Rückenschmerzen durch Hypermobilität

Stand: 08.03.2021 21:00 Uhr

Unter Hypermobilitäts-Syndrom (HMS) fassen Mediziner eine Gruppe von angeborenen Störungen im Bindegewebe zusammen. Die Ursachen der Erkrankung sind noch nicht verstanden.

Das Hypermobilitäts-Syndrom (HMS) ist eine seltene Erkrankung. Betroffene leiden unter einer allgemeinen Überbeweglichkeit (Hypermobilität) der Gelenke, gepaart mit Beschwerden im Muskel-Skelett-System.

Symptome von Hypermobilität

Ein Gelenk gilt als hypermobil, wenn es über den normalen Radius hinaus - aktiv oder passiv - bewegt werden kann. Die Grenze zwischen normal und hypermobil ist dabei fließend. Bei Kleinkindern sind die Gelenke beweglicher als bei Erwachsenen, die Beweglichkeit nimmt mit fortschreitendem Alter ab.

Die Überbeweglichkeit einzelner Gelenke ist in der Bevölkerung recht verbreitet und gerade unter Menschen, die bestimmte Sportarten betreiben - etwa Kunstturnen, Ballett und Tanz - auch durchaus gewollt. Viele überbewegliche Menschen leben ohne Beschwerden.

Andere kämpfen mit ständigen Schmerzen, häufig "verknacksten" Gelenken und tagelanger Erschöpfung nach jeder längeren Bewegungsphase oder auch nach längerem Stehen. Eine Neigung zu Blutergüssen, Venen- und Verdauungsproblemen tritt gehäuft zusammen mit der Überbeweglichkeit auf. Im fortgeschrittenen Altern sind Betroffene anfälliger für Darmdivertikel.

Hypermobilitätstest: Sind Ihre Gelenke überbeweglich?

Bei Menschen mit HMS sind nicht nur einzelne Gelenke überstreckbar, sondern das Phänomen betrifft das gesamte Skelettsystem. Mit dem sogenannten Beighton Score lässt sich anhand einer Punkteskala feststellen, ob vermutlich eine Hypermobilität vorliegt:

  • Handflächen können bei gestreckten Knien auf den Boden aufgelegt werden (1 Punkt)
  • Überstreckbarkeit der Ellbogen um mehr als 10 Grad (1 Punkt pro Arm)
  • Daumen berührt den Unterarm (1 Punkt pro Hand)
  • Überstreckung des Grundgelenks des kleinen Fingers auf 90 Grad (1 Punkt pro Hand)
  • Überstreckbarkeit der Kniegelenke um mehr als 10 Grad (1 Punkt pro Bein)

Auswertung:
0–2 Punkte = nicht hypermobil, 3–4 Punkte = moderat hypermobil, 5 Punkte oder mehr = generalisierte Hypermobilität

Die meisten Erwachsenen erreichen nur einen Beighton Score von 0-2. Doch selbst ein Punktwert von 5 oder mehr, also eine generalisierte Hypermobilität, hat für sich gesehen noch keinen Krankheitswert. Es besteht bei hoher Punktzahl allerdings die Gefahr, dass sich an den betroffenen Gelenken infolge der Instabilität Beschwerden einstellen. Häufig setzen Schmerzen entweder mit Abschluss der Wachstumsphase im Zuge der Pubertät oder aber im jungen Erwachsenenalter ein.

Diagnose von HMS

Das HMS ist abzugrenzen von anderen Erkrankungen des Bindegewebes, etwa dem Marfan-Syndrom oder dem Ehlers-Danlos-Syndrom (EDS). Allerdings gibt es Überschneidungen zwischen HMS und der hypermobilen Variante des EDS.

Da der Beighton Score keine Aussagen über Schmerzen und Beeinträchtigungen liefert, wurden die "Brighton-Kriterien" zur Diagnose eines HMS entwickelt. Dazu gehören ein Beighton Score von 4 Punkten oder mehr, Gelenkschmerzen seit mehr als einem Vierteljahr in vier oder mehr Gelenken und zusätzliche Hinweise auf Bindegewebsanomalien - wie etwa Weichteilrheumatismus, Krampfadern, besonders dünne Haut oder hängende Augenlider.

Hypermobilitätssyndrom noch wenig erforscht

Die Ursachen des HMS sind bis heute nicht verstanden. Auch ist nicht bekannt, wie viele Menschen genau unter dem Hypermobilitätssyndrom leiden.

Therapie beim HMS

Haltungskontrolle, -korrektur und -training sind für Betroffene wichtig und sollten physiotherapeutisch unterstützt werden. Dabei geht es insbesondere darum, die Tiefenstabilität zu sichern - bei Rückenschmerzen beispielsweise durch ein Trainieren der Musculi multifidii zwischen den einzelnen Wirbelkörpern. Wassergymnastik, Pilates oder Tai Chi sind geeignete Sportarten - Kontaktsport, allgemeines Krafttraining oder auch Dehnübungen dagegen eher ungünstig.

Weitere Informationen
Physiotherapeutin Svea Köhlmoos zeigt einer jungen Patientin Übungen mit dem Schwingstab. © NDR

Rückenübungen gegen Schmerzen durch Hypermobilität

Bei Hypermobilität (HMS) sind die Bänder zu locker. Betroffene brauchen ein spezielles Training der Tiefenmuskulatur. mehr

Dieses Thema im Programm:

Die Bewegungs-Docs | 08.03.2021 | 21:00 Uhr

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