Stand: 19.06.2017 14:09 Uhr

Fetales Alkoholsyndrom hat fatale Folgen

von Hedwig Ahrens

Mit dem Thema "Kinder aus suchtbelasteten Familien" beschäftigen sich die Teilnehmer der Jahrestagung der Drogenbeauftragten der Bundesregierung. Wenn Mütter in der Schwangerschaft Alkohol trinken, kann das schon für ungeborene Kinder fatale Folgen haben: Sie bleiben im Wachstum zurück, außerdem wird ihr Gehirn geschädigt. Diese Beeinträchtigung wird als Fetales Alkoholsyndrom (FAS) bezeichnet. Jedes Jahr kommen mehr als 5.000 Kinder mit dem FAS zur Welt. Sie haben es besonders schwer, weil ihre Behinderung unsichtbar ist. NDR Info hat eine betroffene junge Frau besucht.

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Jeder Schluck Alkohol in der Schwangerschaft ist einer zu viel. Darauf machen Experten aufmerksam.

Janine steht in ihrem Zimmer auf dem Hof Seggert in Ochtrup. Die schlanke 21-Jährige hat ihr Bett akkurat gemacht, Harry-Potter-Bücher stehen aufgereiht auf ihrem Kleiderschrank. "Wie einem schon auffällt, ist alles eigentlich ordentlich hier. Das brauche ich wohl, und das brauchen viele mit dieser Krankheit. Ordentlich heißt auch, ich weiß, wo alles liegt. Aber auch ein bisschen: Einen Überblick kriegen."

Janine leidet unter dem Fetalen Alkoholsyndrom, auch wenn sie auf den ersten Blick nicht krank wirkt. Wegen ihrer Krankheit lebt sie im Haus des diakonischen Eylarduswerkes südlich von Bad Bentheim. Es ist eine von bundesweit drei Einrichtungen für Menschen mit einem FAS.

Konzentrationsschwierigkeiten sind eine Folge

"Meine Mutter hat während der Schwangerschaft anscheinend Alkohol getrunken, und dann kriegt man einfach diese Krankheit. Ich habe einfach gemerkt, dass ich anders war als andere Menschen - auf der Schule zum Beispiel. Ich vergesse halt gerne Sachen. Und mit der Konzentration, das klappt zehn Minuten, aber auch nicht viel länger."

Kinder mit dieser Alkoholstörung kommen in regulären Schulen nicht klar: Janine hatte Probleme mit Mathematik. Sie arbeitet derzeit im Holzbereich einer Behinderteneinrichtung.

Die unsichtbare Behinderung

Sechs von neun Kindern, die auf dem Hof Seggert betreut werden, leiden unter dem FAS. "Das sind Kinder, die eine hirnorganische Störung haben", erklärt Teamleiter Ralf Neier. "FAS ist oft eine nicht erkannte, eine unsichtbare Behinderung. Die Kinder haben die Schwierigkeit, dass die beiden Gehirnhälften nicht besonders gut beziehungsweise gar nicht zusammenarbeiten können." Die Folge sei, dass sie auf das Wissen, das sie haben, in ihrem Handeln nicht zurückgreifen können. "Das macht es im Alltag sehr, sehr schwer."

Appell an alle Schwangeren

Oft bleibt das FAS lange unerkannt. Dabei ist die Alkoholschädigung die häufigste Erkrankung, die Kinder mit auf die Welt bringen, sagt der Medizinwissenschaftler Reinhold Feldmann von der Universitätskinderklinik Münster: "Es ist ungefähr doppelt so häufig wie das Down-Syndrom, das ja alle kennen."

Seine Kritik: In der Gesellschaft werde ein Gläschen Sekt oder Wein in der Schwangerschaft zu Unrecht toleriert. "Wir haben Studien, die uns sagen: Ein Glas Alkohol pro Woche in der Schwangerschaft sehen wir später im Verhalten des Kindes, das erhebliche kognitive und soziale Schwierigkeiten hat. Das heißt, es muss noch bekannter werden, dass es ganz schlau ist, in der Schwangerschaft überhaupt keinen Alkohol zu trinken."

Mehr Verständnis für die Diagnose und die Betroffenen

Viele Kinder mit einem FAS wachsen in Pflegefamilien auf. Zahlen, die in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen erhoben wurden, belegen demnach, dass jedes vierte bis fünfte Pflegekind ein Fetales Alkoholsyndrom hat.

Feldmann ist der Ansicht, dass die zuständigen Jugendämter handeln müssten. Aber auch dort zeige sich, dass die Alkoholschädigung zu wenig bekannt ist: "Man kann sagen, dass sich ein Viertel der Jugendämter in Deutschland mit FAS noch nicht gut befasst hat." So gebe es wenig Verständnis für die Diagnose und die betroffenen Eltern.

"Unwissende Krankheit" bekannter machen

Wenn Janine heute zurückblickt, ärgert sie sich nicht so sehr über den Alkoholkonsum ihrer Mutter während der Schwangerschaft, sondern vielmehr darüber, dass die Folgen so unbekannt sind. "Dass das so eine 'unwissende Krankheit' ist, finde ich eher schlimmer. Dass Mama das gemacht hat, da sage ich mir: Das war vielleicht nicht gut. Aber man sagt ja so schön: Man soll das Beste daraus machen."

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 19.06.2017 | 11:08 Uhr

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