Stand: 09.06.2020 12:20 Uhr  - Visite

Diabetes Typ 1: Blutzucker automatisch einstellen

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Bei Diabetes Typ 1 arbeitet die Bauchspeicheldrüse nicht mehr richtig.

Viele Erkrankte mit der Autoimmunkrankheit Diabetes mellitus Typ 1 träumen seit Langem von einer künstlichen Bauchspeicheldrüse: Eine Insulinpumpe, die selbsttätig die Insulinzufuhr überwacht und rund um die Uhr regelt, kann vielen von ihnen ein nahezu normales Leben ermöglichen. 2019 wurde das erste derartige Gerät in Europa zugelassen.

Viele Typ-1-Diabetiker tragen schon Sensoren, die dauerhaft den Zuckerspiegel im Gewebe erfassen und per Funk an ein Smartphone oder ein Lese- und Aufzeichnungsgerät senden. Die große Herausforderung ist, anhand der gemessenen Zuckerwerte zuverlässig die ideale Insulindosis zu berechnen, um Zuckerschwankungen zu vermeiden.

Diabetes Typ 1: Blutzucker automatisch einstellen

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Viele Typ-1-Diabetiker wünschen sich eine Insulinpumpe, die den Blutzuckerspiegel automatisch regelt. Kann das Loop-System diese Erwartungen erfüllen? Und für wen ist es geeignet?

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Loop-System: Insulinpumpe mit Sensor

Die Sensoren für die kontinuierliche Zuckermessung (CGM) werden auf den Bauch, den Oberschenkel oder den Oberarm geklebt. Sie ermitteln den Zuckergehalt nicht im Blut, sondern in der Zellflüssigkeit unter der Haut. Einmal in der Woche muss der Sensor ausgetauscht werden. Mit Hilfe einer Hohlnadel wird ein winziger Schlauch in das Unterhautfettgewebe eingeführt. Ein Messfaden ermittelt kontinuierlich alle fünf Minuten den Zuckerwert und überträgt das Ergebnis über einen Sender entweder an einen externen Empfänger oder direkt an die Insulinpumpe, die daraufhin die erforderliche Insulinmenge in den Körper abgibt.

Gehen die Zuckerwerte nach unten, schaltet die Pumpe die Insulinzufuhr aus und vermeidet so eine schwere Unterzuckerung. Routinekontrollen bleiben aber unerlässlich. Wie erfolgreich die Therapie verläuft, kontrolliert der Arzt mit dem Blutzuckerlangzeitwert HbA1c.

Eine vollautomatische Pumpensteuerung ist allerdings nicht möglich, da die Pumpe nicht wissen kann, was an Kohlenhydraten auf dem Teller liegt. So müssen die Diabetiker vor jeder Mahlzeit die Menge an Broteinheiten abschätzen und die Kohlenhydratmenge eingeben.

Smartphone steuert Insulingabe

Nicht für alle Diabetiker ist das zugelassene Loop-System geeignet. Für Sportler zum Beispiel müsste der Sollwert viel höher eingestellt sein, damit sie durch ihren höheren Kalorienverbrauch beim Sport nicht ständig unterzuckern.

Um dieses Problem zu lösen, stellen einige Betroffene ihr eigenes System zusammen. Dafür verwenden sie ebenfalls einen geprüften und zugelassenen Sensor für die Gewebezuckermessung und eine zugelassene Insulinpumpe. Doch die wird mithilfe einer zusätzlichen Elektronik per Smartphone gesteuert.

In den USA haben sich an Diabetes erkrankte Software-Entwickler zusammengetan, um selbst eine Steuerung von Insulinpumpen zu entwickeln. In einer speziellen App hinterlegen die Benutzer ihre individuellen Bedürfnisse in Form von Profilen, zum Beispiel für Trainingseinheiten, Wettkämpfe oder auch Spaziergänge. Die App errechnet anhand dieser Angaben den Insulinbedarf und steuert die Pumpe entsprechend an. Da aber nur Sensor und Insulinpumpe geprüft und zugelassen sind, nutzen die Diabetiker die in den USA entwickelte und kostenlos erhältliche App auf eigenes Risiko.

Über Internetforum Nightscout tauschen sie ihr Wissen und ihre Erfahrungen aus, helfen sich gegenseitig und lernen voneinander. Mittlerweile nutzen einzelne Anwender auch Pumpensysteme, die über Internet-Software gesteuert werden und den Blutzuckerspiegel über Nacht im sicheren Bereich halten.

Die dafür benötigten Daten liefert eine Computer-Uhr (Smart Watch), die Erkrankte auf den Sensor am Oberarm schnallen. Die Smart Watch überträgt die Zuckerwerte an ein Smartphone, das wiederum über eine spezielle App die Insulinpumpe steuert. Immer wieder berichten die Nutzer der selbst gebauten Bauchspeicheldrüsen von beeindruckenden Erfolgen und drastisch verbesserten Langzeitzuckerwerten.

Warnung vor nächtlicher Unterzuckerung

Grundlage der künstlichen Bauchspeicheldrüse ist die kontinuierliche Zuckermessung (CGM). Diese Geräte sind gut erprobt und offiziell zugelassen. Sie können bereits vor einer besonderen Gefahr warnen - der nächtlichen Unterzuckerung. Sackt der Blutzuckerspiegel in der Nacht ab, drohen Ohnmacht, Verwirrung und Krampfanfälle. Insulinpflichtige Diabetiker, die ihre Behandlungsziele mithilfe der herkömmlichen Blutzuckerkontrolle nicht erreichen, können die Kosten für eine CGM von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet bekommen. Denn für die Behandlung des Diabetes hat die kontinuierliche Messung des Gewebezuckers große Vorteile.

Weitere Informationen

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Interviewpartner

Dr. Jens Kröger, Facharzt für Innere Medizin, Diabetologie, Diabetologe DDG
Zentrum für Diabetologie Bergedorf
Glindersweg 80, Haus E
21029 Hamburg
www.diabeteszentrum-hamburg-ost.de

Dr. Henrike Hilbig, Fachärztin für Allgemeinmedizin
Diabetes-Zentrum Hannover-Nord
Bohnhorststraße 2
30165 Hannover
(0511) 35 87 888
www.diabeteszentrum-hannover.de

Weitere Informationen
Online-Portal "Diabetes Deutschland"
www.diabetes-deutschland.de
Viele Informationen von Diabetes-Experten mit Selbsttest zur Früherkennung

Deutsche Diabetes Gesellschaft e.V.
Albrechtstraße 9
10117 Berlin
www.deutsche-diabetes-gesellschaft.de
Arztsuche und viele weitere Informationen

Deutscher Diabetiker Bund e.V.
Käthe-Niederkirchner-Straße 16
10407 Berlin
(030) 42 08 24 98-0
www.diabetikerbund.de
Selbsthilfe-Organisation

Herstellerinformationen zum Loop-System
www.medtronic.com

Internetportal des Nightscout-Projekts (engl.)
www.nightscout.info

Dieses Thema im Programm:

Visite | 09.06.2020 | 20:15 Uhr

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