Emmy für Animation: Der amerikanische Traum des Christian Linke

Stand: 15.09.2022 11:08 Uhr

Es ist eine dieser Erfolgsgeschichten: Der Neumünsteraner Christian Linke fängt in Los Angeles im Kundendienst einer Firma an, die Computerspiele herstellt. Über seine Musik arbeitet er sich im Unternehmen hoch und gewinnt als Produzent mit einer animierten Fernsehserie einen Emmy.

von Kai Peuckert

Emmy-Verleihung, September 2022. In der Kategorie "Beste animierte Serie" nominiert: die "Simpsons", "Bob's Burger", "Rick and Morty", "What if...?" und "Arcane". Letztere Serie ist als Außenseiter bei Amerikas wichtigsten Fernsehpreis dabei - und gewinnt tatsächlich den Award.

Als Erster entert Christian Linke die Bühne. Der Neumünsteraner hatte die Idee zu der Animationsserie, hat sie produziert und die Story entwickelt, die auf dem Computerspiel "League of Legends" beruht. "Das haben wir uns so nie erhofft, dass so etwas möglich ist für so ein paar Videospieler-Heinis wie uns. Es ist natürlich sehr schön für das ganze Team, das da jahrelang dran gearbeitet hat", sagt Linke ein paar Tage nach der Emmy-Gala NDR Schleswig-Holstein.

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NDR Reporter Kai Peuckert (links) spricht mit dem Produzenten und Autor Christian Linke. © NDR
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Christian Linke: "Es ist immer schön wieder zu Hause zu sein"

NDR Reporter Kai Peuckert spricht mit dem Emmy-Gewinner Christian Linke, der derzeit in Los Angeles lebt. 3 Min

Ende der Musikkarriere

Dass er irgendwann einmal einen Emmy gewinnen würde, hätte er nie gedacht, als er 2010 aus Neumünster nach Los Angeles zog. Mit seiner Band Panik war es da bereits vorbei. Trotz Top-20-Platzierung in Deutschland, einem Bravo-Otto in Bronze und einer Goldenen Schallplatte in Russland ging es mit der Band nicht weiter. Er wagte den Schritt, weil er seine zweite Leidenschaft nachgehen wollte: die Welt der Videospiele.

"Ich glaube, für meine Eltern muss es schon irgendwie ziemlich komisch sein. Ich gehe mal davon aus, dass die sich gedacht haben: Der wird schon irgendwie in ein paar Monaten wieder zurückkommen." Auch sein Vater Michael Linke erinnert sich im 9.000 Kilometer entfernten Neumünster noch gut an den Plan seines Sohnes: "Erst mal freut man sich, dass er ein Ziel hat und das umsetzen möchte. Andererseits weiß man als Eltern auch: Okay, der ist jetzt erst mal weg."

Anfänge im Kundendienst

In Los Angeles schlief Christian Linke zunächst auf der Couch von Bekannten. Dann sah er die Stellenanzeige der Computerspiel-Programmierer von Riot Games, die das Spiel "League of Legends" entwickelt hatten. Sie suchten einen Kundendienstmitarbeiter mit Deutsch-Kenntnissen, er bekam die Stelle. "Meine erste Aufgabe bei Riot Games war wirklich, den Leuten zu helfen, wenn irgendwas nicht funktioniert hat im Spiel. Wenn deren Konto irgendwie im Eimer war. Da gab's irgendwie immer Mecker", sagt Linke.

Eine Ansicht von LA bei Nacht. © photocase | Stoff (m) Foto: Stoff
Seit 2010 lebt der Neumünsteraner Christian Linke in Los Angeles.

Das Spiel entwickelte sich innerhalb weniger Jahre zu einem der größten, wenn nicht dem größten Verkaufsschlager weltweit. Auf das Start-up kamen immer neue Aufgaben zu - und irgendwann hat Linke seine Hand gehoben und gesagt: "Ich glaube, wir können mehr machen mit unserer Musik und unseren Geschichten. Und da hieß es: 'Ja, dann mach mal!'"

Musik für ein Computerspiel

Linke begann Musik für das Spiel zu komponieren. Die gefiel seinen Chefs so gut, dass er bald für die gesamte Musik rund um den "League of Legends"-Kosmos zuständig war. Er unterstrich mit seiner Musik den Charakter der Figuren, komponierte Musik für die Weltmeisterschaften in dem Spiel. "Meine Musikkarriere hat schon sehr geholfen. Weil ich eben einen Einblick bekommen habe in die professionelle Musik, wie man jetzt genau Musik produziert und mit verschiedenen Künstlern arbeitet", sagt Linke. Außerdem begann Riot Games animierte Musikvideos zu den Liedern des Spiels zu produzieren - verantwortlich: Christian Linke.

"Wir ziehen das durch, wir machen 'Arcane', eine Animationsserie auf der Basis von 'League of Legends'." Autor und Produzent Christian Linke

Wenn ein animiertes Musikvideo zu wenig ist

Vor etwa acht Jahren hatte er in Zusammenarbeit mit der Band Imagine Dragons ein solches Video produziert. Da kam ihm der Gedanke. "Mensch, könnten wir da nicht mal was Größeres machen als ein Musikvideo. Also anstatt drei Minuten von dieser Animation könnten wir wirklich ein paar Stunden machen - eine volle TV-Serie", erinnert sich der Norddeutsche an die Anfänge. Das sei in dieser Qualität noch nicht gemacht worden.

Also tastete er sich mit seinem Team dann einfach ran, schrieb die ersten Drehbücher und machte erste Animationstests. Es kam dann die Frage auf, ob sie das wirklich durchziehen wollen. "Da haben wir einfach auch sehr viel Glück gehabt, dass wir bei einer Firma arbeiten, die auch so ein bisschen unseren Größenwahn unterstützt hat", sagt Linke, denn alle bei Riot Games würden die Spiele lieben, ihre Charaktere und die Welten. Die wollten sie auch auf größeren Bildschirmen als den ihrer Computer sehen.

Vor mehr als sechs Jahren fiel dann die Entscheidung: "Wir ziehen das durch, wir machen "Arcane", eine Animationsserie auf der Basis von League of Legends", so Linke. Er wurde Produzent und war für die Story zuständig.

Virtuelles Tischtennis

In Neumünster war Vater Michael schon lange klar, dass sein Sohn nicht schnell wieder nach Hause zurückkehrt. An die neun Stunden Zeitunterschied hat er sich längst gewöhnt. Den Kontakt hält er zu seinem Sohn per Video-Telefonie - und ein gemeinsames Vater-Sohn-Hobby gibt es auch. Sie spielen so oft es geht Tischtennis, digital per Virtual-Reality-Brille. "Das ist natürlich sehr persönlich und macht sehr viel Spaß. Wir lachen viel, bringen beim Spielen sehr viele Werner-Zitate", so der Vater.

In letzter Zeit sei das aber sehr kurz gekommen, sein Sohn hatte einfach viel zu tun, denn im November 2021 feierte "Arcane" Premiere beim Streaming-Anbieter Netflix.

Imagine Dragons singen Titelsong

In Los Angeles erklärt Christian Linke, worum es in der Serie geht: "Es geht um die Schwestern Vi und Jinx, die in verschiedenen Teilen einer futuristischen Stadt aufwachsen und quasi in einen zivilen Krieg geraten." Die Schwestern, im Original gesprochen von Hailee Steinfeld und Ella Purnell, geraten auf unterschiedliche Seiten. Dabei kommt auch die Frage auf, wie nahe sie sich noch sind.

Linke und seinem Team waren bei der Serie auch die Musik sehr wichtig. Der Titelsong "Enemy" kommt von der Band Imagine Dragons, die Bandmitglieder sind selbst große "League of Legend"-Fans und spielen das Spiel laut Linke gerne in ihrem Tourbus, deswegen hätten ihre Konzerte auch schon mit etwas Verspätung begonnen.

"Das hätten wir gerne etwas anders gesungen"

Linke und sein Team legen Wert drauf, dass es in jeder Episode einen musikalischen Höhepunkt gibt. Für eine traurige Szene am Ende der ersten Staffel wollten sie eine "echte Stimme", eine Stimme wie die von Sting. Also fragten sie den Superstar an, ob der den Song machen würde. Der Weltstar sagte schließlich zu und nahm eine Demo-Version auf.

"Die fanden wir ganz gut, aber da meinte ich halt direkt: 'Hey, das hätten wir aber gerne ein bisschen anders gesungen.' Da gab es erst mal einen starren Blick und eine Pause von ihm. Er war wohl nicht so gewohnt, dass man da irgendwie Kritik übt an seiner Performance", erzählt Linke. Sie hätten halt genau gewusst, was sie haben wollen und auch Sting hätte die beste Version des Liedes singen wollen.

Sting war Geschenk für die Eltern

Das musikalische Talent von Sting war aber nicht der Hauptgrund, ihn anzufragen. "Der größte Grund war wirklich, dass ich wusste, dass meine Eltern Fans von Sting sind. Da habe ich mir gedacht: Okay, wenn ich den jetzt irgendwie ins Projekt reinholen kann, dann würden wahrscheinlich selbst meine Eltern sagen, dass der Bengel es jetzt wohl geschafft hat."

Seine Eltern besuchte der 35-Jährige in der Produktionszeit häufig, das Animationsstudio Fortiche ist in Paris und das Orchester, das Teile der Musik eingespielt hat, in Berlin. Wenn er in Europa war, machte er an den Wochenenden immer einen Abstecher ins Elternhaus, auch wegen des Döner-Ladens um die Ecke. Denn den Fleischspieß vermisst er in L.A. - genau wie die Currywurst und Fischbrötchen.

Lebensabend in Neumünster

Irgendwann will Linke auch Los Angeles wieder den Rücken kehren und nach Neumünster gehen. "Es gibt hier keinen wirklich gesunden Sozialstaat. Es ist hier teilweise recht schwierig, den eigenen Erfolg genießen zu können, wenn man weiß, dass ein paar Straßen weiter irgendwie die Leute nicht die Hilfe bekommen, die sie brauchen", sagt Linke. Das wäre in Deutschland um einiges besser. Daher will er seinen Lebensabend im Norden Deutschlands verbringen, denn dort sei seine Heimat.

Jetzt steht aber erst mal die zweite Staffel von "Arcane" auf seiner To-do-Liste. Inhalte will er noch nicht verraten, aber vielleicht heißt es bald bei der Emmy-Verleihung erneut: "And the winner is: 'Arcane'". Und dann muss Christian Linke wieder eine Dankesrede halten. Aber daran kann man sich auch sicher gewöhnen.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 14.09.2022 | 19:30 Uhr

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