Frank Roselieb, Krisenforscher und Krisenmanager.

Krisenforscher: Warnungen von Corona-Expertenrat "etwas übertrieben"

Stand: 22.12.2021 16:07 Uhr

Ob Feuerwehr, Krankenhauspersonal oder Strom- und Wasserversorger: Mit den verschärften Corona-Regeln soll auch die sogenannte kritische Infrastruktur vor der raschen Ausbreitung der Coronavirus-Variante Omikron geschützt werden.

So hatte es zumindest der Expertenrat der Bundesregierung vor den Beratungen mit den Ländern gefordert. Der Leiter des Kieler Instituts für Krisenforschung, Frank Roselieb, berät die schleswig-holsteinische Landesregierung bei ihren Corona-Maßnahmen. Im Interview spricht der Forscher unter anderem darüber, was er von dem Expertenpapier hält.

Herr Roselieb, in den letzten Tagen war ja oft zu hören, dass mit weiteren Corona-Maßnahmen die kritische Infrastruktur aufrecht erhalten werden soll. Für wie wahrscheinlich halten Sie den Fall, dass es zu Störungen kommt?

Frank Roselieb: Es ist sicherlich gut und richtig, dass man sich auf solche Störungen bei der Versorgung vorbereitet. Das machen aber die Betreiber der kritischen Infrastruktur schon seit Jahren im Rahmen des sogenannten "Business Continuity Managements". Ich glaube aber, dass in der Art, wie es das Expertenpapier vom Sonntagabend formuliert hat, das Ganze doch etwas übertrieben ist. Aus drei Gründen: Zum einen wissen wir von Omikron bisher, dass die Fälle relativ milde verlaufen. Das heißt, wenn Sie infiziert sind, sind Sie nicht automatisch auch bettlägerig. Also ein Arbeiten aus dem Homeoffice kann dann durchaus möglich sein. Aber auch einfachere unterstützende Tätigkeiten, vielleicht nicht direkt am Patienten. Zweitens ist es so gewesen, dass die Beschäftigten der kritischen Infrastruktur sehr früh geimpft worden sind aufgrund der Priorisierung, viele von denen sind auch mittlerweile geboostert. Schwere Verläufe macht das noch unwahrscheinlicher. Und dann haben wir natürlich immer noch als Drittes eine Rückfallebene. Das heißt, man würde die Bundeswehr auch im Krankenhaus einsetzen können. Die kann sicherlich keine Intensivpfleger ersetzen, aber sie kann durchaus Hilfstätigkeiten vornehmen, das haben Sie in den Hochphasen der Pandemie in Gesundheitsämtern auch gesehen.

Ist es normal, beziehungsweise richtig, so eine mögliche Lage aufzuzeigen - oder wird möglicherweise sogar etwas gezielt übertrieben, um Maßnahmen zu rechtfertigen?

Roselieb: Mir fehlen bei dem Papier von Sonntagabend bildlich gesprochen die Fußnoten. Das heißt, es stellt sich die Frage, an welchem Land sich die Experten dabei orientiert haben. Wenn Sie nach Großbritannien blicken: Da haben sie in der Tat einerseits hohe Omikron-Werte und auf der anderen Seite erhebliche Versorgungsprobleme. Die Briten müssen aber auch zwei Krisen bewältigen, Pandemie und Brexit. Wenn Sie nach Dänemark oder auch Holland blicken, sieht das Ganze schon ganz anders aus. Die haben auch hohe Omikron-Anteile, aber eben keine Versorgungsengpässe, die man befürchten muss. Und deswegen halte ich die Art, wie dort argumentiert wurde, für die Bürgerinnen und Bürger auch nicht wirklich für glaubwürdig. Auch im Expertenrat der Landesregierung hat das Papier eher Fragezeichen ausgelöst, weil auch die Infektionsmediziner gesagt haben: Hier fehlen einfach noch fundierte Daten, um solch weitreichende Maßnahmen einzuleiten. Also, aus dieser Perspektive war das Papier von Sonntag eher kontraproduktiv. Trotzdem scheint die Bundesregierung dem ja weitgehend zu folgen.

Die entsprechenden Stellen wurden nun erstmal aufgefordert, ihre Notfallpläne zu prüfen. Wie können solche Pläne aussehen und gegebenenfalls erweitert werden?

Roselieb: Wir haben ja zwei Arten von Plänen, die die Kreise und kreisfreien Städte bereithalten. Das eine sind die Krisenmanagement-Pläne. Da geht es ja um die kleineren Fälle, die Ereignisfälle - also beispielsweise Havarien in der Technik, wenn die IT ausfällt. Und das Zweite sind eben die sogenannten Gefahrenabwehrpläne, also die eigentlichen Katastrophenpläne. Die wären bei einer solchen eskalierenden Pandemie dann gefragt. Da sind wir aber eigentlich in Schleswig-Holstein recht gut vorbereitet, die wurden im Laufe der Pandemie immer wieder angepasst. Auch das Innenministerium hat nach der Flutkatastrophe im Ahrtal nochmals angestoßen, das Ganze zu überprüfen und weiter zu optimieren. Wenn es jetzt doch weiter eskalieren sollte, dann würde man eben bestimmte Entscheidungen anders treffen. Wenn Sie nach Bayern blicken, da wurde zum Beispiel beschlossen, dass man über die Quarantäne-Regeln neu nachdenken möchte. Das Bayerische Rote Kreuz erwägt zum Beispiel auch, Rettungswagen mit infizierten Sanitätern rauszuschicken, bevor man dann gar keinen Wagen losfahren lassen kann, weil alle in Quarantäne sind. Und so ähnlich würde man wahrscheinlich auch in Schleswig-Holstein dann vorgehen.

Thema Kommunikation: Die Kreise in Schleswig-Holstein setzen aktuell zum Beispiel eigene Quarantäne-Regelungen bei Omikron-Fällen beziehungsweise -Verdachtsfällen um. Ist das im Sinne der Verständlichkeit und Umsetzbarkeit jedes Einzelnen sinnvoll oder wäre eine landesweite Regelung besser?

Es ist im Kern zweigeteilt. Das heißt, die generellen Leitplanken gibt das Gesundheitsministerium in Kiel vor. Die kann auch jede Bürgerin, jeder Bürger auf der Internetseite nachlesen. Weil aber die Lage im Land sehr unterschiedlich ist, muss man auch da unterschiedlich vorgehen. Wenn sie in den Süden des Landes blicken, Pinneberg beispielsweise oder auch Stormarn, dann haben Sie eine sehr dichte Wohnbevölkerung und auch sehr viel Mobilität in Richtung Hamburg. Viel mehr als in nördlichen Landesteilen, also beispielsweise im Kreis Schleswig-Flensburg. Und da macht es dann durchaus Sinn, dass auch bei Quarantäne-Anordnungen mit Augenmaß vorgegangen wird. Es ist letztlich in der Pandemie so ein bisschen wie im Straßenverkehr. Das heißt, die Verkehrsschilder sind überall gleich, aber wo man dann das Halteverbot-Schild aufstellt, das unterscheidet sich dann doch von Ort zu Ort. Weil das die Verantwortlichen vor Ort besser einschätzen können. Die wissen, wo Gefahrenstellen existieren.

Das Interview führte Marc Kramhöft, NDR Schleswig-Holstein.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 22.03.2021 | 14:00 Uhr

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