Stand: 11.11.2013 12:01 Uhr  | Archiv

"Wir wollen Einflussnahmen aufdecken"

Allgemeinmedizinerin Manja Dannenberg © NDR
Manja Dannenberg ist Vorstandsmitglied bei der Ärzte-Initiative Mezis.

"Mein Essen zahl' ich selbst" kurz Mezis lautet der plakative Name der "Initiative unbestechlicher Ärztinnen und Ärzte". Er soll deutlich machen, dass sich deren Mitglieder nicht durch Arzneimuster, Kongresseinladungen oder sonstige Werbeaktionen manipulieren lassen wollen. Was bedeutet das für den Alltag der Mediziner und haben auch ihre Patienten einen Nutzen davon? Diese und andere Fragen beantwortet Manja Dannenberg im Interview mit NDR.de. Die Allgemeinmedizinerin ist Vorstandsmitglied bei Mezis.

NDR.de: Sind neue Medikamente nicht im Prinzip etwas Gutes?

Manja Dannenberg: Um Medizin zu bessern, müssen auch neue Medikamente entwickelt werden. Aber einige neue Präparate sind nur leicht veränderte Varianten von Medikamenten, die wir schon lange in der Therapie einsetzen. Sie bringen meistens keinen zusätzlichen Nutzen in der Behandlung, sind aber wesentlich teurer. Manche bieten zwar einen neuen Behandlungsansatz, aber wir können zunächst nicht abschätzen, welchen Nutzen sie langfristig haben werden und welche Risiken sich möglicherweise bei einer längeren Anwendung zeigen. In den vergangenen Jahren mussten mehrere neue Medikamente wieder vom Markt genommen werden. Es hatte sich herausgestellt, dass sie zwar einige Werte verbessert (etwa den Blutzuckerwert oder den Blutdruck), bei längerer Einnahme aber den Gesundheitszustand insgesamt verschlechterten und somit mehr schadeten als nutzten.

Prinzipiell sind die Hersteller neuer Medikamente daran interessiert, ihre Neuentwicklungen in einem guten Licht darzustellen, um die Zulassung durch die Behörden und anschließend eine erfolgreiche Vermarktung zu erreichen. Dazu werden in einigen Fällen Studien gezielt so gestaltet, dass es zu erwünschten guten Ergebnissen kommt, in anderen Fällen werden ungünstige Studiendaten zurückgehalten und nicht preisgegeben. Diese "geschönten" Daten werden dann für die Produktinformationen (oder vielmehr Werbebroschüren) verwendet, aber auch in vielen Fachzeitschriften veröffentlicht.

Wie können die Pharmaunternehmen mit ihrer Marketingpolitik bei Ärzten so erfolgreich sein?

Dannenberg: Ich glaube, viele sind sich nicht bewusst, dass sie gezielt durch wissenschaftliche Daten manipuliert werden. Sie vertrauen auf diese Informationen und verschreiben neue Medikamente mit der Überzeugung, die Patienten damit fortschrittlich und besser zu behandeln. Ich würde den allermeisten Ärzten keine böse Absicht unterstellen. Sie bemühen sich nur nicht genug um objektive Informationen, die man natürlich nicht geschenkt bekommt. Manchen allerdings ist es vielleicht sogar egal.

Wozu verpflichten sich die Mitglieder bei Mezis genau?

Tisch mit Werbegeschenken eines Pharmaherstellers, Hand greift zu. © NDR
Auf Kongressen greifen manche Ärzte gern bei Werbegeschenken zu.

Dannenberg: Es gibt keinen Eid, den Mezis-Mitglieder schwören müssen. Wir sind offen für alle, die ihr ärztliches Handeln unabhängig von den Marketingstrategien der pharmazeutischen Industrie gestalten wollen, die sich um objektive Informationen bemühen und sich für herstellerunabhängige Fortbildungen einsetzen. Ein wichtiger Schritt dazu ist es, auf die Besuche von Pharmavertretern zu verzichten, auch auf Geschenke und Einladungen zu Fortbildungen oder Kongressen. Mezis bemüht sich um Sensibilisierung der ärztlichen Kollegen und der Medizinstudenten für dieses Thema. Wir wollen Einflussnahmen auf Politik und Standesvertretungen aufdecken und strengere Regelungen im ärztlichen Berufsrecht zum Verbot von Beeinflussungen erreichen.

Kontrolliert jemand, ob ein Mitglied zum Beispiel nicht doch kostenlose Arzneimuster annimmt?

Dannenberg: Nein. Und es gibt auch unter Mezis-Mitgliedern ganz unterschiedliche Strategien und Ansichten, die wir miteinander diskutieren. Manche sind sehr konsequent, andere empfangen zum Beispiel trotzdem noch Pharmareferenten. Wir wollen auch nicht moralisieren und uns als die besseren Ärzte darstellen. Es ist ein Prozess des Umdenkens, den wir anregen wollen.

Hat ein Handeln nach den Leitlinien von Mezis Folgen im Praxis- oder Stations-Alltag?

Patientenfragen zu Medikamenten

- Was ist der Grund für einen Präparatewechsel oder für die Verordnung eines neu auf den Markt gekommenen Medikaments?

- Woher stammt die Empfehlung für diese Therapie?

- Findet die Verordnung im Rahmen einer Anwendungsbeobachtung statt?

- Warum bekomme ich Muster und keine Verordnung auf Rezept?

Quelle: Mezis

Dannenberg: Als erstes fällt mir dazu ein, dass man plötzlich seine Kugelschreiber, Notizzettel, Schreibtischunterlagen, Kalender, Tassen, Mousepads und vieles andere wieder selbst kaufen muss. Das klingt seltsam, aber man kann fast die gesamte Praxisausstattung mit Werbegeschenken gestalten. Natürlich fallen auch Vergünstigungen weg, wenn man auf Sponsoring, etwa bei Fortbildungen verzichtet. Auch bekommt man herstellerunabhängige Fachzeitschriften nicht kostenlos. Insgesamt wird es also gefühlt teurer. In den meisten anderen Berufsgruppen ist es allerdings völlig normal, dass man für seine Fortbildungen und die materielle Ausstattung selbst aufkommt.

Die Ärzte auf den Stationen im Krankenhaus sind wahrscheinlich eher froh über weniger Vertreterbesuche (ich selbst habe sie jedenfalls als zeitraubend und "nervig"in Erinnerung). Ärzte in den Praxen schätzen sie jedoch sogar - so zeigen Studien und auch Berichte von Kollegen. Vertreterbesuche sind für die Praxisärzte oft eine wohltuende Abwechslung im anstrengenden Alltag, der Effekt wird durch kleine Geschenke oder sogar Einladungen noch verstärkt. Auch stellen die Pharmavertreter eine wichtige Informations- und Austauschquelle dar. Allerdings gibt es heute viele andere Möglichkeiten, sich mit Kollegen zu vernetzen und auszutauschen.

Was haben Patienten davon, wenn sie zu einem Mezis-Arzt gehen?

Links

Arzneimittelverschreibung richtig hinterfragen

Tipps zum kritischen Hinterfragen von Arzneitmittelverschreibungen sowie eine Ärzt*innen-Suche. Angebot der "Initiative unbestechlicher Ärztinnen und Ärzte - Mezis". extern

Dannenberg: Ein Mezis-Arzt wird wahrscheinlich kritischer abwägen, ob das geschilderte Problem überhaupt eine Behandlung mit Medikamenten erfordert. Wir sind meistens zurückhaltender bei der Verordnung von Medikamenten, für die es keinen objektiv nachgewiesenen Nutzen gibt, und auch bei neuen Medikamenten, für die in den ersten Jahren noch keine Erfahrungen hinsichtlich der Sicherheit und Risiken vorliegen. Auch haben wir in der Regel keine Musterpackungen in der Vitrine.

Wo können sich Patienten noch neutrale Informationen über ein Medikament oder eine Therapie holen?

Dannenberg: Es gibt auch für Patienten herstellerunabhängige Informationen. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Zeitschrift "Gute Pillen, schlechte Pillen". Prinzipiell sollten Patienten bei Zeitschriften, Broschüren oder auch Internetseiten darauf achten, ob Werbeanzeigen geschaltet sind oder ein Medikamentenhersteller sogar der Herausgeber beziehungsweise Betreiber ist. In diesem Fall sollte man die Informationen kritisch hinterfragen. Auch Patientenselbsthilfegruppen werden im Übrigen oft von pharmazeutischen Unternehmen gesponsert.

Mezis hat etwa 450 Mitglieder, bei bundesweit etwa 459.000 Ärzten. Wie viele von ihnen werden sich Ihrer Meinung nach langfristig noch dem Griff der Pharmaunternehmen entziehen?

Dannenberg: Ich möchte ungern polemisieren! Pharmaunternehmen sind in erster Linie wirtschaftlich orientierte Unternehmen, man kann sie daher nicht für Marketingstrategien anprangern. Die Veränderung muss sich bei den Ärzten vollziehen, ein größeres Bewusstsein für Beeinflussungen und ein ehrlicher, selbstkritischer Umgang damit muss sich entwickeln.

Wir hoffen natürlich auf viele weitere Mezis-Mitglieder. Wir wissen aber, dass viele Kollegen unsere Ziele unterstützen, auch wenn sie nicht Mitglieder sind. Wenn man allerdings die Zahlen so betrachtet, ist noch eine Menge Luft nach oben.

Dieses Thema im Programm:

45 Min | 11.11.2013 | 22:00 Uhr

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