Stand: 06.06.2017 15:58 Uhr  | Archiv

Warum Frauen häufiger an Alzheimer erkranken

Pflegerin legt eine Jacke um eine Seniorin, die auf einem Sofa sitzt. © Fotolia.com Foto: Ocskay Bence
Frauen erkranken deutlich häufiger an Alzheimer als Männer.

Alzheimer gehört zu den Krankheiten, vor denen sich viele Menschen besonders fürchten. Nach und nach sterben Nervenzellen im Gehirn ab. Die Betroffenen verlieren Orientierung, Erinnerungsvermögen und Bewusstsein. Forscher haben herausgefunden, dass Frauen erkranken deutlich häufiger an Alzheimer erkranken als Männer. Bei ihnen schreitet die Zerstörung des Gehirns außerdem meist schneller voran.

Alzheimer-Risiko steigt mit den Wechseljahren

Frauen haben eine längere Lebenserwartung als Männer. Allein dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung. Doch bereits mit 65 Jahren haben Frauen ein fast doppelt so hohes Risiko, Alzheimer zu bekommen. Dabei spielen offenbar die weiblichen Sexualhormone eine wichtige Rolle, vor allem die Östrogene. Sie schützen Nervenzellen und insbesondere ihre Schnittstellen, die Synapsen.

Neuere Untersuchungen haben gezeigt, dass Östrogene nicht nur in den Eierstöcken produziert werden, sondern auch im Gehirn, im sogenannten Hippocampus. Dieser Teil des Gehirns ist wichtig für die Lern- und Gedächtnisfunktionen und bei Alzheimer besonders stark betroffen. In den Wechseljahren kommt es im Hippocampus oft zu einem heftigen Abfall der schützenden Östrogene. Forscher vermuten, dass diese abnehmende Östrogenproduktion eine Ursache für den hohen Frauenanteil bei Alzheimer-Erkrankten sein könnte. Sollte die Hypothese zutreffen, könnte eine künstliche Zufuhr von Östrogen ins Gehirn ein vielversprechender Therapieansatz sein.

Dazu müsste aber die körpereigene Östrogenproduktion im Hippocampus angeregt werden. Östrogen, das als Tablette eingenommen wird, erreicht das Gehirn nicht in ausreichender Menge. Ins Gehirn spritzen lässt sich Östrogen ebenfalls nicht.

Erste Symptome lange vor Ausbruch der Krankheit

Neue Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass Gedächtnisstörungen zwar den Beginn einer Demenz signalisieren können, nicht aber den tatsächlichen Beginn der Alzheimer-Krankheit. Diese beginnt wahrscheinlich viele Jahre oder Jahrzehnte vor dem Auftreten der ersten Symptome. Damit eine Therapie erfolgreich sein kann, muss die Krankheit in einem Stadium erkannt werden, in dem noch keine irreversiblen Schäden an den Nervenzellen aufgetreten sind. Diesen Zeitpunkt zu erkennen, ist aber sehr schwierig.

Entzündung im Gehirn durch Eiweißstoffe

Bei der Entstehung der Alzheimer-Krankheit kommt es zu Entzündungsprozessen und  zu Ablagerung von Eiweißstoffen (Beta-Amyloide) im Gehirn. Bei gesunden Menschen werden die Eiweiße in demselben Maß aus dem Gehirn entfernt, in dem sie auch produziert werden. Im Gehirn von Alzheimer-Kranken dagegen funktioniert der Abbau nicht schnell genug. Es kommt zur Ansammlung unlöslicher Eiweißbruchstücke. Sie verklumpen zu größeren Ablagerungen, sogenannten Amyloid-Plaques, die Nervenzellen und Synapsen schädigen.

Die Eiweißablagerungen führen zu einer Fehlreaktion des Immunsystems. Die Abwehrzellen deuten die Eiweißablagerungen als Feind, der aus dem Gehirn entfernt werden muss. Deshalb setzen sie entzündliche Stoffe frei, schädigen damit aber auch die umliegenden Nervenzellen. Die Reaktion des Immunsystems führt zu einer dauerhaften Entzündung im Gehirn.

Entzündungsstoffe im Tierversuch blockiert

Forscher arbeiten daran, die Entzündung im Gehirn zu stoppen, um die Alzheimer-Krankheit aufzuhalten. Im Tierversuch waren Wissenschaftler der Berliner Charité bereits erfolgreich: Während gesunde Mäuse sich immer für neue Objekte interessieren, zeigt eine an Alzheimer erkrankte Maus kein Interesse. Werden mit Medikamenten bestimmte Entzündungsstoffe bei den Alzheimer-Mäusen blockiert, normalisiert sich ihr Verhalten und sie interessieren sich wieder für neue Objekte. Die Medikamente verbesserten den Zustand der bereits erkrankten Mäuse und sorgten bei frühzeitiger Behandlung noch nicht erkrankter Mäuse dafür, dass die Krankheit später schwächer ausgeprägt war.

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Visite | 06.06.2017 | 20:15 Uhr

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