Stand: 28.05.2019 11:45 Uhr

CO2-Verpressung im Meeresboden: Klug oder gefährlich?

von Christian Nagel

Erdöl, Erdgas, Kohle - werden fossile Brennstoffe verfeuert, entsteht Kohlendioxid (CO2). Zu viel CO2 in der Atmosphäre verstärkt den Treibhauseffekt, was die Erderwärmung und den Klimawandel beschleunigt. Die Menschheit - allen voran in den Industrieländern - muss also möglichst darauf verzichten, fossile Brennstoffe zu verbrennen. Doch das alleine reicht nicht, sagen die Wissenschaftler des IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change), des Weltklimarats der Vereinten Nationen. Sie empfehlen, Kohlendioxid zu speichern, damit es erst gar nicht in die Atmosphäre gelangt.

Der Boden der Nordsee scheint besonders geeignet

Experten des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung in Kiel forschen zu dem Thema. Sie sind derzeit für ein Experiment in der Nordsee unterwegs. Insgesamt arbeiten Wissenschaftler seit Jahrzehnten an dem Verfahren der Verpressung: Kohlendioxid soll zum Beispiel in Heizkraftwerken aus den Abgasen herausgefiltert werden. Anschließend wird es verflüssigt und dann über Pipelines unter hohem Druck in unterirdische Speicher im Meeresboden gepresst. Besonders bieten sich dafür die porösen Sandsteinformationen im Boden der Nordsee an. Auch ehemalige Erdöllagerstätten könnten nach Meinung einiger Wissenschaftler ein geeigneter Lagerplatz für CO2 sein.

Norwegen setzt bereits seit Jahren auf CO2-Verpressung

CCS (Carbon Dioxide Capture and Storage) heißt dieses Verfahren, das in Norwegen bereits seit 1996 angewandt wird. Auch Großbritannien und die Niederlande planen solche Projekte. Die niederländische Energiegesellschaft EBN und das Gasnetz-Unternehmen Gasunie wollen gemeinsam mit dem Hafenbetrieb Rotterdam in der Nordsee das größte Kohlendioxid-Lager der Welt einrichten. In den kommenden sieben Jahren sollen Pipelines gebaut werden, die vom Hafen Rotterdam zu leeren Gasfeldern im Boden der Nordsee führen - etwa 20 Kilometer vom Festland entfernt und in drei Kilometern Tiefe. Auch die deutsche Bundesregierung zieht CCS in Erwägung, um die gesteckten Klimaschutzziele zu erreichen: Bis 2050 soll treibhausgasneutral gewirtschaftet werden.

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CCS ist aber keineswegs unumstritten. Umweltschützer, wie Dr. Reinhard Knof von der Bürgerinitiative gegen CO2-Endlager, sprechen von einem massiven Eingriff in das natürliche Ökosystem, wenn Millionen Kubikmeter Kohlendioxid in den Meeresuntergrund gepumpt werden. Das sehen auch andere Umweltschutzorganisationen, wie zum Beispiel Greenpeace so. "Die CCS-Technik funktioniert, die Frage ist nur, bleibt das Kohlendioxid auch im Meeresboden? Nein", sagt Knof. Er befürchtet, dass das Treibhausgas aus den Lagerstätten entweichen und den Organismen im Meer schaden könnte. Die Folgen wären Todeszonen in den Meeren, in denen quasi kein Leben mehr möglich ist.

Kohlendioxid kann aus alten Bohrlöchern entweichen

So abwegig ist das gar nicht: Bereits seit acht Jahren forschen Experten des GEOMAR an der CSS-Technik. Prof Dr. Klaus Wallmann vom Forschungsbereich Marine Biogeochemie bestätigt, dass im Meeresboden verpresstes CO2 auch wieder entweichen kann. Zum Beispiel durch alte Ölbohrlöcher, von denen es nach seinen Angaben allein in der Nordsee etwa 10.000 Stück gibt. Versuche der GEOMAR-Forscher in der Nordsee haben gezeigt, dass sich das CO2 am Grund des Meeresbodens schnell im Wasser auflöst. "Auf der einen Seite gut", meint Wallmann, "weil es so nicht in die Atmosphäre gelangt. Auf der anderen Seite aber ein Problem, weil es das Bodenwasser versauert und die Lebewesen am Meeresboden schädigt." Nach seinen Angaben sind die Schäden aber relativ gering und im Vergleich zum Nutzen überschaubar und vertretbar. Wallmann hat laut GEOMAR gemeinsam mit einem weiteren Kieler Wissenschaftler ein Patent für das Verfahren zur Erdgasförderung aus Kohlenwasserstoff-Hydraten bei gleichzeitiger Speicherung von Kohlendioxid in geologischen Formationen.

Umweltbundesamt: "In aller Regel keine negativen Auswirkungen"

Das Umweltbundesamt sieht ebenfalls keinen Grund zur besonderen Sorge: "Im Normalbetrieb sind für die menschliche Gesundheit in aller Regel keine negativen Auswirkungen zu erwarten", heißt es zu den Risiken der CO2-Speicherung. Aber infolge von Unfällen und durch ein allmähliches Freisetzen aus dem Speicherkomplex (Meeresboden) könnten sich Gesundheitsrisiken ergeben. Auch Risiken für Grundwasser und den Boden könnte es geben.

Umweltschützer Knof sieht aber noch andere Risiken, die sich durch die Verpressung von Kohlendioxid im Meeresboden ergeben könnten. Das CO2 könnte im Meeresuntergrund das im Sandstein gespeicherte Porenwasser verdrängen. Da das nicht in tiefere Bodenschichten gedrückt werden kann, wird es laut Knof seitlich in Richtung Festland gedrückt und könnte dort Grund- und Trinkwasser versalzen. Knof verweist gern auf Dänemark. Dort wurde 2012 darüber nachgedacht, CO2 in alte Erdöllagerstätten zu verpressen, um verbliebene Ölreste herauszuholen. Laut Knof waren die Bedenken der Regierung aus den oben genannten Gründen so groß, dass die Pläne nicht weiterverfolgt wurden.

Umweltministerium Schleswig-Holstein will erstmal kein CCS

Auch Schleswig-Holstein steht CCS skeptisch gegenüber. Das Ministerium von Umweltminister Jan Philipp Albrecht (Grüne) verweist auf das geltende Gesetz zur Regelung der Kohlendioxid-Speicherung in Schleswig-Holstein aus dem Jahr 2014. Das schließt eine Speicherung von CO2 unter dem Gebiet von Schleswig-Holstein einschließlich der Küstenmeere von Nord- und Ostsee aus.

Umweltminister Albrecht sieht diese Technik auch grundsätzlich kritisch: "Ich finde schon, dass wir das nochmal gemeinsam diskutieren müssen, denn die Folgen sind unüberschaubar", so Albrecht. "Und wir sehen zum Beispiel bei der Endlagerung von Atommüll sehr große Kosten und Folgen auf uns zukommen, wenn wir so etwas nicht ordentlich durchprüfen. Deswegen sollte man hier keinen Schnellschuss gehen und das in Ruhe diskutieren."

Wallmann: Ohne CO2-Verpressung werden Klimaziele nicht zu erreichen sein

"Wenn wir 2050 auf eine CO2-Emission von netto null kommen wollen, dann müssen wir uns etwas einfallen lassen", meint Wallmann vom GEOMAR. Seiner Meinung nach sind erneuerbare Energien die Hauptlösung für die Energieversorgung. "Doch damit allein", so Wallmann, "lassen sich die Kohlendioxid-Emission nicht auf Null fahren." Ganz ohne fossile Brennstoffe wird es nach seinen Worten in absehbarer Zeit nicht gehen, so dass es nur über die Verpressung von CO2 im Erdboden möglich sei, zu vermeiden, dass Kohlendioxid in die Atmosphäre gelangt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 28.05.2019 | 12:00 Uhr

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