-Palasts endet mit dem Jahreswechsel 1968/69. Live-Musik ist nicht mehr angesagt. Die Leute wollen lieber Musik von der Platte in der Disko hören.

Weitere Informationen
Zwei Frauen auf dem Monterey Pop Festival am 17. Juni 1967 © picture alliance / AP Photo

1968: Ein Epochen-Jahr

Das Jahr 1968 provoziert vielfältige Assoziationen und Erinnerungen. Die einen denken an Protest und Revolte, andere an ein bewegendes Gefühl des Aufbruchs. Bis heute polarisieren die 68er. mehr

Studenten demonstrieren nach dem Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschek am 16.04.1968 in Bonn gegen die Springer-Presse © dpa Foto: Peter Popp

1968: Die kulturelle Revolte

Das Rütteln an gesellschaftlichen Autoritäten: Was passierte 1968 in Deutschland? Und warum? Ein kurzer Überblick über die Ereignisse des Jahres 1968 und dessen Auswirkungen. (19.03.2018) mehr

Unbekleidete Besucher des legendären Woodstock-Festivals 1969 © picture-alliance/dpa Foto: UPI

Was übrig ist vom Lebensgefühl der 68er

Freie Liebe, lange Haare, kurze Röcke - 1968 war ein Jahr des Um- und Aufbruchs. 50 Jahre liegt es nun zurück. Was ist übrig geblieben von dem Lebensgefühl dieser Zeit? (23.03.2018) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Moin! Schleswig-Holstein – Von Binnenland und Waterkant | 20.07.2018 | 20:05 Uhr

Mehr Geschichte

Lauterberger Stuhlarbeiter der Firma Hillegeist stehen vor Theatergestühl, das nach Holland exportiert werden soll (Aufnahme um 1906) © Privatarchiv Hans-Heinrich Hillegeist

Lang und erbittert: Der Stuhlarbeiter-Streik in Lauterberg

Großer Streik an kleinem Ort: Am 2. März 1896 starten die Lauterberger Stuhlarbeiter in einen der längsten Arbeitskämpfe. mehr

Norddeutsche Geschichte