Stand: 16.01.2019 17:00 Uhr

Pro oder Kontra: Soll eSport gefördert werden?

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Der eSport ist zu einer Milliardenindustrie geworden. Wie sehr sollte Schleswig-Holstein ein Teil davon werden?

Der eSport boomt - und ist ein Riesengeschäft. Fußballvereine wie Holstein Kiel engagieren sich im digitalen Sport. Jüngst wechselte der Manager des THW Kiel die Seiten, um statt des Handball-Rekordmeisters die eSport-Branche zu managen. Schleswig-Holstein will in Deutschland eine Vorreiterrolle einnehmen. Das ist der ausgesprochene Wille der Landesregierung. Jugendliche sollen im nördlichsten Bundesland in Vereinen gefördert werden, als Prestigeobjekt wird an der Fachhochschule Westküste in Heide sogar eine eSport-Akademie errichtet. Familien diskutieren die Frage: Ist das überhaupt Sport? Und wenn ja: Sollte die Landesregierung das auch noch unterstützen?

Über diese Fragen wurde im Innen- und Rechtsausschuss des Landtags am Mittwoch einen ganzen Tag lang diskutiert. Die NDR Schleswig-Holstein Reporter Peter Bartelt und Carsten Janz haben unterschiedliche Ansichten zu diesen Fragen.

Pro

"Das Gaming bereitet sogar auf das spätere Leben vor." Carsten Janz

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"Die Argumentation, dass Jugendliche nur noch stundenlang 'Fortnite' zocken wollen und gar nicht mehr an die frische Luft gehen, ist meiner Meinung nach eher ein Argument für die Förderung des eSports als dagegen", sagt Carsten Janz. Der NDR Reporter spielt selbst.

Dick, unbeweglich und einsam - so stellen sich viele den klassischen eSportler vor. Und das Wort "Sport" halten viele für vollkommen übertrieben. Doch das ist meiner Ansicht nach nicht mehr zeitgemäß und auch nicht richtig. Hier machen es sich viele Kritiker zu einfach. eSport ist eine Konzentrationsübung, die mehr von einem fordert als lässig im Gaming-Schreibtischstuhl zu sitzen.

Ich spiele selbst regelmäßig und gerne. Hand-Augen-Koordination, taktisches Verständnis und auch Teamfähigkeit werden beim Spielen von zum Beispiel "Fifa 2019" oder taktischen Shootern wie "Ghost Recon Wildlands" mehr gefordert als bei vielen anderen Sportarten. Dass der Puls von professionellen Spielern bei Gaming-Events mit Zuschauern ähnlich hoch ist wie der eines Marathon-Läufers, ist ein Beleg für die Anstrengungen. Aber auch der Fakt, dass es kaum professionelle Gamer über 30 Jahren gibt, weil die Reaktionsfähigkeit ab diesem Alter einfach zu stark nachlässt.

Die Argumentation, dass Jugendliche nur noch stundenlang "Fortnite" zocken wollen und gar nicht mehr an die frische Luft gehen - ich kenne das übrigens von zu Hause -, ist meiner Meinung nach eher ein Argument für die Förderung des eSports als dagegen. Denn wo, wenn nicht in Vereinen, kann eine Struktur geschaffen werden, um Jugendliche vorsichtig an das Thema heranzuführen und auch richtige Trainingseinheiten zu gestalten. Zum Beispiel ein körperliches Training zur Förderung der Reaktionsfähigkeit vor dem "Zocken".

Nebenbei werden die Spieler von zu Hause in ein Umfeld mit anderen Gamern gebracht, Freundschaften können entstehen, Teamfähigkeit wird entwickelt und soziale Interaktion geprobt. Alles sogenannte Soft-Skills, die in der Wirtschaft heute immer wichtiger werden. So bereitet das Gaming auch aufs spätere Leben vor. Nicht ohne Grund gibt es Studien, die belegen, dass Gamer bei bestimmten Lernaufgaben besser abschneiden als Nicht-Gamer. Also: eSportler raus aus dem Kinder- oder Jugendzimmer und rein in die Vereine.

Kontra

"Jedes marode Bolzplatz-Tor zu ersetzen, ist sinnvoller." Peter Bartelt

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Peter Bartelt und seine Frau versuchen seit Monaten vergeblich, ihrem Sohn den Gang an die frische Luft schmackhaft zu machen, statt Computer zu spielen.

Zugegeben: Ich habe keine Ahnung von Computerspielen, Spielkonsolen oder Ähnlichem und habe auch noch nie so was gespielt. Und warum nicht? Weil ich tatsächlich ohne so etwas auskomme. Vielleicht eine Frage des Alters, aber wer mich fragt, darf eine Antwort erwarten. Und jetzt soll eSport sogar gefördert werden! Kann man, oder besser, darf man eine Aktivität, bei der man zwei Finger bewegt, während die Augen unablässig auf einen Bildschirm starren, als Sport bezeichnen? Hatte Sport früher nicht mal was mit körperlicher Ertüchtigung, mit Bewegung und Beanspruchung möglichst vieler Muskeln und anschließendem Muskelkater zu tun? Die Älteren unter uns werden sich vage erinnern.

Ja, ich weiß, auch Schach wird als Sportart anerkannt, wenn auch nicht von jedem. Aber Schachgroßmeister erscheinen wenigstens äußerlich durchaus fit und durchtrainiert. Denn Denksport soll ja auch den ganzen Körper und Geist fordern, je nachdem, von was man mehr in die Waagschale werfen kann. Sicher gibt es auch Spitzen-eSportler, die ihre Kondition trainieren und durchaus fit sind, um vielstündige Turniere durchzustehen. Aber die breite Masse?

Dieses Bild habe ich fast automatisch vor Augen: Kiddies, die sich bei Tiefkühlpizza, zuckerhaltigen Erfrischungsgetränken und Naschis in jeglicher Form die Nächte um die Ohren hauen, bis sie nach Stunden mit grauen Falten um die Augen aus einer verschwitzten Halle stolpern. Mit etwas Glück interessiert es sie beim ersten Sonnenstrahl, welche Jahreszeit wir gerade haben - wenn sie überhaupt noch wissen, was Jahreszeiten sind.

Seit Monaten reden meine Frau und ich uns den Mund fusselig, um unserem Zweitgeborenen - mit gerade deutlich pubertätsbedingten Synapsenausfällen - den regelmäßigen Gang an die frische Luft schmackhaft zu machen. Meist vergeblich. Chillen an der Spielkonsole erscheint ihm sehr viel attraktiver als die ersten tanzenden Schneeflocken dieses Winters mit offenen Sinnen zu begrüßen.

Und dann kommen Sie mal in ein Zimmer, das seit Tagen nicht gelüftet ist, weil der Bewohner vergessen hat, dass hinter den geschlossenen Jalousien eine reale Welt lauert - mit Singvögeln, Regen, Sturm und Frischluft. Sie würden verstehen, warum ich aus tiefstem Herzen sage: Jedes marode Tor auf einem Bolzplatz durch ein neues zu ersetzen, ist sinnvoller, als den eSport mit Steuergeldern zu fördern - und gesünder.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 16.01.2019 | 17:00 Uhr

eSport: Chance fürs Land oder Gefahr für Gamer?

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Soll das Land Schleswig-Holstein den eSport fördern? Darum ging es am Mittwoch bei einer Anhörung im Innen- und Rechtsausschuss des Landtages - einen ganzen Tag lang. mehr

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