Stand: 08.10.2015 15:00 Uhr  | Archiv

Jeder Zehnte trägt MRSA-Keime in sich

In Deutschland tragen nach Schätzungen bereits zehn Prozent der Bevölkerung multiresistente Keime in sich, ohne es zu wissen. Welche Folgen hat das für unsere medizinische Versorgung, aber auch für den Alltag? Antworten auf diese und andere Fragen gibt die Medizinjournalistin und Fernsehautorin Antje Büll im Gespräch mit NDR.de.

Sind die MRSA-Keime derzeit die bedrohlichsten bakteriellen Erreger?

Antje Büll: In jüngster Zeit sind es vor allem sogenannte gram-negative ESBL-Keime, die den Ärzten Probleme bereiten. Diese multiresistenten Keime befinden sich vor allem im Darm. Sie sind noch resistenter auf die zur Verfügung stehenden Antibiotika als MRSA-Keime. Oft müssen die Ärzte deshalb auf alte Antibiotika zurückgreifen, die schwere Nebenwirkungen haben.

Wie kann jemand Träger eines aggressiven Keims sein, ohne dass er oder sie es merkt?

Büll: Der Keim an sich ist nicht aggressiv, sondern vor allem widerstandsfähig. Durch übermäßige oder falsche Einnahme von Antibiotika können die Bakterien in unserem Körper Resistenzen bilden. Das heißt, sie entwickeln Widerstandskräfte gegen diese Antibiotika. Das merken wir normalerweise nicht, wenn wir gesund sind. Gefährlich kann es nur für uns und andere Menschen werden, wenn das Immunsystem geschwächt ist, zum Beispiel bei einer schweren Krankheit.

Was würde mit einem Menschen passieren, bei dem ein solcher Erreger gefunden wird?

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Multiresistente Bakterien wie der MRSA-Keim selbst, hier eine Mikroaufnahme, machen nicht krank. Für schwer kranke Menschen etwa sind sie aber gefährlich.

Büll: Nichts. Der Keim selbst macht nicht krank. Er ist nur für schwer kranke Menschen gefährlich, oder, wenn er in offene Wunden gelangt. Deshalb waren zum Beispiel bei meinen Recherchen für mich die resistenten Keime in den Krankenhäusern auch nicht gefährlich. Sie wären es allerdings für die Patienten gewesen, wenn ich sie von einem zum anderen getragen hätte. Vor allem deshalb haben wir bei den Dreharbeiten Schutzkleidung getragen. Es gibt allerdings auch Keime, die selbst eine Krankheit auslösen: zum Beispiel der EHEC-Erreger, an dem 2011 bundesweit 53 Menschen starben. Deshalb ist es so ungeheuer wichtig, Epidemien und Ausbrüche möglichst schnell zu melden und unter Kontrolle zu bekommen.      

Gibt es Überlegungen, ein flächendeckendes Screening durchzuführen, um die etwa vier Millionen Deutschen aufzuspüren, die Träger multiresistenter Keime sind?

Büll: Nein. Das ist meines Erachtens auch nicht notwendig, denn die Keime springen nicht von einem zum anderen Menschen. Ich denke, man sollte aber vermehrt dazu übergehen, die Menschen, die ins Krankenhaus eingeliefert werden, zu testen. Bisher werden aber nur Risikopatienten getestet. So kann es immer noch sein, dass resistente Keime unbemerkt ins Krankenhaus kommen. In den Niederlanden werden alle Patienten auf MRSA getestet. Allerdings nicht auf ESBL, denn dafür bräuchte man eine Darmprobe. Ich denke, wir müssen in Zukunft auch in Deutschland Patienten, die operiert werden, auf resistente Keime testen, damit sie frühzeitig isoliert werden können. Das kostet Geld, aber nur so können weitere Infektionen und Todesfälle im Krankenhaus verhindert werden.

  • Was sind multiresistente Keime?

    Resistente Keime sind Erreger, die eine Widerstandsfähigkeit gegen die Medikamente entwickelt haben, mit denen eine entsprechende Infektion üblicherweise behandelt wird. Helfen mehrere Antibiotika nicht, spricht man von multiresistenten Keimen. Vor allem für Kranke, Kinder und alte Menschen können derartige Infektionen lebensgefährlich werden. Die am meisten verbreiteten Erreger sind:

  • MRSA (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus)

    Diese Bakterienart vermehrte sich gleichzeitig mit der Verbreitung von Antibiotika seit den 1960er-Jahren und ist gegen alle Beta-Lactam-haltigen Antibiotika resistent, die in ihrer Struktur auf Penicillin zurückgehen. Sie kann unter anderem Haut- und Wundentzündungen, Atemwegs- und Harnwegsinfekte oder Entzündungen von Organen auslösen.

  • ESBL (Extended-Spectrum-Beta-Lactamasen)

    Diese Enzyme können Beta-Lactam-haltige Antibiotika spalten. Entsprechend resistent sind die sogenannten ESBL-bildenden Bakterien, die ein breites Spektrum an Krankheiten auslösen können, von Lungenentzündung über Magen-Darm-Erkrankungen bis zur Sepsis.

  • MRGN (MultiResistenz von GramNegativen Stäbchen)

    MRGN sind eine neue Generation von Krankenhauskeimen. Sie sind gegen drei beziehungsweise vier der insgesamt 15 Antibiotikagruppen resistent. Erreger werden als 3MRGN bezeichnet, wenn sie gegen drei Antibiotikagruppen resistent sind. Als 4MRGN werden Erreger eingruppiert, wenn sie unabhängig von der Erregerart gegen vier Antibiotikagruppen resistent sind. Lungenentzündungen, Harnwegsinfektionen, Wundinfektionen und Sepsis können mögliche Erkrankungen sein. Wegen der Resistenz des Keims stellt die Therapie eine besondere Herausforderung dar.

  • VRE (Vancomycin-resistente Enterokokken)

    Diese mit Streptokokken verwandten Darmbakterien wurden erstmals Ende der 80er-Jahre beobachtet. Sie können unter anderem Harnwegsinfektionen und Bauchfellentzündung auslösen. VRE sind gegen das Reserveantibiotikum Vancomycin sowie weitere Antibiotika resistent. Daher sind die Therapiemöglichkeiten bei VRE eingeschränkt.

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Experten sind sich einig: Antibiotika werden in Deutschland zu häufig verabreicht. Auch deshalb sind viele Keime gegen zahlreiche Präparate resistent geworden. Hilft es in dieser Lage überhaupt noch, ab jetzt weniger Antibiotika zu verschreiben?

Büll: Auf jeden Fall. Wir wollen ja nicht noch mehr resistente Erreger bekommen. Ein guter Schritt sind die Antibiotika-Beauftragten, die mehr und mehr in den großen Kliniken eingesetzt werden, und die die Antibiotika-Gabe der Ärzte kontrollieren. Man sollte sich auch selbst immer überlegen und den Arzt noch mal fragen, ob man ein Antibiotikum wirklich braucht. 

Wann sollte ein Test auf Bakterien durchgeführt werden?

Büll: Wenn der Arzt sich aufgrund der Symptome unsicher ist, sollte er lieber einen Test durchführen, anstatt prophylaktisch ein Antibiotikum zu verordnen. Derzeit dauert ein mikrobiologischer Test im Labor zwei bis drei Tage. So lange müssten Arzt und Patient warten, wenn sich in Zukunft nicht sogenannte Schnelltests etablieren. Beim CRP-Test etwa wird - ähnlich wie beim Blutzuckertest - ein Tropfen Blut aus dem Finger untersucht. Das C-reaktive Protein im Blut, ein Eiweiß, zeigt an, ob im Körper Entzündungen vorliegen, die auf eine bakterielle Infektion hinweisen. Das Ergebnis liegt nach ein paar Minuten vor. Ist es negativ, weiß der Arzt, dass keine bakterielle Entzündung vorliegt und also auch kein Antibiotikum hilft. Der Test kostet 2,50 Euro. Grundsätzlich wäre es gut, wenn Mediziner an einer Fortbildung für rationale Antibiotika-Therapie teilnehmen müssten. So können sie lernen, wann welches Antibiotikum sinnvoll ist und wie man feststellen kann, dass kein Antibiotikum notwendig ist. Damit könnte man den Antibiotika-Einsatz drastisch senken.

Was bedeutet es, in zehn Jahren eine leichte Lungenentzündung oder einen Harnwegsinfektion zu haben, wenn manche Antibiotika schon jetzt nicht mehr wirken?

Büll: Das ist schwer vorauszusehen. Wir brauchen dringend neue Antibiotika, um derzeitige Resistenzen zu bekämpfen. Und die Antibiotika, die es gibt, müssen gezielter eingesetzt werden, damit sie ihre Wirksamkeit möglichst lange behalten. Und auf jeden Fall muss der Einsatz der Antibiotika in der Massentierhaltung drastisch reduziert werden. Noch gibt es ja viele wirksame Antibiotika. Wann welche Erreger Resistenzen entwickeln, lässt sich nicht vorhersagen.      

Auf Deutschlands größter Intensivstation, der des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, haben schon 15 bis 20 Prozent aller Patienten multiresistente Erreger. Worauf müssen Patienten und ihre Besucher im Krankenhaus achten, um sich zu schützen?

Büll: Ich bin dazu übergegangen, kranken Patienten, mit denen ich ja in meinem Beruf als Medizin-Journalistin viel zu tun habe, nicht mehr die Hände zu schütteln, um zu verhindern, dass ich womöglich irgendeinen Keim übertrage. Ich fasse möglichst wenig an und desinfiziere regelmäßig meine Hände, wenn ich in das Krankenhaus gehe und auch, wenn ich es verlasse. Bei der "Aktion saubere Hände", die in vielen Krankenhäusern läuft, wird besonderer Wert auf eine richtige und regelmäßige Handdesinfektion bei Personal und Besuchern gelegt.

Und was bedeutet der Vormarsch resistenter Keime für den Alltag - also Haushalt, Arbeitsplatz oder öffentlicher Raum?

Büll: Es gibt viele Bakterien, die wir im Leben brauchen, um gesund zu sein. Eine keimfreie Umgebung wird es nicht geben und darf es auch nicht geben, wenn wir gesund bleiben wollen. Regelmäßiges Händewaschen mit Seife, vor allem nach dem Toilettenbesuch, ist wichtig, um Darmbakterien nicht zu verteilen. Ich habe auch gelernt, mir selbst weniger ins Gesicht zu fassen. Denn über Mund, Nase und Augen können Bakterien leicht in den Körper eindringen. Desinfektionstücher trage ich jedoch nicht immer mit mir herum.

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Medizinjournalistin Antje Büll hält außergewöhnliche Hygienemaßnahmen im Alltag nicht für notwendig.

Vor zwei Jahren haben Sie einen Film über den drohenden Antibiotika-Notstand gemacht. Was hat sich seitdem getan?

Büll: Vor zwei Jahren war mein Film einer der ersten zum Thema. Mittlerweile wird in den Medien ständig über das Problem berichtet. Dadurch ist die Öffentlichkeit stärker sensibilisiert. In der Antibiotika-Forschung tut sich weltweit derzeit einiges, sodass die Hoffnung besteht, dass wir in ein paar Jahren neue Antibiotika bekommen werden.

Außerdem soll es eine verschärfte Meldepflicht bei Infektionen geben. Doch das alles reicht nicht aus, um den Antibiotika-Verbrauch nachdrücklich zu senken und die Zahl der Infektionen zu reduzieren. Dringend muss es klare Richtlinien bei den niedergelassenen Ärzten geben, bessere Haltungsbedingungen in der Tierzucht und mehr Antibiotika-Spezialisten in den Kliniken und mehr Personal auf den Intensivstationen. Ich denke auch, dass eine nationale Infektionsbehörde sinnvoll wäre, um Infektionen besser überwachen zu können.

Das Interview führte Ulla Brauer.    

Links

Tödliche Keime

Multimedia-Reportage von Correctiv.org über multiresistente Erreger. extern

Informationen zur Sendung
45 Min

Die Antibiotika-Falle

12.10.2015 22:00 Uhr
45 Min

Mindestens 15.000 Menschen sterben jährlich an Keimen, die resistent gegen Antibiotika sind. Bisher harmlose Keime können gefährlich werden. Wie können wir uns schützen? mehr

Dieses Thema im Programm:

45 Min | 12.10.2015 | 22:00 Uhr

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