Stand: 13.01.2017 11:57 Uhr  | Archiv

Ritalin: Riskantes Gehirndoping bei Gesunden

Freiwillig Medikamente einnehmen - obwohl man gesund ist? Viele Menschen tun das, um leistungsfähiger zu sein. Sogar Ärzte verschreiben medikamentöse Wachmacher immer häufiger. Die Wirkstoffe, mit denen die Konsumenten ihre Konzentration steigern wollen, heißen Methylphenidat oder Modafinil. Ersterer ist besser bekannt unter seinem Handelsnamen Ritalin. Eigentlich soll es hyperaktiven Kindern dabei helfen, sich besser zu konzentrieren.

Modafinil ist ein Arzneimittel, mit dem pathologische Schlafattacken (Narkolepsie) behandelt werden. Beide Psychostimulanzien gehören zur chemischen Familie der Amphetamine - wie Kokain, eine illegale Droge. Und genauso wie Kokain machen sie fit und unterdrücken Müdigkeit, Hunger und Durst.

Fallbeispiel: Konzentrierter arbeiten mit Ritalin?

Unter Studierenden ist besonders Ritalin verbreitet. Eine Jura-Studentin, die anonym bleiben will, beschreibt Ritalin so: "Es fiel mir doch erheblich leichter, mich auf diese mordslangen Texte  zu konzentrieren. [...] Ich wollte unbedingt weitermachen, unbedingt noch mehr schaffen, unbedingt jetzt aber auch das Beste rausholen." Erwiesen ist die konzentrationssteigernde Wirkung des Stoffes allerdings nicht.

Junge Frau im Interview, in der Unschärfe aufgenommen. © NDR / D|14Film
Dass Ritalin so wirkt wie Kokain, stört diese Jura-Studentin nicht.

Dass das Medikament ähnliche Eigenschaften hat wie Kokain, schreckt die Studentin nicht ab: "Das gibt es in der Apotheke, es wird auch Kindern verschrieben. Das macht es auch gesellschaftstauglicher als sich da irgendwie in der Bibliothek eine Nase zu ziehen. Aber ich finde eben auch, du nimmst es nur als Tablette, das könnte auch eine Aspirin sein." Sie verschafft sich das Medikament unter der Hand von einem Mitstudenten. Andere lassen es sich von ihrem Arzt verschreiben.

Missbrauch auch von Modafinil

Zur Leistungssteigerung greifen andere auch zu Modafinil. Es wirkt so ähnlich wie Ritalin. Laut Arzneimittel-Agentur der Europäischen Union, die Arzneimittel überwacht und beurteilt, wurde "ein Zusammenhang zwischen Modafinil und psychiatrischen Nebenwirkungen, zum Beispiel Suizidgedanken und Depression" beobachtet. Die EU-Behörde empfiehlt deshalb, "Modafinil lediglich zur Behandlung von Narkolepsie", also Schlafkrankheit, und nicht mehr zur "Behandlung von Erkrankungen wie dem Schichtarbeitersyndrom" einzusetzen.

Und doch stellt Professor Klaus Lieb, Direktor der Psychiatrie an der Uni-Klinik Mainz fest: "Wir sehen, dass die Einnahmehäufigkeit und die Absätze von Modafinil weltweit viel höher sind als die Anzahl der Narkolepsie-Patienten." Ärzte verschreiben Modafinil und Ritalin also auch Patienten, die es gar nicht brauchen. Für Klaus Lieb ist klar: Das hängt auch mit der Lobbyarbeit der Pharma-Hersteller zusammen. Denn je häufiger ein Medikament verschrieben wird, desto mehr verdienen sie damit.

Konsumenten setzen Gesundheit aufs Spiel

Für die Gesunden, die zu Psychostimulanzien greifen, habe es gravierende gesundheitliche Folgen, wenn Gehirn und Körper nicht zur Ruhe kommen und entspannen können, erklärt Lieb. Die Betroffenen kämen dann "möglicherweise in einen Kreislauf, der zu einer langfristigen Schwächung im Sinne eines Burnouts führen kann", weil Gehirn und Körper sich nicht mehr beruhigen und Kraft schöpfen könnten, sondern ständig überdrehten.

Auch die spätere Entwicklung von anderen psychischen Störungen schließt der Psychiater nicht aus. Zudem warnt der Arzt: "Natürlich können diese Substanzen abhängig machen. Deswegen rate ich auch dringend davon ab, dass Gesunde Stimulanzien wie Methylphenidat oder Modafinil einnehmen." Doch der Drang, immer besser, schneller und konzentrierter sein zu wollen, treibt gesunde Menschen dazu, diese Medikamente zu missbrauchen.

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Dieses Thema im Programm:

45 Min | 16.01.2017 | 22:00 Uhr

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