Stand: 04.09.2019 15:40 Uhr

Kati Naumanns Kindheit im Sperrgebiet

von Kati Nauman

Was war damals passiert im sogenannten Sperrgebiet der DDR? Welche Schicksale und Tragödien spielten sich dort ab? Die Schriftstellerin Kati Naumann erinnert sich an ihre Kindheit, die sie zum Großteil bei ihren Großeltern im Sperrgebiet verbracht hat.

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Die Autorin Kati Naumann verbrachte einen Großteil ihrer Kindheit in Thüringen bei ihren Großeltern, im Sperrgebiet der DDR.

In letzter Zeit denke ich viel über mein Heimatland DDR nach - ein Land, das es nicht mehr gibt und dessen Untergang mit dem Fall der Mauer eingeläutet wurde. Über diese Mauer muss ich neuerdings oft reden und ich merke: Noch immer fällt es mir schwer, die Dinge beim Namen zu nennen. Liegt es daran, dass während meiner Schulzeit das Wort "Mauer" tabu war und sie als antifaschistischer Schutzwall bezeichnet werden musste? Oder liegt es daran, dass die DDR mein Heimatland bleiben wird, ob es mir nun gefällt oder nicht? Ich hatte eine glückliche Kindheit in diesem Land und bin von ihm geprägt worden. Noch immer finde ich die Bedürfnisse der Gemeinschaft wichtiger als meine eigenen. Noch immer überlege ich gründlich, was ich laut ausspreche und was ich lieber verschweige.

Passierschein, Schlagbaum, Wartezeit: "Es war unser Alltag"

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Einen Großteil meiner Kindheit verbachte ich während der 60er- und 70er-Jahre in Thüringen bei meinen Großeltern, die damals im Sperrgebiet der DDR lebten. Meine frühesten Erinnerungen setzen sich aus Waldesrauschen, Fichtenduft und der unerschütterlichen Liebe meiner Großeltern zusammen. Dabei war es nicht ganz einfach, zu ihnen zu gelangen. Jedes Mal mussten sie für mich bei der Polizei einen Antrag auf einen Passierschein stellen, und das taten sie, immer und immer wieder. Eine solche Prozedur konnte sich über Wochen hinziehen und war nicht immer von Erfolg gekrönt. Nur für die Auserwählten, die einen der kostbaren Passierscheine oder einen Wohnrechtstempel im Ausweis vorweisen konnten, öffnete sich der Schlagbaum zum Sperrgebiet. Das und die vielen Kontrollen fand ich nicht bedrohlich, sondern völlig normal. Es war unser Alltag. Für alles, was wir sehnsüchtig begehrten, mussten wir Geduld und lange Wartezeiten aufbringen.

Das Sperrgebiet - ein magischer Ort

Die Schwierigkeit, ins Thüringer Grenzgebiet zu gelangen und die Tatsache, dass ich immer in der Ferienzeit dort war, verwandelte diesen Landstrich für mich in einen magischen Ort. Es ist die heile Welt meiner Kindheit. Ich ahnte damals nicht, dass sich ganz in der Nähe Tragödien ereigneten. Menschen, die meine Großeltern hätten sein können, verloren dort durch Zwangsaussiedlungen ihre Heimat. Für mich fühlte sich der Wald mit seinen Baumriesen, dem Schrei der Eichelhäher und dem flirrenden Licht endlos und frei an. Schließlich wussten meine Großeltern genau, welche Wege wir gehen durften und welche verboten waren. Es gab eine bestimmte Stelle, an der mein Großvater immer den Hund herbeirief und ihn anleinte. Auch der Feldstecher, mit dem wir sonst die Rehe beobachteten, wurde weggepackt. Damals habe ich mir keine Gedanken über den Grund gemacht. Erst jetzt, mit vielen Jahren Verspätung, wird mir bewusst, dass dort unmittelbar die Grenze gewesen sein muss.

Unter der Oberfläche war vieles ganz anders

Ein Straßenschild, welches an die Öffnung der innerdeutschen Grenze erinnert, steht am Straßenrand. © NDR Foto: Nils Hartung

Kati Naumanns Roman über Zwangsumsiedlung

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In ihrem neuen Roman verbindet die Autorin Kati Naumann Familiengeschichte mit DDR-Geschichte und befasst sich literarisch mit dem Kapitel der Zwangsumsiedlungen.

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Manchmal zeigte mir meine Großmutter von den Bergen aus den Westen. Ich habe immer sehnsüchtig nach Coburg hinübergeguckt und versucht, einen schillernden Glanz zu entdecken. Den Tag, an dem die Mauer fiel, hat meine Großmutter nicht mehr erlebt. So gern wäre ich mit ihr den Berghang hinunter und rüber nach Coburg gelaufen. Später fuhr ich mit dem Auto dorthin und nahm sie in Gedanken mit. 

Den westlichen Teil Deutschlands betrat ich zum allerersten Mal ein paar Tage nach dem Mauerfall. Es schien mir, als würde ich aus einem Schwarz-Weiß-Film in einen Farbfilm überwechseln. Ich erinnere mich daran, wie kurz nach der Wende in Leipzig die schwarzen Fassaden der öffentlichen Gebäude gereinigt wurden. Zu meiner Überraschung stellte sich heraus, dass sie nicht aus dunklem Granit, sondern aus hellem Sandstein bestanden. Unter der Oberfläche war vieles ganz anders als ich immer geglaubt hatte.

Die Grenzen im Kopf

Nach dem Mauerfall wollte ich erst einmal nichts mehr von der DDR wissen. Später näherte ich mich ihr mit erinnerungsseliger Verklärung. Aber erst heute, mit dem Abstand von 30 Jahren und dem Wissen über Totgeschwiegenes kann ich mein Heimatland so sehen, wie es wirklich war. Ich sehe die Hoffnung, auf der es errichtet wurde und die Abgründe, die immer tiefer wurden. Und auch wenn die Mauer längst gefallen ist, spüre ich noch immer die Grenzen in meinem Kopf. Manchmal fällt es mir schwer, sie zu überschreiten. Aber es gelingt mir immer öfter.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 04.09.2019 | 14:20 Uhr