Brustkrebs: "Ich habe den Knubbel ein Jahr lang ignoriert"

Stand: 05.06.2021 10:56 Uhr

Franziska Hage ist Anfang 30, als sie die Diagnose Brustkrebs bekommt. Gemeinsam mit acht Dithmarscherinnen zeigt sie auf Fotos, dass das nicht das Ende ist - und wirbt für Sensibilität und Vorsorge.

Sie arbeitet als Ärztin im Westküstenklinikum in Heide. Doch den Knubbel in ihrer Brust ignoriert sie. Denn sie ist schwanger, bekommt gerade ihr zweites Kind und geht davon aus, dass es sich um eine Schwellung handelt, die vom Stillen kommt. Aber es ist Krebs und die Brust, in der der Tumor gewachsen ist, muss amputiert werden. Ihre Friseurin fragt sie, ob sie sich fotografieren lassen würde für eine Ausstellung zum Weltfrauentag. In jeweils drei Fotos erzählen acht Frauen aus Dithmarschen ihre Geschichten mit dem Krebs. Im Alltagsoutfit in Schwarz-Weiß und in Farbe, ganz stark, mit viel Ausdruck und Fantasie. Die Fotos von den Brustkrebsnarben ohne Kopf, damit sie anonym bleiben.

Wie kam es zu der Idee, eine Ausstellung zu machen, in der Frauen ihre Narben präsentieren?

Franziska Hage: Die Idee kam von Franziska Pusch, die in Heide Perücken für krebskranke Frauen anfertigt. Als mir bei der Chemotherapie die Haare ausgefallen sind, habe ich sofort einen Termin bei ihr gemacht. Wir haben uns oft darüber unterhalten, dass viel zu wenig über Brustkrebsvorsorge gesprochen wird. Weil sie tagtäglich mit Krebspatientinnen zu tun hat, wurde sie von den Gleichstellungsbauftragten aus Dithmarschen angefragt, ob sie eine Idee hätte, wie man auf das Thema aufmerksam machen könnte. Sie hat mich dann gefragt, ob ich Lust hätte, bei einer Ausstellung mitzumachen. Und da hab ich dann auch gleich zugesagt, weil ich toll fand, wie das Projekt aufgezogen wurde. Die Idee war, dass wir zeigen, dass das Leben weitergeht - auch mit Brustkrebs. Dabei sollten auch die Narben ausgestellt werden. Die Fotos von den Narben sollten anonym sein - also unsere Gesichter nicht mitfotografiert werden. Das war wirklich sehr respektvoll. Und für jede Frau, die mitgemacht hat, wurde das Shooting individuell an die eigene Geschichte angepasst. Das fand ich sehr schön.

War es schwierig für dich, deine Narbe öffentlich zu zeigen?

Hage: Ich dachte eigentlich, dass es für mich nicht so ein großes Problem wird, mich so zu zeigen, weil ich ja wusste, dass man unsere Gesichter nicht sieht. Aber als ich die Narbe dann am Ende so auf dem Bild gesehen habe, fand ich das schon ziemlich heftig. Wobei ich glaube, dass es wichtig ist, die Narben zu zeigen, damit man einen echten Bezug dazu bekommt, wie wichtig es ist, zur Vorsorge zu gehen. Bei mir ist ja beispielsweise die ganze Brust weg. Denn in meinem Fall war es nicht möglich, eine brusterhaltende OP zu machen, und das Foto wirkt dann eben ziemlich radikal. Als ich mein eigenes Foto zum ersten Mal gesehen habe, war das schon sehr emotional für mich. Man gewöhnt sich ja an den Anblick von oben. Aber wenn man sich dann so auf dem Foto sieht, wird einem einfach nochmal klar, dass Brustkrebs eine sehr schwere Erkrankung ist, die bei mir eine große Narbe hinterlassen hat.

Als Ärztin in Heide bist du ja nicht gerade eine Unbekannte. Wie gehst du mit der neuen Öffentlichkeit um?

Hage: Eigentlich freue ich mich, wenn Menschen mich darauf ansprechen. Denn mir geht es ja auch darum, zu zeigen, dass man zwar krank war, aber eben auch ein ganz normaler Mensch ist. Deswegen freue ich mich auch, dass die Ausstellung jetzt so viel Aufmerksamkeit bekommt. Das war mir am Anfang irgendwie gar nicht so bewusst, dass es ein so großes Interesse an der Ausstellung geben könnte. Aber auch wenn ich es gewusst hätte, hätte ich trotzdem mitgemacht. Weil es bei der Ausstellung ja auch genau darum ging, so viele Frauen wie möglich zu erreichen.

Wie hast du gemerkt, dass du Brustkrebs hast?

Hage: Ich war schwanger mit meiner zweiten Tochter und hab' damals schon einen kleinen Knubbel in meiner Brust gefühlt. Aber ich habe immer gedacht, vielleicht hat das was mit dem Stillen zu tun, und habe dem deshalb gar nicht so viel Beachtung geschenkt. Weil die Brust ja dann eh sehr knotig ist. Als ich abgestillt habe, ist dieser Knubbel aber einfach nicht weggegangen. Ich hab nie damit gerechnet, dass das Brustkrebs sein könnte, weil ich ja so jung war, und dachte immer, dass es eine Entzündung ist oder so. Erst als ich dann gemerkt habe, dass die Lymphknoten unter meinem Arm vergrößert waren, wusste ich, dass ich zum Gynäkologen muss. Das war kurz nach meinem 30. Geburtstag. Als ich dann beim Frauenarzt war, habe ich direkt vor Ort die Diagnose bekommen. Und dann ging auch alles ganz schnell.

Das klingt so, als hättest du zu lange gewartet, oder?

Hage: Ja,, ich denke, wenn ich direkt gegangen wäre, als ich es das erste Mal bemerkt habe, wäre ich wahrscheinlich sogar um die Chemotherapie und die Bestrahlung drum herum gekommen. Dann hätte man das nur rausgenommen und es wäre gut gewesen. Aber der Krebs hatte fast ein Jahr Zeit, um wirklich zu wachsen. Auch durch den Hormonschub durch die Schwangerschaft und das Stillen. Und, ich denke, deswegen war es dann auch schon ziemlich weit fortgeschritten.

Und wie geht es jetzt weiter? Bist du wieder gesund?

Hage: Nein. Als gesund gilt man erst, wenn man fünf Jahre krebsfrei war. Ich kriege jetzt noch zehn Jahre lang eine Anti-Hormon-Therapie in Form von Spritzen und Tabletten. Und weil bei mir das Brustkrebsgen festgestellt worden ist, muss ich vorsorglich auch noch meine andere Brust abnehmen lassen und in den nächsten Jahren auch noch meine Eierstöcke entfernen lassen. Damit ich eben nicht wieder Krebs bekomme. Und ansonsten geht es weiter mit einer sehr intensiven Nachsorge, wo ich alle drei Monate zum Ultraschall muss und jedes Jahr zur Mammographie und zum MRT. Also werde ich sehr oft unterwegs sein deswegen. Das ist zwar viel, aber wenn mir das mein Überleben sichert, mache ich das gerne. Mein Ziel sind jetzt die fünf und dann die zehn Jahre und weiter plane ich gerade auch gar nicht.

Seit ein paar Monaten arbeitest du wieder. Wie fühlt sich das für dich an?

Hage: Das ist schwieriger, als ich gedacht hätte. Arbeiten war meine größte Priorität und der Gedanke daran, arbeiten zu gehen, hat mich durch meine ganze Krankheit begleitet, weil man ein ganzes Jahr rausgeschleudert worden ist. Und jetzt merke ich, dass ich immer noch sehr schnell müde bin. Ich kann eben nicht so wie vorher. Ich bin auch nicht so schnell wie früher. Das frustriert mich ein bisschen denn da bin ich ein kleiner Perfektionist - den muss man aus seinem Kopf herauslöschen. Aber es geht eben nicht wie vorher. Und das ist auch in Ordnung.

Was sollte sich deiner Meinung nach ändern?

Hage: Ich finde wichtig, dass noch intensivere Vorsorge betrieben wird. In meinem Fall wäre ich vor 35 niemals in so eine intensivere Vorsorge gekommen. Deswegen hat man es bei mir wahrscheinlich auch erst später entdeckt. Wenn man weiß, dass jede achte Frau Brustkrebs bekommt, gehört das einfach in jede Routineuntersuchung dazu. Auch, dass man lernt, wie man seine Brust abtastet. Ich finde wichtig, dass jede Frau sich selbst helfen kann. Und auch keine Hemmungen hat, zum Arzt zu gehen. Es kann einfach jeden einzelnen Menschen treffen.

Danke für das Gespräch und alles Gute weiterhin!

Das Interview führt Katharina Kücke, NDR Schleswig-Holstein.

Die Fotografien sind Teil einer Ausstellung, die in Kooperation der Gleichstellungsbeauftragten aus Dithmarschen zum Frauentag 2021 entstanden ist. In den kommenden Monaten werden die Fotografien an zahlreichen Orten in ganz Deutschland zu sehen sein. Ende August wandert die Ausstellung in die Kirche St. Marien in Hemmingstedt, vom 6. bis 10. September wird sie im Kreishaus in Heide zu sehen sein und Ende September für zwei Wochen im Elbeforum Brunsbüttel.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 02.06.2021 | 19:30 Uhr

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