In einer Geburtsstation in Hannover liegt ein Säugling in einem Bett. © NDR Foto: Julius Matuschik

Corona: Zahl der Hausgeburten steigt

Stand: 03.03.2021 06:00 Uhr

Die Zahl der außerklinischen Geburten - zu denen auch Entbindungen im Geburtshaus gehören - hat in Schleswig-Holstein während der Corona-Pandemie deutlich zugenommen.

von Hauke von Hallern

Eine Entbindung mitten im Corona-Lockdown: Für viele Schwangere ist das eine unangenehme Vorstellung. Denn: In den Kliniken gelten Pandemie-bedingt strenge Hygienemaßnahmen. Partner dürfen gar nicht oder nur für eine begrenzte Zeit bei der Geburt dabei sein. Einige Schwangere entscheiden sich deshalb dazu, ihr Kind zu Hause zu bekommen, also dort wo sie sich am wohlsten und sichersten fühlen - zum Beispiel im eigenen Schlafzimmer. Davon berichtet der Hebammenverband Schleswig-Holstein.

Sorge vor Infektion im Krankenhaus

Ende Januar ist Irena Simonsen zum zweiten Mal Mutter geworden. Sohn Raik kam in ihrem Schlafzimmer zur Welt. Eine Entbindung im Krankenhaus kam für die 33-Jährige vor allem wegen Corona nicht in Frage. "Ich hatte Sorge, dass mein Mann dann nicht in den Kreißsaal darf. Das finde ich eine Horrorvorstellung. Ich weiß von meiner ersten Entbindung, wie wichtig der Partner bei einer Geburt ist." Auch über eine mögliche Infektion im Krankenhaus mit dem Coronavirus machte sich die Schwangere Gedanken: "Was holt man sich im Krankenhaus weg? Muss man in Quarantäne? Das hat sich einfach nicht mehr gut und richtig angefühlt für uns." Sorgen wegen möglicher Komplikationen bei der Geburt, die unter Umständen auch einen schnellen ärztlichen Eingriff erfordern könnten, machte sich die Familie wenig: "Wir haben einfach darauf vertraut, dass alles gut laufen wird und natürlich vertrauen wir auch unserer Hebamme. Ich weiß, dass sie schon viele Hausgeburten gemacht hat und im Zweifel weiß, was zu tun ist."

Zahl der außerklinischen Geburten hat sich verdoppelt

Irena Simonsen mit Ihrem Sohn auf der Brust liegend. © Irena Simonsen Foto: Irena Simonsen
Der Sohn von Irena Simonsen, Raik, kam in ihrem Schlafzimmer zur Welt.

Wie Irena Simonsen wollen viele werdende Mütter ein Infektionsrisiko im Krankenhaus vermeiden und setzen deshalb immer häufiger auf eine außerklinische Entbindung: So jedenfalls lautet die Einschätzung des Hebammenverbandes Schleswig-Holstein. Die Rate für außerklinische Geburten habe vor der Pandemie noch bei etwa ein bis zwei Prozent gelegen, erklärt die Verbands-Vorsitzende Anke Bertram. "Nach den Rückmeldungen von Kolleginnen gehen wir von einer Verdoppelung der Zahlen aus." Genauere bundesweite Angaben für das vergangene Jahr sollen im Laufe des Monats vorliegen. Im Jahr 2019 wurden in ganz Deutschland knapp 15.000 Kinder nicht in einer Klinik geboren.

Wenige Hebammen bieten Hausgeburt an

Sina Schwall ist Simonsens Hebamme. Seit Jahresbeginn hat sie drei Hausgeburten betreut. Deutlich mehr als vor Corona, berichtet sie. Zu ihren Einsätzen bringe sie einiges an technischem Equipment mit. "Wir überwachen zum Beispiel die Herztöne des Babys während einer Hausgeburt engmaschig. Wir können zu Hause auch ein Kind beatmen, reanimieren, wir haben Notfallmedikamente für den Fall von Blutungen. Wir sind da jetzt nicht komplett im Wilden Westen", sagt Schwall.

Obwohl das Interesse an Hausgeburten hoch ist, bieten viele Hebammen sie nicht an. Laut Hebammenverband Hamburg liegt das unter anderem daran, dass die Haftpflichtversicherung teurer wird: Bis zu 7.500 Euro extra müssen Hebammen jedes Jahr berappen, wenn sie Geburten außerhalb von Krankenhäusern durchführen wollen.

Nicht jede Frau kann zu Hause entbinden

Grundsätzlich kann jede Frau ihren Geburtsort frei wählen: Allerdings kommen für eine Hausgeburt nur so genannte Low-Risk-Schwangerschaften infrage. Damit sind Schwangerschaften gesunder, junger Frauen gemeint, die ohne medizinische Probleme verlaufen. Bei ihnen sind keine Risikogeburten zu erwarten. Doris Scharrel ist Vorsitzende des Berufsverbandes der Frauenärzte in Schleswig-Holstein. Eine Hausgeburt ohne Klinik in direkter Nähe hält sie für unverantwortlich. "Es kann passieren, dass Babys bei der Geburt steckenbleiben, dass sie an einer Atemdepression leiden oder dass bei der Mutter unvorhersehbare lebensbedrohliche Blutungen auftreten." All das könne bei einer Hausgeburt im Zweifel nicht beherrscht werden, meint Scharrel. Im Jahr 2019 endeten 15 Prozent aller Entbindungen, die extra nicht in einer Klinik stattfinden sollten - am Ende doch genau dort. Das belegt eine Statistik der Gesellschaft für außerklinische Geburtshilfe.

Ärztin rät von Hausgeburt ab

Scharrel hält die Sorge vor einer Corona-Infektion im Krankenhaus für unbegründet: "Kliniken sind nach dem Infektionsschutzgesetz ausgerüstet und das Personal ist mit entsprechenden Schutzmaßnahmen ausgestattet. Da halte ich persönlich die nicht überprüfbare Situation einer Hausgeburt für risikoreicher." Eine Geburt in den eigenen vier Wänden ist nach den Worten von Scharrel höchstens etwas für den Wohlfühlfaktor der Frau, aber nichts für das Ungeborene. Die Ärztin rät davon grundsätzlich ab.

Trotzdem: Der Hebammenverband Schleswig-Holstein erwartet, dass sich künftig noch mehr Frauen für eine Hausgeburt entscheiden. Auch Irene Simonsen würde sich immer wieder dafür entscheiden: "Also man hat wirklich eine Eins-zu-Eins Betreuung. Das fand ich wirklich richtig schön und auch nach der Geburt im eigenen Bett zu kuscheln, in der eigenen Dusche zu duschen. Ich würde es immer wieder so machen."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 03.03.2021 | 08:00 Uhr

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