Stand: 29.08.2017 06:00 Uhr

Geflügelmast: Hoher Einsatz von Reserveantibiotikum

Tierarzt Andreas Wilms-Schulze Kump schlurft durch den Stall. Die Füße hebt er nur ganz leicht, um nicht auf eines der knapp 40.000 Küken am Boden zu treten. Der Geflügelspezialist kontrolliert, ob die fast eine Woche alten Masttiere gesund sind. Er ist der Chef einer großen Tierarztpraxis in Visbek mitten in Niedersachsen.

Küken.

Geflügelmast: Einsatz von Reserveantibiotikum

Panorama 3 -

Ein für Menschen wichtiges Antibiotikum wird massenhaft bei Geflügel eingesetzt. Ärzte und Gesundheitsorganisationen warnen, dass das Mittel so seine Wirkung verliert.

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Masthühner und Puten bekommen Antibiotikum Colistin

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Tierarzt Andreas Wilms-Schulze Kump sorgt sich um das Wohlergehen von Masthähnchen.

Noch haben die kleinen Hühner hier Platz, doch in rund fünf Wochen, kurz vor der Schlachtung, werden sie dicht gedrängt stehen. Keime können sich schnell verbreiten. Wenn die Tiere an Infektionen erkranken, setzt Wilms-Schulze Kump auch Antibiotika ein. Ein Tier nicht zu behandeln, sei ein Verstoß gegen das Tierschutzgesetz, sagt er. Bei Masthühnern und Puten werden klassische Penicilline eingesetzt und in großen Mengen auch ein Wirkstoff, der für Menschen zunehmend wichtiger wird: Colistin.

WHO zählt Colistin zu den wichtigsten Antibiotika

Kürzlich hat die Weltgesundheits-Organisation (WHO) ihre Liste der wichtigsten Antibiotika für Menschen aktualisiert. Ganz oben, als eines der Medikamente mit der höchsten Priorität, steht nun auch Colistin. Medikamente aus dieser Klasse werden als Reserveantibiotika bezeichnet. Sie sollten so wenig wie möglich eingesetzt werden - auch bei Tieren, damit sie ihre Wirkung nicht verlieren.

Colistin ist ein uraltes Antibiotikum, doch jahrzehntelang wurde es bei Menschen wegen starker Nebenwirkungen kaum eingesetzt. Mittlerweile hat sich die Situation jedoch verändert. Weil viele herkömmliche Antibiotika inzwischen ihre Wirkung verlieren, müssen Ärzte immer häufiger zu Colistin greifen.

Patienten bekommen Colistin in schweren Fällen

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Colistin ist immer häufiger zur Behandlung von Patienten nötig, sagt Holger Rohde vom Hamburger Uniklinikum.

Das Reserveantibiotikum komme bei schweren Infektionen zum Einsatz, die mit konventionellen Substanzen nicht mehr behandelt werden könnten, solch eine Therapie sei dann im Zweifel lebensrettend, erklärt Prof. Holger Rohde, Spezialist für Antibiotikaresistenzen am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf (UKE).

Erschwerend kommt hinzu, dass Forscher entdeckt haben, dass sich die Colistinresistenzen schneller verbreiten können, als bislang gedacht. Diese Erkenntnis hat Mediziner weltweit alarmiert. "Es ist wichtig zu verstehen, dass sich resistente Bakterien, die in der Tiermast entstehen, früher oder später auch beim Menschen wiederfinden werden", sagt Rohde.

Einsatz bei Tieren soll massiv gesenkt werden

Deshalb fordert die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA), den Colistineinsatz in der Nutztierhaltung massiv zu senken. Vor allem Länder, die überdurchschnittlich viel einsetzen, müssten handeln. Nach einem 2016 veröffentlichten EMA-Bericht lag Deutschland innerhalb der EU auf Platz 4. Im Vergleich zu Dänemark und den Niederlanden wurde hierzulande mehr als 20 Mal so viel des wichtigen Antibiotikums eingesetzt.

Keine Antibiotika-Zahlen zu einzelnen Tierarten

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Wie oft Hühner oder Puten Colistin bekommen, ist unklar. Konkrete Daten werden nicht veröffentlicht.

Große Mengen Colistin werden in Geflügelställen über die Tränken verabreicht. Wie viel es genau ist, ist jedoch unklar. Landwirte müssen zwar den zuständigen Behörden melden, welche Antibiotika sie ihren Tieren genau geben, doch diese Daten werden nicht veröffentlicht.

Lediglich eine Übersicht der Antibiotikamengen für alle Nutztiere zusammen, die an Tierärzte abgegeben werden, wird jeden Sommer vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) bekannt gegeben. Daraus ist nicht ersichtlich, wie viele der Medikamente für welche Tierarten verwendet werden. Und selbst die Gesamtmengen der Wirkstoffe sind aktuell nicht zu bekommen. Diese Zahlen für 2016 werden voraussichtlich erst nach der Bundestagswahl im September veröffentlicht.

So liegen derzeit nur Angaben für 2015 vor. Damals wurden insgesamt für alle Nutztierarten mehr als 80 Tonnen Colistin verkauft. Das ist zwar weniger als in den Vorjahren, aber immer noch viel. Nach Recherchen des NDR wurde der größte Teil davon offenbar Puten und Masthühnern verabreicht.

Wenig Daten zu Antibiotikamengen

Seit 2011 wird erfasst, wie viele Antibiotika Veterinäre für Nutztiere verabreichen. Damals waren es  mehr als 1.700 Tonnen. Im Jahr 2015 war es weniger als die Hälfte: 805 Tonnen. Doch bei den sogenannten Reserveantibiotika sind kaum Rückgänge zu verzeichnen.
Die Zahlen sind zudem nicht besonders aussagekräftig, da nicht nach Tierarten differenziert wird. Das heißt: Niemand kann überprüfen, ob etwa in der Puten- und Hähnchenmast, bei Rindern oder Schweinen besonders viele Medikamente verwendet werden.

Antibiotikum verliert seine Wirkung - auch für Menschen

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Bakterien, bei denen Colistin nicht mehr wirkt, werden auch auf Geflügelfleisch gefunden.

Durch den hohen Einsatz steigt die Gefahr, dass sich Keime entwickeln und verbreiten, gegen die Colistin nicht mehr wirkt - zum Beispiel über Geflügelfleisch. Im vergangenen Jahr untersuchten Forscher der Uni Zürich knapp 130 Proben von Hähnchen- und Putenfleisch. Mehr als die Hälfte der Tiere stammte aus deutschen Mastställen, etwa ein Drittel aus der Schweiz, der Rest aus anderen Ländern. Das Ergebnis: In keiner Probe aus der Schweiz fanden die Forscher Bakterien, die gegen Colistin resistent sind, jedoch auf 40 Prozent der Proben aus Deutschland.

Die Schweizer Wissenschaftler folgern: Dort wo besonders viel Colistin eingesetzt wird, sind auch besonders viele Bakterien resistent gegen das Mittel. Das belegt auch eine aktuelle Studie von drei EU-Behörden. Sie zeigt, dass sich resistente Erreger stärker ausbreiten, wo viele Antibiotika bei Menschen oder Tieren eingesetzt werden.

Forderung nach Verbot von Reservemitteln in der Tiermast

Deshalb fordern einige Mediziner sogar, Colistin für Nutztiere komplett zu untersagen. Tierarzt Wilms-Schulze Kump ist jedoch gegen ein solches Verbot. Er befürchtet, dann erkrankte Tiere möglicherweise nicht mehr behandeln zu können. So etwas habe er schon einmal erlebt, als ein anderes Medikament für die Anwendung bei Tieren verboten wurde. Er habe einem Putenhalter sagen müssen, dass er seine 6.000 Tiere leider nicht behandeln könne, weil er das Mittel nicht anwenden dürfe.

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Claudia Preuß-Überschär fordert eine bessere Tierhaltung, um den Einsatz wichtiger Antibiotika zu verringern.

Die Veterinärin Claudia Preuß-Überschär vom Verein "Tierärzte für eine verantwortbare Landwirtschaft" sieht dies anders. Sie hält den Einsatz von Colistin und anderer für Menschen wichtiger Reserveantibiotika in Ställen für unverantwortlich. Tierärzte könnten aus ihrer Sicht komplett auf das Mittel verzichten, doch dafür müsste allerdings die Haltung grundlegend verbessert werden. Sie fordert, deutlich weniger Tiere und widerstandsfähigere Rassen einzustallen, damit die Tiere nicht so schnell krank werden.

Auch Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) macht sich für ein Verbot von Reserveantibiotika in der Tiermedizin stark. Außerdem fordert der Landesminister vom Bund festzulegen, welche Mittel überhaupt zu den Reserveantibiotika in der Tiermedizin gehören.

Landwirtschaftsministerium plant bislang keine schärferen Regeln

Doch Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) lehnt ein Verbot ab. Das könne die arzneiliche Versorgung von Tieren beeinträchtigen, schreibt sein Ministerium. Eine Wirkstoffliste, aus der klar hervorgeht, welche Antibiotika in der Tierhaltung als Reservemedikamente gelten, hat er bislang nicht erstellt.

Geplant ist zwar eine neue Verordnung zu Tierarzneien, doch auch darin sind keine strengeren Regeln für Colistin vorgesehen. Der Einsatz könne im Rahmen des Arzneimittelrechts nicht sinnvoll reduziert werden, meint das Bundeslandwirtschaftsministerium, insbesondere für die Behandlung von Geflügel gäbe es zu wenig alternative Wirkstoffe.

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Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 29.08.2017 | 21:15 Uhr

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