Stand: 30.10.2018 17:39 Uhr

Niels Högel: Vom Krankenpfleger zum Serienmörder

Es ist der größte Mordprozess der Nachkriegszeit und er der Angeklagte: Niels Högel. Mehr als 100 Menschen soll er umgebracht haben - aus Langeweile und für den Kick. Blickt man in seine Vergangenheit, so lässt zuerst nichts darauf schließen, dass aus ihm ein Serienmörder werden würde. Wer ist der Mann, der für das Leid so vieler Menschen verantworlich sein soll und wegen anderer Morde bereits zu lebenslanger Haft verurteilt ist.

Der wegen vielfachen Mordes Angeklagte Niels Högel sitzt im Gerichtssaal. © dpa Foto: Julian Stratenschulte

Vom Krankenpfleger zum Mörder: Wer ist Niels Högel?

Hallo Niedersachsen -

Wer ist der Mann, der in zwei Kliniken mehr als 100 Menschen getötet haben soll? Ehemalige Lehrer und Kollegen versuchen zu verstehen, wie Högel zu dem Menschen wurde, der er ist.

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Behütete Kindheit in Wilhelmshaven

Niels Högel kam im Dezember 1976 in Wilhelmshaven zur Welt. Er sei behütet aufgewachsen und habe gerne Fussball gespielt, sagt er am Dienstag während des Prozesses. Im Kindergarten sei er sympathisch und eher unauffällig gewesen, berichtet Jutta Janßen-Rudolph dem NDR Fernsehen. Sie war die Erzieherin von Niels Högel. Sie erinnere sich noch gut an ihn: "Ein Kind, wo man sagen würde, mit Liebe zuhause behütet, sehr gut erzogen, sehr ordentlich, einfach unauffällig." Die Nachricht von Högels Taten habe sie in Schockstarre versetzt.

Niels Högel: Ein unauffälliger Schüler ohne Probleme

Högel besuchte die Grundschule Kirchreihe, später die Realschule im Ort. In der Schule ist Högel nicht besonders ehrgeizig gewesen, dafür sportlich und vor allem sozial, empathisch, und verständnisvoll. Das sagen seine ehemaligen Klassenlehrer dem NDR Fernsehen. "Er nahm Rücksicht auf andere Schüler, wenn es irgendwelche Probleme gab, und von daher war das nie zu vermuten. Ich hättte nie von ihm gedacht, dass er sich so entwickeln würde", sagt Wilfried Sippel, der mittlerweile pensioniert ist. Sein ebenfalls pensionierter Kollege Atto Ide ergänzt, dass man sich natürlich den Kopf zerbreche, ob man damals schon Anzeichen hätte erkennen können. Er ist sich heute sicher: Es gab zu dieser Zeit keine Anzeichen, dass aus Högel ein mehrfacher Mörder werden könnte.

Traumberuf: Feuerwehrmann, Krankenpfleger, Held?

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Bei seinen Kollegen war Niels Högel beliebt. Verdacht haben sie erst spät geschöpft, sagen sie.

Noch in der Grundschule gab Högel im Poesie-Album einer Klassenkameradin an, dass sein Traumberuf Feuerwehrmann ist. Ihm ist es anscheinend damals schon wichtig gewesen, einen Beruf zu ergreifen, in dem er Leben retten kann und dafür bewundert wird, sagt Professor Karl-Heinz Beine dem NDR Fernsehen. Der Psychiater befasst sich mit Krankenhausmördern wie Niels Högel und hat im Jahr 2017 das Buch "Tatort Krankenhaus" veröffentlicht. Bei Högel könne man sagen, dass die Neigung einen Beruf zu ergreifen, in dem viel heroisches mitschwingt, von der Kindheit an geblieben. Doch Niels Högel wird nicht Feuerwehrmann, er wird Krankenpfleger. Seine Vorbilder waren sein Vater und seine Großmutter, beide selbst Krankenpfleger beziehungsweise Krankenschwester.

Herzstillstand: Großer Auftritt in der Intensivstation

Nach seinem Realschulabschluss und seiner Ausbildung zum Krankenpfleger wechselt Högel im Jahr 1999 ans Klinikum Oldenburg. Er arbeitet dort in der Herzchirurgie. Unter seinen Kollegen war er beliebt, erinnert sich Frank Lauxtermann, der damals mit Högel zusammenarbeitete. "Er konnte sich einbringen, hatte Mumm und eine große Klappe. Das passte sehr gut auf die damalige Herzchirurgie." Einmal habe er einem Patienten mit Herzversagen das Leben gerettet, indem er den Assistenzarzt beiseite schob und den sterbenden Patienten wiederbelebte. Dafür sei er vom damaligen Stationsarzt sehr gelobt worden, erzählt Lauxtermann. Högel habe sich danach über die Rettungsaktion definiert.

Die Probleme begannen in Oldenburg

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Hier soll Niels Högel seine Mord-Serie begonnen haben: Das ehemalige Klinikum Oldenburg.

Der Stress und Leistungsdruck auf der Intensivstation seien aber nicht spurlos an ihm vorbeigegangen, sagt Högel am Dienstag im Prozess. Während seiner Zeit im Oldenburger Klinikum habe er damit begonnen, starke Schmerzmittel in größeren Mengen zu konsumieren, die er aus den Vorräten des Krankenhauses entwendet habe. Er sei oft überfordert gewesen, die Medikamente hätten das abdämpfen können. Anmerken lassen wollte er sich den Stress anscheinend nicht: "Er ist jemand, der seine Unsicherheit kaschiert hat, hinter der Fassade von Lockerheit, große Klappe, Schlag bei Frauen", sagt Professor Beine. Eine weitere Belastung sei Högels Privatleben gewesen: Als seine Freundin ihn 1999 verlassen habe, sei das traumatisch für ihn gewesen. Im Jahr darauf soll Högel den ersten Mord begangen haben.

"Rettungs-Rambo" auf der Suche nach Anerkennung

Bei seinen Morden soll Högel immer nach dem selben Prinzip vorgegangen sein: Er verabreichte Patienten eine Medikamentenüberdosis um absichtlich lebensbedrohliche Herzprobleme bis hin zum Kammerflimmern auszulösen. Er benutzte dabei zumeist Gilurytmal, aber auch Kalium, Sotalex, Xylocain und Cordarex. Anschließend reanimierte er seine Opfer, um als Held zu erscheinen. Unter den Kollegen habe Högel wegen seiner vielen Reanimationen bald den Spitznamen "Rettungs-Rambo" bekommen und später als Auszeichnung eine Kette aus Venenkathetern. "Die Tatsache, dass Högel gelobt worden ist, für sein perfektes, technisches Know-How hat letztlich mit dazu beigetragen, dass er am Ende auf der Suche nach diesem Lob, nach dieser Anerkennung, dazu übergegangen ist, selbstgemachte Notfälle herbeizuführen, um diesen Kick, wie er selber sagt, zu bekommen", sagt Professor Beine. Viele der Reanimationen gingen jedoch tödlich aus.

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Endstation Delmenhorst: Festnahme des Krankenpflegers

Seinen Kollegen kommen wegen der vielen Reanimationen schließlich Zweifel, doch sie schweigen meist. Im Jahr 2002 wird er aus Oldenburg nach Delmenhorst weggelobt, wo er weitere Morde begangen haben soll. Er heiratet dort und wird Vater, doch die Ehe scheitert. Er trinkt zu viel Alkohol, nimmt Tabletten und wird schließlich 2005 im Klinikum Delmenhorst auf frischer Tat ertappt. Er wird daraufhin entlassen und kurz darauf festgenommen. In einem ersten Prozess 2008 wird er dafür verurteilt, ein zweites Verfahren wegen fünf weiterer Fälle folgt 2014 bis 2015. Dabei gesteht er überraschend weitere Morde und wird schließlich zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Seit 2018 steht er wegen 100-fachen Mordes als der mutmaßlich schlimmste Serienmörder der Bundesrepublik vor Gericht.

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Hallo Niedersachsen | 30.10.2018 | 18:00 Uhr

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