Sendedatum: 22.05.2017 22:00 Uhr  | Archiv

Alkoholsucht kann jeden treffen

von Sandra Aïd

Sie fängt meist harmlos an, bis aus dem gemütlichen Glas Wein nach Feierabend ganze Flaschen werden: die Alkoholsucht. Rund 1,8 Millionen Menschen gelten bundesweit als alkoholabhängig, 9,5 Millionen sind gefährdet. Aber nur jeder zehnte Abhängige unterzieht sich einer Therapie. Und selbst diesen Schritt gehen viele erst nach zehn bis 15 Jahren der Sucht.

Alkoholsucht kann jeden treffen

"Man sieht Alkoholikern ihre Sucht nicht immer an", sagt Ronald Spahr, Berater bei den Hamburger Guttemplern. "Alkoholmissbrauch gibt es in allen sozialen Schichten. Es sind Leute wie du und ich." Dem Rauschmittel erliegen übrigens Männer doppelt so häufig wie Frauen. Das heißt, dass zwei Drittel der Alkoholiker hierzulande Männer sind. Sich die eigene Abhängigkeit einzugestehen, dauere oft Jahre. Denn die Sucht sei ein schleichender Prozess. "Oft wird sie durch Arbeitslosigkeit oder eine private Trennung ausgelöst", erzählt Ronald Spahr, der seit 2005 Alkoholabhängige berät und selbst seit 1998 trocken ist. "Bei Rentnern ist es oft das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden, das sie zur Flasche greifen lässt." Meist versuchten die Betroffenen, mit Schnaps und Co. fehlende Zuneigung oder Anerkennung zu kompensieren oder ihre Einsamkeit zu vergessen, bis sie eines Tages die Kontrolle verlieren und sich ihre Gedanken nur noch um das Trinken drehen.

Verheerende gesundheitliche und soziale Folgen

Jährlich sterben in Deutschland mindestens 74.000 Menschen an den Folgen von Alkoholmissbrauch. Regelmäßiger, hoher Alkoholkonsum schädigt die Organe, besonders die Leber. Durch eine lange Alkoholsucht vergrößert sie sich bis zur Fettleber und wird somit in ihrer Funktion stark beeinträchtigt. Außerdem kann Alkoholismus zu Entzündungen der Leber, der Bauchspeicheldrüse und der Magenschleimhaut führen. Gehirnzellen sterben ab, das Risiko, an einem Tumor der Mundhöhle, des Rachens oder der Leber zu erkranken, steigt. Aber auch in den zwischenmenschlichen Beziehungen hinterlässt die Sucht tiefe Spuren. Nicht selten ziehen sich Alkoholiker zurück und brechen den Kontakt zu Freunden oder Bekannten ab.

Der Ausstieg - Hilfe zur Selbsthilfe

In Deutschland gibt es ein gut ausgebautes Hilfsnetz für Alkoholabhängige. In Großstädten und in zahlreichen Orten finden Betroffene professionelle Hilfe in Beratungszentren und Krankenhäusern. Wer sich nicht sicher ist, welches Angebot das geeignetste ist, kann sich zunächst an die jeweilige Landesstelle für Suchtfragen wenden. Eine Übersicht aller Anlaufstellen bietet auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Neben den Beratungszentren gibt es viele Selbsthilfegruppen wie unter anderem die Guttempler, die Anonymen Alkoholiker oder das Blaue Kreuz. Dort treffen sich Alkoholsüchtige und ehemalige Alkoholiker regelmäßig. "Die Gruppe gibt einem Halt", weiß Ronald Spahr aus eigener Erfahrung. "Dort weiß man, dass man nicht allein ist." 

Buchtipp: Ich hör jetzt auf

Jasmin Rogg hat die Folgen der Alkohol- und Heroinsucht jahrelang am eigenen Leib gespürt. Bis sie sich eines Tages mit Hilfe der Anonymen Alkoholiker davon befreien konnte. Heute betreut die Psychotherapeutin Suchtkranke in den USA. Über die dunkelsten Kapitel ihres Lebens berichtet die gebürtige Deutsche jetzt in ihrem Buch "Ich hör jetzt auf". Darin kommen auch ehemalige Abhängige zu Wort, die schildern, wie sie süchtig geworden sind. Auch wenn der emotionsgeladene Ton an vielen Stellen überschwänglich klingt, liefert Rogg in ihrem Werk interessante Hintergründe und Fakten zur Alkohol- und Drogensucht. Ein Buch für alle, die sich nicht nur für Zahlen, sondern auch für die Lebensgeschichten von Süchtigen interessieren.

"Ich hör jetzt auf. Das eigene Suchtverhalten erkennen und loslassen" von Jasmin Rogg ist am 10. September erschienen.

Südwest Verlag
ISBN: 978-3-517-08806-8
Preis: 12,99 Euro

Dieses Thema im Programm:

45 Min | 22.05.2017 | 22:00 Uhr

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