Stand: 23.12.2018 12:00 Uhr

AKW Brunsbüttel: Hoffnung, Widerstand und Pannen

von Lena Haamann

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Rückkehr an die alte Arbeitsstätte: Knut Frisch (v.) und Udo Sauerbrey, ehemalige Ingenieure im AKW Brunsbüttel.

Man sieht das schwarze, kastige Gebäude schon von Weitem. Im Industriegebiet Brunsbüttel, hinter dem Deich an der Elbe. Knut Frisch und Udo Sauerbrey gehen auf den Eingang des Kernkraftwerks zu. "Das Spannende für mich war die neue Technik. Damals war die Kernenergie in aller Munde. Wir wollten aus Uran preiswerten Strom machen, und ich wollte einer der ersten mit dabei sein", sagt er. Die beiden gut gekleideten, älteren Herren mit grauem Haar sind Mitarbeiter der ersten Stunde des ersten Atommeilers Schleswig-Holsteins.

Heute passieren sie die Sicherheitsschranke als Besucher, denn mittlerweile sind beide im Ruhestand. Früher waren sie hier führende Ingenieure. Knut Frisch hat das AKW Brunsbüttel sogar geleitet, war insgesamt fast 40 Jahre lang dabei. Sein Kollege hat 1973 als Ingenieur angefangen, während das AKW noch gebaut wurde.

Kaum Proteste während der Bauzeit

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Baustart ist Ende der 60er-Jahre für das AKW Brunsbüttel.

Anfang der 70er-Jahre haben selbst viele spätere Gegner noch der modernen neuen Technik vertraut. Wie Bernd Frohböse aus Brunsbüttel, der damals Elektrotechnik studiert hat, weil er selber mal in der Branche arbeiten wollte. "Während meines Studiums war ich völlig begeistert von der Idee der Atomenergie. Das war noch spannend, da war allgemein noch eine interessierte Grundstimmung da", erzählt er. Während der Bauzeit von 1969 bis 1976 sei er oft ins Industriegebiet gefahren, um bei den Bauarbeiten zuzugucken. Proteste gab es damals noch keine.

Knut Frisch und Udo Sauerbrey gehen durch das Drehkreuz und betreten ihren früheren Arbeitsplatz, die Leitwarte. "Wenn ich hier in die Warte komme, kommt alles wieder hoch. Wie ich hier die Nächte verbracht habe, teilweise 24 Stunden im Kraftwerk war", sagt Udo Sauerbrey. Als das AKW 1977 seinen kommerziellen Betrieb aufnahm, hat er Systeme wie Ventile oder Abgasanlagen in Betrieb genommen. "Das war viel Elektrotechnik." In der Gesellschaft hatte er damals wegen seines Berufes noch ein hohes Ansehen: "Ach so, du arbeitest in der Kernenergie? Das ist toll", hieß es oft.

Der erste Störfall - die Stimmung kippt

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Ende der 70er-Jahre regt sich erstmals Widerstand gegen das AKW Brunsbüttel.

Aber es lief nicht alles rund. Im Jahr 1978 passierte der erste Störfall: Ein acht Zentimeter starker Stutzen in der Turbinensektion war gerissen. Stundenlang trat radioaktiver Dampf durch den Schornstein in die Atmosphäre aus. Das Kernkraftwerk blieb zwei Jahre lang außer Betrieb. Der Störfall war der Auslöser für die über die Jahre andauernden Proteste. Rund 6.000 Atomgegner aus ganz Deutschland kamen 1979 mit der Fähre nach Brunsbüttel, um gegen die Wiederinbetriebnahme des Meilers zu protestieren. Auch Bernd Frohböse war dabei. "Der Schrottreaktor wurde das AKW Brunsbüttel in der Anti-AKW-Bewegung genannt. Die endgültige Stilllegung war die allgemeine Forderung", sagt Frohböse. Für ihn war nun der Zeitpunkt, um Unterschriften zu sammeln und immer wieder zu demonstrieren.

Knut Frisch fing damals im AKW an. Nach dem Störfall gab es viel neues Personal, aber nicht nur das. "Alles musste neu geregelt und jeder Handgriff im Betriebshandbuch beschrieben werden. Es wurde auch noch mal die ganze Anlage überprüft, das war sehr herausfordernd", erinnert sich der spätere Leiter. Doch es blieb nicht bei dem einen Störfall. Von 1982 bis 1985 musste die Anlage mehrmals vom Netz, 1992 stellte die Gesellschaft für Reaktorsicherheit mehr als 130 Risse an Schweißnähten fest, weshalb die Anlage wieder heruntergefahren werden musste.

Herausforderungen der AKW-Mitarbeiter wachsen

Udo Sauerbrey bekam die veränderte Stimmung in der Gesellschaft im engsten Freundeskreis zu spüren. "Hauptsächlich im privaten Bereich hat es mich berührt. Es waren gute Freunde, die dann mit einem Mal nicht mehr zu meinen Einladungen kamen oder, oder, oder. Wir mussten damit leben. Und haben unser Bestes gegeben." Er und Knut Frisch hatten als Schichtleiter damals viel Verantwortung - damit umzugehen, sei nicht immer leicht gewesen. Zu einem weiteren großen Störfall kam es 2001. Nachdem eine Leitung nahe des Reaktors durch eine Wasserstoffexplosion geborsten war, wurden viele führende Ingenieure am Kernkraftwerk Brunsbüttel ausgetauscht. Auch Udo Sauerbrey, der damals kerntechnischer Sicherheitsbeauftragter war, gehörte dazu.

Das Ende des Atommeilers

Im Jahr 2007 wurde der Reaktor nach einem Kurzschluss erneut runtergefahren - von da an war er bis heute insgesamt nur noch 20 Tage in Betrieb. Nach dem Atomunglück in Fukushima im März 2011 beschloss die Bundesregierung den Atomausstieg. "Erst das Atomunglück in Three Mile Island, dann Tschernobyl, das war eine Explosion, dann Japan. Und überall ist der Mensch beteiligt. Da ist auch für mich persönlich nachzuvollziehen, dass viele Angst haben. Es ist eine Technik, die ist nicht zu beherrschen", sagt Udo Sauerbrey heute. Zwar halte er sie immer noch für die sauberste und umweltfreundlichste, aber die Gesellschaft müsse entscheiden, ob sie bereit ist, das Risiko zu tragen, sagte der langjährige AKW-Mitarbeiter. Die Betreiber des Kernkraftwerks Brunsbüttel bereiten jetzt den Rückbau vor. So war das AKW Brunsbüttel nicht nur das erste im Land, es wird auch in etwa 20 Jahren das erste sein, das wieder verschwunden sein wird.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 22.12.2018 | 19:30 Uhr

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