Friedhofsschließungen: Kirchen und Kommunen streiten

Stand: 09.11.2021 21:15 Uhr

Friedhöfe werden zunehmend zur finanziellen Belastung, da sich immer mehr Menschen für eine Urnen-, See- oder Friedwaldbestattung entscheiden. Die Kirchen wollen viele schließen.

von Jan Körner

Mit einem Rechen in der Hand betritt Simone Zapel den Friedhof in Warbende. Regelmäßig pflegt sie das Grab ihres langjährigen Lebensgefährten. Hier auf diesem Friedhof, in dessen Mitte die gut 800 Jahre alte Kirche steht, wollten sie sich beide bestatten lassen. So hatten sie es sich zu Lebzeiten versprochen. Doch daraus wird nun wohl nichts. Ihr ist zwar noch angeboten worden, für sich selbst eine Grabstätte zu kaufen. "Allerdings nur für die nächsten 20 Jahre", erzählt sie. "Aber vielleicht werde ich ja noch älter. Dann werde ich ja trotzdem nicht hier beerdigt."

Simone Zapel
Wird wahrscheinlich nicht neben ihrem Lebensgefährten bestattet werden: Simone Zapel.

Der Friedhof hier in Warbende bei Neustrelitz wurde nämlich zum Ende des vergangenen Jahres geschlossen. Der Unterhalt für den Friedhof war der zuständige Kirchengemeinde Wanzka zu teuer. 20 Jahre lang gilt nun eine Übergangsfrist: Wer bis Ende 2020 eine Grabstätte erworben hatte und innerhalb der nächsten 20 Jahre stirbt, wird noch hier bestattet. Für alle anderen ist der Friedhof bereits zu.

Es gibt in der Samtgemeinde, zu der Warbende gehört, zwar noch einen kommunalen Friedhof. Doch der liegt etwa vier Kilometer entfernt und ist aufgrund des fehlenden öffentlichen Nahverkehrs für viele Rentner hier nur schwer zu erreichen.

Mehr Urnen-, See- oder Friedwaldbestattung, weniger Friedhöfe

40 Prozent aller Friedhöfe werden von Kirchen unterhalten, der Rest von Kommunen. Für beide Träger wird es immer schwerer, dabei kostendeckend zu arbeiten. Denn durch Urnen-, See- oder Friedwaldbestattung wird immer weniger Friedhofsfläche benötigt.

Peter Strobl, Bürgermeister von Prillwitz
Seine Kommune hat nun gar keinen Friedhof mehr: Peter Strobl, Bürgermeister von Prillwitz.

Doch dass eine Kirchengemeinde deshalb gleich fast alle ihre Friedhöfe schließt - das ist ungewöhnlich. Denn die Kirchengemeinde Wanzka hat entschieden, sich von 19 ihrer 22 Friedhöfe zu trennen. So auch den in Prillwitz. Seit 270 Jahren werden hier von der Kirche Menschen bestattet. In Prillwitz beginnt die Übergangsphase Ende 2021. Bürgermeister Peter Strobl hat versucht die Schließung zu verhindern. Hat angeboten, den Friedhof mit Freiwilligen aus dem Dorf und Gemeindemitteln zu pflegen. Doch der Kirche war das für die nächsten Jahrzehnte nicht genug Planungssicherheit. "Ein Dorf ohne Friedhof ist nur ein halbes Dorf", sagt er. Er kann sogar ein wenig Verständnis aufbringen. "Die Kirche hat sehr viele Friedhöfe", so Strobl. "Ich sehe auch, dass sie ein gewisses Anrecht hat, eine Hilfe durch die politischen Gemeinden zu bekommen, aber generell zu sagen: Wir machen hier Stopp, wir gehen hier nicht weiter, kann ich nicht nachvollziehen."

Kommunen oder Kirchen - wer betreibt die Friedhöfe?

Strobl hat mit der Schließung aber auch noch ein ganz anderes Problem: Seine Kommune hat nun gar keinen Friedhof mehr. Und das ist im Bestattungsgesetz des Landes Mecklenburg-Vorpommern nicht vorgesehen. Dort heißt es: "Die Gemeinden haben Friedhöfe einzurichten und zu unterhalten. Dies gilt nicht, wenn in der Gemeinde ein kirchlicher Friedhof vorhanden ist oder die Gemeinde durch Vereinbarung sicherstellt, dass der Friedhof eines anderen Trägers benutzt werden kann." Dass die Kirche mal ihren Friedhof schließen könnte, dass ist hier nicht eindeutig geregelt. Und so hat sich hier in der Region nun ein Streit entsponnen zwischen der Kirche auf der einen, und den Kommunen auf der anderen Seite.

Dirk Fey, geschäftsführender Pastor der Kirchengemeinde Wanzka
Versteht den Betrieb der Friedhöfe vor allem als kommunale Aufgabe: Dirk Fey, Pastor der Kirchengemeinde Wanzka.

Dirk Fey, geschäftsführender Pastor der Kirchengemeinde Wanzka, versteht den Gesetzestext so, dass der Betrieb von Friedhöfen vor allem eine kommunale Aufgabe sei. Frey ist mitverantwortlich für die Entscheidung, die Friedhöfe zu schließen, denn die Kirchengemeinde habe nicht genug Geld und Personal, um die Friedhöfe weiter zu betreiben. "Ich denke, man kann die Kirche natürlich auch nicht dahingehend verpflichten, dass sie da, wo sie wirklich nicht mehr ihrem eigentlichen Dienst nachkommen kann, diese Daseinsvorsorge weiterhin tut", so Fey. Er schließt nicht aus, dass diese Frage nun in letzter Konsequenz von Gerichten geklärt werden muss.

Friedhofsfrage: Klärung am Runden Tisch oder vor Gericht?

Amtsleiterin Daniela Böss
Hofft auf eine einvernehmliche Lösung: Amtsleiterin Daniela Böss.

Für die betroffenen Kommunen hat das Amt Neustrelitz-Land die Verhandlungen mit der Kirche übernommen. Amtsleiterin Daniela Böss schlägt einen runden Tisch vor. Kirche, Amt und Kommunen sollen sich dort gemeinsam über die Friedhofsfrage unterhalten. Denn das haben sie bislang noch gar nicht gemacht. Daniela Böss hofft immer noch auf eine einvernehmliche Lösung. "Ich denke, wir sollten uns da auf Augenhöhe begegnen und die Karten auf den Tisch legen", sagt sie im Interview. "Also die ganzen Friedhöfe hinlegt und dann gemeinschaftlich überlegt, welche Friedhöfe sollten erhalten bleiben. Und wenn die Wahl auf den kirchlichen Friedhof fällt, dann muss die Gemeinde natürlich ran und das Defizit mit abdecken."

Ein runder Tisch würde sicherlich viele Bewohner der betroffenen Kommunen beruhigen. Doch wenn die Kirche bei ihrem Standpunkt bleibt, dass sie keine Friedhöfe betreiben müsse, kann es passieren, dass sich Kirche und Kommunen in der Friedhofsfrage vor Gericht wieder sehen werden.

Weitere Informationen
Thumb Clean "Gedanken eines Bestatters" © NDR Foto: Screenshot
4 Min

Gedanken eines Bestatters

Jörg Vieweg ist Bestatter in Rellingen und das seit 17 Jahren. Seit der Corona-Pandemie hat sich sein Job verändert. 4 Min

Der Kaplan des Londoner Fußball Clubs Queens Park Rangers setzt die Urne mit der Asche eines verstorbenen Fans auf dem Spielfeld bei. © Panorama/ARD Foto: Screenshot

Bestattung auf dem Fußballfeld

Die verborgenen Schätze des englischen Fußballfeldes - keiner kennt sie besser als der Kaplan des Londoner Fußball Clubs Queens Park Rangers. Denn er er füllt schon seit Jahren den echten Rangers-Fans ihren letzten Wunsch. Queens Park Rangers hat für Beerdigungen auf dem Spielfeld diese Spezialvorrichtung entwickelt. Die Asche der Fans wird nach der Zeremonie pietätvoll unter dem Rasen vergraben. Nur wenn gerade Saison ist, muß damit bis zur nächsten Spielpause gewartet werden. mehr

Ein Blumengesteck auf einem Holzsarg © Mary Stark / fotolia Foto: Mary Stark

Bestattungen: Ruhe sanft, ruhe teuer

Das Bestattergewerbe ist ein todsicheres Geschäft: Aus "ruhe sanft" wird schnell "ruhe teuer", denn auf dem Bestattungsmarkt wird um jeden Toten mit harten Bandagen gekämpft. mehr

Logo ARD-Themenwoche "Stadt.Land.Wandel" © ARD Design und Präsentation

ARD-Themenwoche 2021: Stadt.Land.Wandel

Wie müssen sich die Lebensräume Stadt und Land wandeln, um attraktiv zu bleiben? Das Online-Angebot zur ARD-Themenwoche. extern

Ein altes Klettergerüst im Grünen. © Photocase Foto: hketch

ARD-Themenwoche 2021 "Stadt.Land.Wandel" im NDR

Wie können wir das Leben in Stadt und Land attraktiv gestalten? Die ARD-Themenwoche vom 7. bis 13. November 2021 im NDR. mehr