Stand: 21.11.2019 14:39 Uhr

Chat-Protokoll: Herzschwäche

Der Kardiologe Prof. Bjoern Andrew Remppis im Studio zu Gast.
Der Kardiologe Bjoern Andrew Remppis hat Fragen zum Thema im Chat beantwortet.

Jedes Jahr müssen über 450.000 Menschen in Deutschland wegen einer Herzschwäche ins Krankenhaus. Das schwache Herz belastet den ganzen Körper, die Folgen sind Luftnot und Erschöpfung, im schlimmsten Fall versagen die Organe. Lange gab es kaum Fortschritte in der Therapie. Doch mittlerweile stehen neue Medikamente zur Verfügung, die das Herz dauerhaft entlasten. Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen außerdem, dass ein Diabetes-Medikament auch dem schwachen Herzen helfen kann. Und moderne Schrittmacher bringen das Herz nicht nur in den besten Rhythmus: Ein neuer Geräte-Typ steigert sogar die Schlagkraft des Muskels. Verliert die Diagnose Herzschwäche ihren Schrecken?

Der Kardiologe Prof. Bjoern Andrew Remppis, Direktor der Klinik für Kardiologie im Herz- und Gefäßzentrum Bad Bevensen, hat im Visite Chat Fragen zum Thema Herzschwäche beantwortet. Das Protokoll zum Nachlesen:

Stefan: Was mache ich, wenn mein Arzt sagt, ich brauche den ARNI noch nicht, obwohl ich Beschwerden habe?

Prof. Bjoern Remppis: Wenn Sie nach zwei Etagen Luftnot haben, dann wäre die Umstellung auf einen ARNI durch die Studie gedeckt. Gegebenenfalls müssten Sie eine zweite Meinung einholen.

Dominik: Ich habe eine schwere HOCM und bin 25 Jahre jung und habe auch einen Defi und zwei TASH-Behandlungen hinter mir. Der Gradient ist jetzt weg, aber das Herz ist sehr vernarbt und mein EF hat sich von 70 Prozent auf 48 Prozent verschlechtert und ich habe eine diastolische Dysfunktion II. Ich nehme Metoprolol 95 mg zweimal täglich. Ich habe beim normalen Gehen das Gefühl, ich kippe gleich um. Mir wird schwindelig, ich erschöpfe sehr schnell, leide unter Müdigkeit und Abgeschlagenheit. Diese Symptome machen mich arbeitsunfähig. Ich habe "nur" VES und SVES und seltener nsVT, sonst nichts. Können die Symptome mit der diastolischen Dysfunktion II oder mit der 48 Prozent EF zusammenhängen? Welche Medikamente kann man empfehlen?

Remppis: In Ihrem Fall erscheint mir eine erneute Aufarbeitung, auch mit invasiver Diagnostik (unter anderem Katheter) sinnvoll. Vor allem sollte die Frage beantwortet werden, ob nicht die Rhythmusstörungen ursächlich sind für die Beschwerden. Die geschilderten Symptome können aber auch sehr gut mit der diastolischen Dysfunktion und der EF (Ejektionsfraktion = Pumpfunktion des Herzens) zusammenhängen. Insbesondere sollte bei Ihnen ein Lungenhochdruck als Folge ausgeschlossen werden.

Betty: Kann bei einer Herzschwäche eine Sigmaresektion durchgeführt werden?

Remppis: Eine Sigmaresektion ist vom Kreislauf her nicht allzu belastend. Mit einem erfahrenen Anästhesisten und besonderer Kreislaufüberwachung sollte das möglich sein.

COR: Wofür stehen die Kürzel CCM, ARNI und SGLT1?

Remppis: CCM = Kardiale Kontraktilitätsmodulation. ARNI = Angiotensinrezeptor-und-Neprilysin-Inhibitor. SGLT = Sodium and Glucose Transporter.

Rudolf 2805: Wie hoch und wie lange darf der Puls bei Herzschwäche schlagen, wenn man sich tanzsportlich im Bereich Standardturnier bewegt? EF cirka 40 bis 45 Prozent. Bin 66 Jahre alt und mache regelmäßig drei- bis fünfmal die Woche Training.

Remppis: Das ist so allgemein nicht zu beantworten. In großen Studien wurde gezeigt, dass die durchschnittliche Herzfrequenz in Ruhe unter 70 sein sollte. Da Sport aber immer gut ist, muss die Spitzenfrequenz individuell ermittelt werden, die für jemand zuträglich ist. Wenn man es genau wissen will, muss man eine Spiroergometrie durchführen. Auf jeden Fall ist es gut, dass Sie so viel Sport machen!

Tinka: Über wie viele Jahre hinweg kann eine Chemotherapie mit Doxorubicin eine Herzinsuffizienz verursachen? Nach wie vielen Jahren endet diese mögliche Nebenwirkung?

Remppis: Eine Doxorubicin-Therapie kann durchaus auch dauerhafte Schäden am Herzen hervorrufen. Heutzutage würde man herzschädigende Chemotherapien immer unter Herzinsuffizienz-Medikation machen, da man damit solche Schädigungen verhindern kann. Wenn Sie unter schwerer Herzinsuffizienz leiden, sollten Sie durchaus einen Therapieversuch mit ARNI und CCM unternehmen.

Katja: Funktioniert das Herzstärkungsgerät auch nach einem Herzinfarkt, durch welchen Teile des Herzens nicht mehr arbeiten?

Remppis: In größeren Studien waren auch solche Patienten eingeschlossen, sodass ein Herzinfarkt kein Ausschlusskriterium für uns ist. Wenn allzu große Anteile des Herzens zerstört sind, dann erwarten wir aber auch, dass die CCM-Therapie nicht das Mittel der Wahl ist.

Jonathan: Ich bin Mitte 20 und habe eine schwere Herzschwäche (cirka 20 Prozent Herzleistung, Herzmuskelentzündung und genetische Veränderungen). Ich habe ein CRT-D-System implantiert. Wäre ARNI eine Chance, meine Herzleistung zu erhöhen?

Remppis: Sie sind jung und haben eine schwere Herzinsuffizienz. In Ihrem Fall würde ich in jedem Fall ARNI als indiziert sehen.

Paule: Ist Strophanthin ein probates Mittel zur Prophylaxe beziehungsweise Therapie einer Herzschwäche?

Remppis: Diese Therapie ist heute vollständig überholt!

Unbekannt: Ich habe eine Nasenscheidewandverengung und bekomme, vor allem nachts, schlecht Luft. Kann sich daraus eine Herzschwäche entwickelt haben?

Remppis: Das ist ohne weitere Information so nicht zu beantworten. Auf jeden Fall kann man vermuten, dass es die Herzschwäche auf jeden Fall verschlechtert.

Reiner K.: Wann wird der Optimizer wieder entfernt? Muss er entfernt werden oder sollte er bleiben? Wie und in welchen Abständen wird die hohe benötigte Energie für den Optimizer geladen?

Remppis: Nur in sehr seltenen Fällen kann er wieder entfernt werden. Meist ist es eine dauerhafte Therapie. Geladen wird einmal die Woche über wenige Stunden.

Susanne: Sie haben erwähnt, dass man auch Vitamin K2 einnehmen soll. Welche Dosierung empfehlen Sie?

Remppis: Bei Vitamin K2 sind keine Vergiftungen bekannt. Wir empfehlen 400 Mikrogramm pro Tag. Man kann über kurze Zeit auch 1.000 Mikrogramm zum Aufsättigen nehmen.

Harry: Führt Vitamin K2 nicht zu einer höheren Blutgerinnung?

Remppis: Nein, K2 nicht. Vitamin K1 stärkt die Blutgerinnung. K2 sorgt für den richtigen Einbau des Kalziums in die Knochen und verhindert die Verkalkung von Gefäßen und Klappen. Falls Sie Marcumar nehmen, sollten der Arzt das allerdings kontrollieren.

Doc: Habe eine Herzschwäche und kann leider nicht viel Sport machen, da ich gleich Vorhofflimmern bekomme. Kann ich die neuen Tabletten auch mit Vorhofflimmern einnehmen?

Remppis: Selbstverständlich kann man die neuen Tabletten auch mit Vorhofflimmern nehmen. Wir empfehlen darüber hinaus zu prüfen, ob man nicht gleich das Vorhofflimmern durch Veröden therapiert. In wenigen Fällen gelingt es dem ARNI das Herz so zu entspannen, dass auch von allein wieder ein Sinusrhythmus entsteht. Wenn ihr Vorhofflimmern schon längere Zeit besteht, ist das jedoch sehr unwahrscheinlich.

Manfred: Helfen ARNI und SGLT2 bei einer Mitralklappeninsuffizienz?

Remppis: Klares Ja. Wir haben gerade zur Mitralklappeninsuffizienz sehr gute Daten mit ARNI, es ist aber nur wenigen bekannt. Bei Mitralklappeninsuffizienz sollte auf jeden Fall noch ein Rechtsherzkatheter durchgeführt werden, um die Auswirkung der Mitralklappeninsuffizienz auf den Lungendruck zu untersuchen. Ist dieser erhöht, ergibt sich eine sehr gute Indikation für ARNI. Darüber hinaus sollte geprüft werden, ob eine OP oder ein Clipping (quasi Wäscheklammer an der Klappe) indiziert ist.

Harry: Muss man bei einer EF von 50 Prozent und einer Ergometer-Leistung von 200 Watt im Alter von 67 Jahren ACE-Hemmer nehmen?

Remppis: Eine EF von 50 Prozent ist nicht ganz normal. Wenn Sie Bluthochdruck haben, sollten Sie schon allein deswegen ACE-Hemmer nehmen.

Heidi: Helfen die neuen Medikamente auch Patienten mit diastolischer Herzschwäche?

Remppis: Die große Studie zu HFpEF verfehlte leider knapp ihr Ziel. Allerdings wurde in dieser Studie nicht berücksichtigt, dass die HFpEF-Patienten eine sehr inhomogene Gruppe darstellen. Wenn HFpEF mit Diabetes oder Vorhofflimmern und/oder Lungenhochdruck vergesellschaftet ist, dann hilft ARNI sehr gut.

Kessi: Wäre ein CCM-Gerät auch bei einer Herzinsuffizienz, verursacht durch Metastasen am Herzen durch eine Krebserkrankung (Sarkom), eine Option, die Herzleistung wieder etwas zu verbessern?

Remppis: Selbstverständlich. Natürlich müsste man aber zunächst die genaueren Umstände klären.

Freemountain: Mein Vater hat einen Defibrillator und einen Herzschrittmacher. Ist ein CCM trotzdem möglich?

Remppis: Ein zusätzlicher Einbau eines CCM ist prinzipiell möglich, erfordert jedoch eine spezielle Einstellung des Gerätes.

Hamburgerin: Ich bin 40 Jahre alt und habe eine leichte Aortenklappeninsuffizienz und mittleren Bluthochdruck. Der ist mit Candesartan (8 mg) eingestellt worden. Trotzdem ist der Blutdruck noch grenzwertig und liegt meistens bei 138 zu 89. Sollte die Dosis erhöht werden? Was ist Ihre Einschätzung?

Remppis: Man kann auch mit einer hochgradigen Aortenklappeninsuffizienz lange symptomfrei leben. Wenn die ersten Symptome, wie Luftnot kommen, ist die Erkrankung aber schon sehr weit fortgeschritten. Will man den Stand Ihrer Erkrankung sehr genau erfassen, dann müsste man eine Rechtsherzkatheter-Untersuchung machen, um die Gefäßwiderstände genau zu bestimmen. Sind die großen Gefäße wenig verkalkt und liegt ein niedriger Gefäßwiderstand vor, kann man getrost zuwarten.

Mike R: Innerhalb der letzten zwölf Monate hat sich mein EF-Wert von ca. 55 Prozent auf 35 Prozent verschlechtert. Im Herzkatheder und MRT war keine Ursache zu finden. Was kann die Ursache sein? Und wie kann ich die Pumpleistung erhöhen?

Remppis: Als weiterführende Untersuchung sollte eine Herzmuskel-Biopsie genommen werden, um herauszufinden, ob eine stattgehabte Virusinfektion, eine weiter schwelende Virusinfektion oder aber eine überschießende Autoimmunreaktion auf den Virus vorliegt. Des Weiteren sollte eine Genom-Analyse mit der Verdachtsdiagnose einer dilatativen Kardiomyopathie durchgeführt werden. Wenn sich eine genetische Erkrankung findet, dann sollte die gesamte Familie untersucht werden. In Ihrem Falle sollte man unbedingt die Therapie mit ARNI, CCM oder CRT prüfen.

Dieses Thema im Programm:

Visite | 19.11.2019 | 20:15 Uhr

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