Eine Krankenpflegerin arbeitet in Schutzkleidung in einem Krankenzimmer auf der Intensivstation. © picture alliance/dpa Foto: Marcel Kusch

"Wir werden total verheizt" - Intensivpflegekräfte am Limit

Stand: 15.12.2020 08:00 Uhr

Intensivpflegekräfte in Niedersachsen schlagen Alarm. Langjährige Fachkräfte berichten von massiver Überforderung und einem sich dramatisch zuspitzenden Personalmangel durch die Corona-Krise.

von Christina Harland

Die Situation sei auf fast allen klinischen Stationen extrem angespannt, bei der Versorgung schwer kranker Covid-19-Patienten sei die Lage kaum noch erträglich, hieß es in vertraulichen Gesprächen mit dem NDR Regionalmagazin Hallo Niedersachsen. "Der Leidensdruck auf Station ist zurzeit sehr hoch. Wir schaffen unsere Arbeit nicht, weil wir einfach zu wenige sind und die Patienten zu krank", sagt eine Intensivschwester aus einer großen Klinik in Hannover.

"Fühlen uns wie Kanonenfutter"

"Es hat immer wieder Tage gegeben, da mussten wir bis zu vier Patienten ablehnen, weil wir nicht genug Leute haben", schildert eine Intensivschwester aus Oldenburg. "Das ist wie im Krieg. Wir werden total verheizt und fühlen uns wie Kanonenfutter. Wir haben viel unerfahrenes Personal und müssen mit veralteten Beatmungsgeräten hantieren, die extrem wartungsintensiv sind", sagt eine weitere Intensivfachkraft aus Hannover. Sie ergänzt: "Wir hatten große Probleme, die Covid-19-Station überhaupt personell zu besetzen. Es fehlt so viel Personal und zugleich wandern viele aus dem Beruf in andere Bereiche ab."

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Personalmangel und ein hinterhältiges Virus

"Wer flexibel genug ist, der geht", sagt auch eine Kollegin aus Neustadt am Rübenberge (Region Hannover). Und: "Ich habe noch nie so kranke Patienten erlebt. Corona ist hinterhältig. Kaum denkst Du, der Patient ist stabil, geht es wieder bergab. Die Todesangst und die Einsamkeit dieser Menschen sind kaum auszuhalten."

Berufsbild "attraktiver machen"

Die Krankenhausgesellschaft reagiert nicht überrascht auf die Schilderungen. "Wir betrachten die Situation mit großer Sorge, der Fachkräftemangel verstärkt sich sehr stark, und wir versuchen, das Berufsbild in der Pflege attraktiver zu machen, als es in der Vergangenheit gewesen ist", sagt Helge Engelke, Verbandsdirektor der Niedersächsischen Krankenhausgesellschaft.

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System kurz vor dem Kollaps?

Keine der Pflegekräfte möchte namentlich genannt werden. Alle äußerten, ihre Klinikleitungen wollten nach außen den Eindruck vermitteln, die Lage im Griff zu haben. Dass der Betrieb in Niedersachsen einigermaßen laufe, sei allerdings fast überall mit dem hohen körperlichen, zeitlichen und emotionalen Einsatz der Pflegekräfte erkauft. Das System sei kurz davor, zu kollabieren.

Drei Mal mehr freie Stellen als arbeitslose Fachkräfte

Das bestätigt David Matrai vom ver.di-Landesbezirk Niedersachsen-Bremen: "Pflegekräfte lieben ihren Job und gehen dabei über Grenzen. Das rettet das System, ist aber auf Dauer keine Lösung." Der große Personalengpass sei nicht neu, potenziere sich aber unter Corona. Nach Auskunft der Bundesagentur für Arbeit sind im Gesundheitswesen derzeit gut drei Mal mehr Fachkraftstellen vakant, als es gemeldete Arbeitssuchende gibt: 1.269 freie Stellen stehen demnach 483 arbeitslosen Fachkräften gegenüber. Ver.di indes geht von einem viel höheren echten Bedarf aus, nämlich von aktuell sogar rund 8.000 Pflegekräften in Niedersachsen. Die Gewerkschaft fordert eine Personalbemessung, die am tatsächlichen Bedarf orientiert ist.

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Unterdessen berichtet die Pflegekammer Niedersachsen, dass nur jedes fünfte Krankenhaus in Niedersachsen in den Genuss des sogenannten Corona-Bonus komme. Eine Erfahrung, die ein Teil der befragten Pflegekräfte auch gemacht hat. Zwar sieht das Krankenhauszukunftsgesetz einen Bonus auch für Klinikpersonal vor - diesen erhalten jedoch nur Pflegekräfte in Kliniken, in denen vom 1. Januar bis 31. Mai dieses Jahres eine definierte Mindestanzahl an Corona-Patienten versorgt wurde, abhängig von der Größe der Klinik.

Anspruch nur für 31 von 173 Kliniken

Kleinere Häuser haben einen Anspruch, wenn sie mehr als 20 Covid-19-Patienten versorgt haben. Häuser ab 500 Betten benötigen mehr als 50 Fälle, um anspruchsberechtigt zu sein. Nach Angaben des Instituts für das Entgeltsystem im Krankenhaus waren aber offenbar nur 31 von 173 Kliniken in Niedersachsen anspruchsberechtigt - also nur etwa jede fünfte.

MHH: "Mitarbeiter durch nicht eingehaltene Versprechungen demotiviert"

Die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) etwa gehört nicht dazu. Sie erreichte die Fallzahlen nicht, weil sie wegen der langen Verweildauer ihrer Beatmungspatienten auf den Covid-19-Stationen weniger Bettenwechsel hat. Die Klinik schreibt dazu: "Die Corona-Pandemie fordert alle bis aufs Äußerste. Wir verstehen, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gerade in der Pflege durch die nicht eingehaltenen Versprechungen im Hinblick auf Gehaltszulagen und Arbeitserleichterungen demotiviert sind."

Reimann will von Pflegeprämie nichts wissen

Ein Umstand, der auch Helge Engelke von der Niedersächsischen Krankenhausgesellschaft ärgert: "Das ist eine absolute Fehlentwicklung, dass ein Krankenhaus wie die MHH diese Prämie nicht bekommt." Wie ver.di und die Pflegekammer fordert die Krankenhausgesellschaft eine vom Land aufgestellte Pflegeprämie. In Schleswig-Holstein gibt es sie bereits. Davon will die zuständige Sozialministerin Carola Reimann (SPD) aber nichts wissen: "Die Prämie ist ja ohnehin nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Es braucht ordentliche Tarifverträge, die nicht nur Lohn und Gehalt regeln, sondern auch die Arbeitsbedingungen insgesamt besser machen", sagt sie.

Es fehlt an Respekt

Viele Pflegekräfte bezeichnen ihre aktuellen Arbeitsbedingungen als einen Ausdruck fehlenden Respekts. Der vielfach ausbleibende Corona-Bonus komme nun dazu: "Es macht mich wütend, dass Bundestagsbedienstete und Soldaten Corona-Prämien einschränkungslos kriegen. Und bei denen, die mit Corona-Patienten in Kontakt kommen, Leute wie ich, gibt es nichts", sagt eine Intensivschwester aus Hannover. Mehrere Tausend Mitarbeiter von Bundestagsabgeordneten sowie Bundeswehr-Beschäftigte dürfen sich über einen Corona-Bonus von bis zu 600 Euro freuen. Dabei wird vor der Auszahlung allerdings nicht ermittelt, ob eine besondere Arbeitsbelastung infolge der Pandemie bestand.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 15.12.2020 | 19:30 Uhr

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