Stand: 24.11.2017 06:00 Uhr

VW erteilt Arbeitern in China eine Abfuhr

Im VW-Werk in Changchun entstehen Golf, Jetta und Audi A6.

1,1 Millionen: So viele Autos verkauft Volkswagen in China pro Jahr. Die Volksrepublik ist der wichtigste Markt für den größten Autohersteller der Welt. Doch das Land ist autoritär regiert - und wenn Arbeitnehmer öffentlich ihre Rechte einfordern, dann stoßen sie schnell an Grenzen. So schwelt seit einiger Zeit ein Konflikt im VW-Werk im nordchinesischen Changchun. Dort betreibt VW ein Joint Venture mit dem chinesischen Partner First Automotive Works (FAW).

Hoffen auf Solidarität

Seit etwa einem Jahr protestieren die langjährigen Leiharbeiter in dem Werk. Sie wollen so bezahlt werden wie die Stammbelegschaft. Doch nachdem sie weder Verhandlungen noch öffentliche Proteste weitergebracht hatten, schrieben fünf Arbeitervertreter aus dem chinesischen Werk im August einen Brief nach Wolfsburg. Sie erhofften sich Solidarität vom Weltkonzernbetriebsrat von Volkswagen.

Brief an Betriebsrat in Wolfsburg

In ihrem Brief berufen sich die Arbeiter auf die Charta der Zeitarbeit im VW-Konzern und stellen fest, dass deren Vorgaben verletzt würden. Zudem erhoffen sie sich Unterstützung für Fu Tianbo, einen ihrer Sprecher. Er sitzt wegen des öffentlichen Protests der Arbeiter seit Monaten im Gefängnis. Der Vorwurf: Tianbo habe gegen das Versammlungsrecht verstoßen. Die Antwort aus Wolfsburg auf den Hilferuf fiel allerdings anders aus als erhofft.

Sie könnten die Vorwürfe aus China nicht verifizieren, schreiben Bernd Osterloh und Frank Patta vom VW-Weltkonzernbetriebsrat nach China zurück: "Dennoch möchten wir Ihnen nahelegen, für den Fall einer abweichenden Bewertung der Situation durch Sie - etwa aufgrund anderweitiger Erkenntnisse - Ihr Anliegen über das eigens bei Volkswagen für solche Fälle eingerichtete 'Hinweisgebersystem' vorzubringen bzw. - der chinesischen Gesetzeslage entsprechend - bei den hierfür zuständigen Stellen in China zu artikulieren."

Enttäuscht von den Kollegen aus Wolfsburg

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Die Leiharbeiter im Werk sind vom Betriebsrat enttäuscht.

Die Arbeiter hatten deutlich mehr offene Unterstützung erwartet, sagt Keegan Elmer. Er arbeitet für die nichtstaatliche Organisation China Labour Bulletin, die sich von Hongkong aus für die Rechte der Arbeiter in der Volksrepublik einsetzt: "Die Antwort hätte deutlich stärker ausfallen können, der Betriebsrat hätte aktiver sein müssen. Ich hoffe ja wirklich, dass der Betriebsrat sich über die Situation informiert und eine klarere Position bezieht für die chinesischen Arbeiter."

VW ist in China vom Parteiapparat abhängig

In Wolfsburg allerdings ist man zurückhaltend - und das habe auch seinen Grund, so ein Betriebsratssprecher auf Anfrage von NDR Info. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit, das gelte natürlich grundsätzlich auch für China: "Wir bitten aber um Verständnis dafür, dass wir nicht über alle Bemühungen des Weltkonzernbetriebsrates zu diesem Thema öffentlich berichten können, um aufgebautes Vertrauen nicht zu gefährden." Zudem sei die von den Leiharbeitern vorgebrachte Charta der Zeitarbeit des VW-Konzern im Werk in Changchun nicht verbindlich. Es sei bislang leider nicht gelungen, diese in China durchzusetzen.

Die Volksrepublik sei eben ein Sonderfall, heißt es immer wieder aus dem Konzern. VW habe nur eine Minderheitsbeteiligung am Werk in Changchun. Das Sagen habe der örtliche Parteisekretär. Die chinesische Seite in der Öffentlichkeit zu kritisieren, würde dazu führen, dass bald gar nichts mehr ginge. Ein Dilemma: Die Chinesen handeln; geschädigt werde aber im Zweifelsfall der Ruf von VW.

Leiharbeiter sollen vermehrt angestellt werden

Dabei sei man keinesfalls untätig, betont ein VW-Sprecher in China gegenüber NDR Info. Man habe enge Kontakte zu den betroffenen Arbeitern und setze auf eine "einvernehmliche Lösung." Leiharbeiter würden nun bei VW direkt angestellt. Schon gut 1.500 von über 3.000 von ihnen hätten einen festen Job bekommen. Weitere 500 sollen dazu kommen - und auch für die Rechte derer, die Leiharbeiter blieben, setze man sich ein.

Fu Tianbo wird das wohl nichts mehr nützen. Der Sprecher der Arbeiter wartet derzeit auf seinen Prozess. Dass er doch noch das Hinweisgebersystem von Volkswagen nutzen wird, dessen Internet-Link ihm der Betriebsrat in seiner Antwort genannt hatte, ist wohl nicht zu erwarten.

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NDR Info | Aktuell | 24.11.2017 | 06:00 Uhr

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