Stand: 13.09.2016 13:53 Uhr  - Visite  | Archiv

Tollwutgefahr durch Fledermäuse

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Kranke Fledermäuse nicht anfassen.

Ihre Zähne sind spitz wie Stecknadeln und durchdringen sogar Handschuhe. Doch gefährlicher kann der Speichel von Fledermäusen sein: Er kann alle Arten von Bakterien und Viren enthalten, bei afrikanischen Arten sogar das Ebola-Virus. Auch hier im Norden kann der Biss einer Fledermaus lebensgefährlich sein: Bei einigen Fledermäusen im Landkreis Leer wurden gehäuft Tollwutviren nachgewiesen, die bei einem Biss übertragen werden. Bekommt der Betroffene nicht innerhalb weniger Tage ein Gegenmittel gespritzt, kann das tödlich enden.

Vorsicht bei kranken Tieren

Das Problem: Immer häufiger werden Fledermäuse auf der Straße oder im Garten auf dem Boden gefunden. Oft heben Menschen die Tiere auf, um ihnen zu helfen. Dabei kommt es vor, dass die Tiere mit ihrem spitzen Gebiss zuschnappen. Bekommt man anschießend Fieber, ist das ein mögliches Anzeichen für eine Tollwut. Beim Biss gelangen die Viren mit dem Speichel des Tieres in die Bisswunde, wo sie einige Tage verbleiben und sich vermehren. Dann bahnen sie sich ihren Weg über die Nerven bis ins Rückenmark - und von dort ins Gehirn. Das kann eine Woche, aber auch mehrere Monate dauern. Die Folgen sind fatal: lebensbedrohliche Entzündungen von Rückenmark und Gehirn.

Tollwut verläuft in drei Stadien

Der Verlauf der Tollwut lässt sich beim Menschen in drei Stadien einteilen. Im Prodromalstadium zeigen sich nach einer Inkubationszeit von etwa drei bis acht Wochen uncharakteristische Beschwerden wie Kopfschmerzen und Appetitlosigkeit. Die akute Phase ist gekennzeichnet durch neurologische Ausfälle. Krämpfe der Schlundmuskulatur beim Schlucken führen zum charakteristischen Speichelfluss. Schließlich können sich die Krämpfe auf die gesamte Muskulatur des Körpers ausbreiten. Im letzten Stadium der Erkrankung kommt es zum Koma. Der Tod tritt in der Regel durch eine Atemlähmung ein. Zwischen dem Auftreten der ersten Symptome und dem Tod liegen bei fehlendem Impfschutz oder Therapie maximal sieben Tage.

Nach Biss nachträgliche Impfung notwendig

Besteht der Verdacht auf Tollwut, muss auf jeden Fall nachträglich geimpft werden - mit einem sogenannten Passivimpfstoff, der direkt in die Wunde gespritzt wird. Das ist die einzige Möglichkeit, mögliche lebensgefährliche Komplikationen zu verhindern. Den Impfstoff gibt es jedoch nur in besonderen Notfallzentren. Leider schätzen nicht alle Ärzte die Gefahr der Fledermaustollwut richtig ein: Manche verwechseln die Tollwutviren der Fledermaus mit denen des Fuchses. Diese haben aber überhaupt nichts miteinander zu tun. Die betroffenen Landkreise im Norden haben sicherheitshalber alle Ärzte über die von den Fledermäusen ausgehende Gefahr informiert - und darüber, wie im Notfall sofort geimpft werden muss.

Auffällige Häufung von infizierten Fledermäusen

Derzeit sind auffällig viele Fledermäuse im Norden infiziert. Die Fledermaus-Tollwutviren unterscheiden sich deutlich von denen anderer Tiere. Bei den hiesigen Fledermäusen kommen drei verschiedene Tollwutviren vor. Betroffen sind nur einige der 25 Arten, die aber im Norden sehr weit verbreitet sind. Fledermausexperten vermuten, dass die Tiere im nassen Sommer zu wenig Nahrung gefunden haben und deshalb ihr Immunsystem geschwächt ist, sodass sich die Viren in ihrem Körper vermehren. Die Tiere werden krank, fallen geschwächt zu Boden und werden gefunden. In Panik beißen sie dann oft zu.

Ob ein Tier Tollwutviren in sich trägt, können nur Experten im Labor nachweisen. Dem Tier sieht man es nicht an, aber man muss damit rechnen, wenn es sich atypisch verhält: Liegt es auf dem Boden oder kreuzt es tagsüber auf, stimme etwas nicht, warnen Experten. Sollte es erforderlich sein, eine Fledermaus zu bergen, darf man sie nicht mit bloßen Händen anfassen. Auch Handschuhe bieten keinen ausreichenden Schutz gegen die kleinen, sehr spitzen Zähnchen. Experten empfehlen, das Tier mit einem Kehrblech oder einer Schaufel in einen festen Behälter zu legen oder das Veterinäramt anzurufen.

Fledermäuse greifen Menschen nicht an

Übrigens: Die Tollwut wird ausschließlich über Speichel auf Hautwunden übertragen. Von Kot geht keine Gefahr aus. Ohne direkten Kontakt zu den Tieren sind auch Hausbesitzer mit einem Fledermausquartier, zum Beispiel im Dachstuhl, keiner erhöhten Gefahr ausgesetzt. Solange man die Tiere nicht anfasst, werden selbst tollwütige Fledermäuse Menschen nicht angreifen.

Interviewpartner im Beitrag:

Dr. med. vet. Angelika Hepp, Tierärztin
Amt für Veterinärwesen und Lebensmittelüberwachung
Friesenstraße 30, 26789 Leer (Ostfriesland)
Internet: www.landkreis-leer.de/Leben-Lernen/Natur-Tiere-Umwelt/Veterinäramt

Axel Roeschen, Diplom-Biologe
Geschäftsführer NABU Umweltpyramide
Huddelberg 14, 27432 Bremervörde
Internet: www.nabu-umweltpyramide.de

Mechthild Schäpker, stellvertretende Amtsärztin
Gesundheitsamt Landkreis Leer
Jahnstraße 4, 26789 Leer
E-Mail: mechthild.schaepker@lkleer.de
Internet: www.landkreis-leer.de/Leben-Lernen/Gesundheit-Verbraucher/Gesundheitsamt

Theodor Poppen, Fledermaus-Regionalbetreuer       
Landkreis Aurich
Amt für Planung und Naturschutz
Fischteichweg 7-13, 26603 Aurich
E-Mail: theodor.poppen@landkreis-aurich.de
Internet: www.landkreis-aurich.de/197.html

Dr. Norbert Heising, Geschäftsführer
Zweckverband Veterinäramt JadeWeser
Abteilungsleiter Veterinärwesen
Postfach 2169, 26414 Schortens
E-Mail: veterinaeramt@jade-weser.de
Internet: www.jade-weser.de

Weitere Informationen:
NABU e.V.
Charitéstraße 3, 10117 Berlin
Fledermaushotline: (030) 28 49 84 50 00
Internet:www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/saeugetiere/fledermaeuse/arten/

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Visite | 13.09.2016 | 20:15 Uhr

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