Stand: 07.05.2018 16:21 Uhr

Warum Allergien zunehmen

Laut Statistik entwickelt jeder dritte Deutsche im Laufe seines Lebens eine Allergie - Tendenz steigend. Warum ist das so und was kann man dagegen tun? NDR Info hat Prof. Torsten Zuberbier, Leiter der Europäischen Stiftung für Allergieforschung (ECARF), zum Thema befragt.

Nehmen Allergien wirklich zu oder kann das auch ein statistischer Effekt sein, weil wir mehr über das Thema sprechen?

Nein, sie nehmen wirklich ganz realistisch zu. In den letzten 20 Jahren gibt es sehr genaue Daten dazu, das betrifft die Atemwegs- und die Nahrungsmittelallergien. Was wir jetzt noch erleben: Immer mehr ältere Menschen, die schon 60 oder 70 Jahre alt sind, entwickeln Atemwegsallergien.

Warum nehmen die Allergien zu?

Da spielen mehrere Gründe zusammen. Zum einen ist der Pollenflug aufgrund des Klimawandels länger und stärker geworden. In städtischen Räumen ist es so, dass zum Beispiel an Straßen viel Kohlendioxid freigesetzt wird und wie Dünger für die Pflanzen wirkt. Auch an Autobahnen kommen immer mehr Pollen auf die Menschen zu. Zweiter Faktor ist die Umweltverschmutzung. Wenn sich diese Ruß- oder Feinstaubpartikel auf den Pollen befinden, reizen sie das Immunsystem stärker. Auch das fördert die Allergieentwicklung.

Wie kann man den Trend umkehren?

Das Wichtigste ist, weiter zu forschen. Es wird erheblich weniger Geld in die Allergologie gesteckt als etwa in die Erforschung von Krebs- oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Ziel ist es, schon früh eine Art Gewöhnungstherapie zu machen, etwa eine Hyposensiblisierung. Jemand, der dieses Frühjahr auf Birkenpollen reagiert, sollte zum Arzt gehen und sich erkunden, wie man das Immunsystem an die Birkenpollen gewöhnt, denn das geht gut. Ziel der Forschung ist es, das prophylaktisch zu machen. Kinder sollten schon, bevor sie Allergien entwickeln, eine Hyposensibilisierung bekommen. So wie wir heute impfen gegen Infektionserkrankungen, können wir irgendwann auch gegen die Entwicklung der häufigen Allergien impfen.

Hilft auch eine natürliche Desensibilisierung, also sich bewusst der Umwelt auszusetzen, damit der Körper lernt, sich auf Allergene einzustellen?

Wir wissen, dass regelmäßige Allergenbelastung durchaus mal dazu führen kann, dass sich der Körper daran gewöhnt, etwa bei Katzen. Wenn man von frühester Kindheit an sehr viele Katzen hat, hat man eine geringere Chance, eine Katzenallergie zu entwickeln. Allerdings geht das einher mit einer bakteriellen Belastung und verschiedenen anderen Problemen. Wir haben also keine Möglichkeit zu sagen: Wenn ich mir drei Birken in den Garten pflanze, dann habe ich bessere Chancen, keine Birkenallergie zu kriegen - im Gegenteil.

Wie sieht es im europäischen Vergleich mit Allergien aus?

Wir sehen, dass die Raten in ganz Europa zunehmen. Auch in Griechenland sind inzwischen 30 Prozent der Bevölkerung betroffen. Früher hieß es, in Südeuropa seien weniger Menschen betroffen als in Nordeuropa. Hier gleichen sich die Zahlen an. Allerdings haben wir natürlich unterschiedliche Allergene und unterschiedliche Pollen in den verschiedenen Ländern. Aber in Europa haben wir noch nicht einmal für alle Länder der EU Pollen-Daten, weil es in vielen Ländern keine Polleninformationsdienste gibt. Hier haben wir einen großen Aufholbedarf.

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