Stand: 10.09.2019 18:13 Uhr

Kümmritz: "Weniger meckern würde uns guttun"

von Joachim Kümmritz
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Joachim Kümmritz hat verschiedenste Häuser in Mecklenburg-Vorpommern geleitet. Gerade arbeitet der 70-Jährige am Volkstheater Rostock.

30 Jahre ist der Mauerfall her. Welche Erinnerungen sind damit verbunden? Was hat sich seitdem in Ost und West verändert? In der Reihe "Grenzenlos Denken. Betrachtungen 30 Jahre nach dem Mauerfall" erinnert sich der langjährige Theaterintendant Joachim Kümmritz an den Mauerfall. Denkt er an den 9. November 1989, hat er sofort das Gefühl und die Stimmung vor Augen, in der sich Deutschland - und auch er selbst - damals befand.

Die Stimmung war kaum mehr aufzuhalten

Ein Land in Auflösung - und dies nicht erst am und um den 9. November 1989. Die Stimmung, die sich aus meiner Sicht schon mindestens ein Jahr in eine Richtung - so geht's nicht weiter - aufgeschaukelt hat, war ab Anfang September - die erste Montagsdemonstration - kaum mehr aufzuhalten. Abschaffung bestimmter Restriktionen, Reisefreiheit, Verbesserung der Versorgungslage, ein demokratischerer Sozialismus - viele Themen. Konkret hatte ich vor, im September 1989 anlässlich eines Besuches zum Geburtstag meines Vaters in der Bundesrepublik Deutschland zu bleiben. Ich bin dann doch in die DDR zu meiner Familie zurückgekehrt, im starken Gefühl, dass sich die DDR, so wie sie war, ohnehin auflösen würde. Den 9. November habe ich abends vor dem Fernseher verbracht, bin nicht über die Grenze gefahren. Gegen 23 Uhr weissagte ich: In einem Jahr wählt eine andere Bundesrepublik Deutschland gemeinsam einen Bundeskanzler. Ich habe recht behalten.

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Neugier statt Unsicherheit

Das Zuhausebleiben hatte auch mit Nachdenken zu tun. Was wird, was kommt? Unsicherheit habe ich nicht gespürt. Neugier auf Anderes, locker mal sehen, was kommt, ohne mir tief Gedanken gemacht zu haben. Statt sorgen, anpacken! Und die, die alles genau wussten, wurden trotzdem überrascht. Das Grundverständnis, in einer Demokratie angekommen zu sein, war da. Es war, von meiner Erziehung her, auch Genugtuung. Mein Vater wollte noch vor 1961 die DDR verlassen. Mein Fast-Vater hatte immer von der Wiedervereinigung gesprochen. Ein Volk kann man auf Dauer nicht einsperren.

Veränderungen am Theater

Natürlich waren nach 1989/1990 alle langsam durch den Wind - alles neu: Rechtssystem, Politik, gesellschaftliche Veränderungen im Miteinander. Auch Theater hat sich verändert. Der Anspruch, mit Theaterarbeit die Gesellschaft zu verändern, hat sich in dieser klaren Form gewandelt. Die einstigen Gegner waren weg. Obwohl - wie immer im Theater - die großen Themen weiter behandelt werden, richten sie sich nicht mehr so klar gegen bestimmte gesellschaftliche Verhältnisse. Die Arbeit wurde schwieriger.

Joachim Kümmritz, der Intendant des Mecklenburgischen Staatstheaters Schwerin. © dpa-Bildfunk Foto: Jens Büttner

Kümmritz: "Weniger meckern würde uns guttun"

NDR Kultur - Matinee -

30 Jahre ist der Mauerfall her. In seinem Essay erinnert sich Theaterintendant Joachim Kümmritz an die Stimmung, in der sich damals Deutschland, und auch er selbst, befand.

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Der Theaterbetrieb ist geblieben - die Probleme wie Finanzierungen sind stärker geworden. Obwohl man daran erinnern sollte, das bereits Mitte der 80er-Jahre eine sogenannte Perspektivdiskussion - Theater und Orchester - seitens der SED angeregt worden ist. Dies hätte aus meiner Sicht Theaterschließungen nach sich gezogen, dies zur Zeit der sogenannten Diktatur der Arbeiterklasse.

Es wird immer Unterschiede geben

Was bleibt? Wir leben in einem der reichsten Länder der Erde, wir haben weiterhin in großen Teilen Frieden in Europa, und wir haben gesellschaftliche Auseinandersetzungen in einem demokratischen Land. Die vielbeschworene Angleichung der Lebensverhältnisse zwischen Ost und West nach 30 Jahren kann man auch etwas relativieren zwischen Nord und Süd. Es wird immer Unterschiede geben. Weniger meckern würde uns guttun.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 11.09.2019 | 11:20 Uhr