Schlafstörungen: Wie sinnvoll ist die Einnahme von Melatonin?

Stand: 26.03.2021 14:30 Uhr

Melatonin steuert den Tag-Nacht-Rhythmus. Als Kapseln, Tee oder Spray - Melatonin wird als Einschlafhilfe stark beworben und in Drogerien und Apotheken verkauft.

Als Gegenspieler des Stresshormons Cortisol ist Melatonin wichtig für den gesunden Schlaf. Während Cortisol uns tagsüber aufmerksam und wach hält, leitet das Schlafhormon ein langsames Herunterschalten ein. Sobald es dunkel wird, bildet die Zirbeldrüse im Gehirn zwölf Mal mehr Melatonin als am Tag. Es sorgt dafür, dass unser Energieverbrauch gedrosselt wird, Körpertemperatur und Blutdruck sinken.

Viele Melatonin-Präparate sind frei verkäuflich

Immer mehr Verbraucher wollen sich die schlaffördernde Wirkung des Melatonins zunutze machen und greifen zu frei verkäuflichen Kapseln, Pillen, Sprays und Tees mit dem Hormon. Üblicherweise wird ein Milligramm Melatonin vor dem Schlafengehen empfohlen. Bei Pillen, Kapseln und Tee gelangt das Schlafhormon über den Darm in die Blutbahn. Bei Sprays kommt das Melatonin über die Schleimhäute ins Blut.

Ursache der Schlafstörung ist entscheidend

Alle Melatonin-Produkte versprechen ein schnelles Einschlafen und erholsamen Schlaf. Wer wirklich aufgrund von Melatoninmangel unter Einschlafstörungen leidet, kann es mit solchen Produkten versuchen. Sie helfen allerdings nur denjenigen, die selbst nicht genug Melatonin produzieren und deswegen nicht müde werden. Bei gut 50 Prozent der Betroffenen liegen die Ursachen für die Einschlafstörung aber woanders: Sie können aufgrund von Stress, innerer Unruhe, Erkrankungen oder Medikamenten nicht schlafen - und daran ändert die Einnahme von Melatonin nichts.

Ausprobieren statt Ursachenforschung

Es ist zwar technisch möglich, den Melatonin-Spiegel eines Menschen zu messen - aber so aufwendig, dass keine Krankenkasse die Kosten dafür trägt. Darum gilt für frei verkäufliche Produkte: Es ist nicht ausgeschlossen, dass sie einen Mangel vorübergehend ausgleichen können, eine Sicherheit dafür gibt es aber nicht. Denn wie viel Melatonin ein Mensch braucht, ist individuell verschieden. Außerdem werden diese Produkte nicht als Arznei-, sondern als Nahrungsergänzungsmittel verkauft, für die Wirksamkeit und Sicherheit nicht in klinischen Studien belegt werden müssen.

Frei verkäufliches Melatonin fördert nicht das Durchschlafen

Frei verkäufliche Melatonin-Produkte wirken nur kurz, denn der Körper baut Melatonin innerhalb einer Stunde wieder ab - egal, ob er es selbst produziert hat oder ob es von außen zugeführt wurde. Darum helfen die freiverkäuflichen Produkte nicht den Menschen, die unter Durchschlafstörungen leiden.

Melatonin auch als verschreibungspflichtiges Medikament

In Deutschland ist nur ein einziges Melatonin-Präparat als verschreibungspflichtiges Medikament zugelassen. Eine Tablette enthält zwei Milligramm Melatonin. Es soll ausschließlich Menschen ab 55 Jahren mit Schlafproblemen verordnet werden, da die körpereigene Melatonin-Produktion mit zunehmendem Alter abnimmt. Und anders als die freiverkäuflichen Nahrungsergänzungsmittel wirkt das rezeptpflichtige Medikament in Etappen: Es handelt sich um eine sogenannte Retardformulierung, die dafür sorgt, dass der Wirkstoff über einen längeren Zeitraum langsam abgegeben wird und sich ein stabiler Wirkstoffspiegel aufbaut. Dadurch stellt sich eine Langzeitwirkung ein und das Melatonin hilft auch beim Durchschlafen.

Risiken und Nebenwirkungen von Melatonin

Da der Körper Melatonin sehr schnell abbaut, sind die Gefahren einer Überdosierung mit freiverkäuflichen Mitteln eher gering. Wer aber über die Nacht mehrmals Melatonin einnimmt, riskiert Übelkeit und kann im Zweifel deswegen nicht wieder einschlafen.

Das verschreibungspflichtige Melatonin-Präparat sollte man nur so einnehmen, wie es der Arzt verordnet hat. Denn bei zu hoher Dosierung oder falscher Einnahme kann es auch den kompletten Schlaf-Wach-Rhythmus durcheinanderbringen: Wird ein retardiertes Medikament zu spät am Abend eingenommen, kann sich die Wirkung auch in den Morgen und in den Vormittag hineinziehen, was wiederum zu Schläfrigkeit am Morgen oder am nächsten Tag führt. Und am folgenden Abend schläft man dann noch schlechter ein.

Zu den möglichen Nebenwirkungen von Melatonin gehören Kopfschmerzen, leichtes Fieber, Unwohlsein und Übelkeit. Studien über Langzeitfolgen gibt es bisher nicht, nach Beobachtungen von Anwendern kann eine zu lange Einnahme aber zu Alpträumen, verstärkter Nervosität und Reizbarkeit führen. Auch Wechselwirkungen mit Anti-Rheuma-Mitteln und Blutdrucksenkern können auftreten. Bei einer langfristigen Einnahme befürchten Mediziner, dass Melatonin Leber und Nieren schädigen könnte.

Melatonin-Einnahme ist keine Dauerlösung

Wer kurzzeitig mal Probleme beim Einschlafen hat, etwa nach einem Langstreckenflug, kann Melatonin-Präparate ruhig ausprobieren. Länger als drei Monate sollte dieser Selbstversuch aber nicht dauern. Und auch das verschreibungspflichtige Medikament ist nicht als Dauerlösung geeignet.

 

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