Stand: 24.05.2019 14:35 Uhr

Kommunalwahlen 2019: Wenige Frauen kandidieren

von Alexander Nortrup

Es ist eine Zahl, die ratlos macht: 35 Frauen sind angetreten, um am 26. Mai Bürgermeisterin oder Landrätin in einer niedersächsischen Kommune zu werden. Ihnen gegenüber stehen 184 männliche Kandidaten. In Wilhelmshaven etwa haben sich am 12. Mai in der ersten Runde der Oberbürgermeisterwahlen 15 Personen beworben, darunter drei Frauen. 80 zu 20 Prozent, im ganzen Land gar 84 zu 16 Prozent: Das Missverhältnis ist enorm und wirft die Frage auf, warum so wenige Frauen sich für diese exponierten Ämter bewerben.

Wahlforscherin: Männer nutzen Netzwerke besser

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Politologin Helga Lukoschat sagt: Familie, Beruf und ehrenamtliche Kommunalpolitik sind für Frauen schwieriger zu vereinbaren.

Dem Kommunalwahlsystem zufolge steht die Kandidatur für kommunale Hauptverwaltungsbeamte prinzipiell jedem Menschen offen, der am Wahltag mindestens 23 Jahre alt, nicht älter als 67 Jahre ist und sich nichts hat zuschulden kommen lassen. Die Anzahl der Unterstützungsunterschriften ist abhängig von der Größe der Gemeinde. Kandidaten einer Partei, die in Parlamenten vertreten ist, benötigen keine Unterschriften. Wollen Frauen bei Direktwahlen also nicht kandidieren? Ganz so einfach sei es nicht, sagt Politologin Helga Lukoschat, die der Europäischen Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft (EAF) in Berlin vorsteht: "Bei Wahlen zu Ämtern wie dem Bürgermeister gibt es viele Netzwerke, die Männer besser für sich nutzen. Da sind Frauen oft strukturell und indirekt benachteiligt."

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Niedersachsens Landtags-Präsidentin Gabriele Andretta fordert "neue Spielregeln" im Umgang mit Frauen in der Politik.
Andretta: Kommunalpolitik für Frauen unattraktiv

Aus Sicht von Niedersachsens Landtags-Präsidentin Gabriele Andretta (SPD) sitzen zu wenig Frauen in den Parlamenten. "Gerade auf kommunaler Ebene ist es für Frauen besonders schwierig, sich politisch zu engagieren", sagte Andretta dem NDR Regionalmagazin "Hallo Niedersachsen". Problematisch seien familienunfreundliche Sitzungstermine, fehlende Kinderbetreuungsmöglichkeiten und fehlende Elternzeit bei Mandatsträgern. "Bisher haben wir zahlreiche Frauen-Fördermaßnahmen auf den Weg gebracht, um Frauen den Weg in die Kommunalparlamente zu ebnen. Jetzt sollten wir die Spielregeln ändern", sagte Andretta. Dass Frauen künftig zu gleichen Teilen in den Parlamenten vertreten sind, sei ein Ziel "für das es sich lohnt zu kämpfen".

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Zeit für ungewöhnliche Schritte

Lukoschat weist darauf hin, dass auf Landes- und Bundesebene aktuell diskutiert werde, Wahlkreise zu halbieren und dann einen Mann und eine Frau wählen zu lassen: "Das wäre für das Amt eines Bürgermeisters ein geradezu revolutionärer Vorschlag", sagt sie im Gespräch mit NDR.de. "Aber wenn man weiß, dass Frauen bislang benachteiligt sind, muss man als Partei vielleicht auch ungewöhnliche Schritte in Erwägung ziehen."

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Parteien setzen zu selten auf Frauen

Parteien hätten das Aufbauen von Frauen als Kandidatinnen zu selten im Sinn, sagt Lukoschat. Männer lösten zudem viel häufiger Amtsvorgänger aus der eigenen Partei ab. "Bei derart eingeschliffenen Strukturen muss man an verschiedenen Stellen ansetzen: bei der Zeitplanung für Sitzungen, die oftmals nicht mit dem Familienleben kompatibel sind. Und auch bei Quoten für Kandidaten." Im Spagat zwischen Familie, Beruf und parteipolitischem Engagement bräuchten Frauen enorme Unterstützung durch den Partner und das familiäre Umfeld.

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Bianca Wöhlke, parteilose Kandidatin für das Bürgermeisteramt in der Samtgemeinde Heemsen, hält die Männer-Domäne in Räten für unproblematisch.
Ist Kommunalpolitik familienunfreundlich?

Bianca Wöhlke tritt als parteilose Kandidatin in der Samtgemeinde Heemsen (Landkreis Nienburg) an. Wöhlke ist bereits hauptberuflich in der Verwaltung tätig, seit 2012 als allgemeine Vertreterin des Samtgemeindebürgermeisters, der nicht erneut kandidiert. Lange Sitzungen und viele Abendveranstaltungen schrecken die Kandidatin nicht, sagt sie im Gespräch mit NDR.de: "Ich bin kinderlos, das macht mir nicht so viel aus." Auch die Tatsache, dass viele Gremien von Männern dominiert würden, kümmert Wöhlke kaum: "Ich arbeite seit vielen Jahren in den Räten, kenne die Herren und die wenigen Frauen. Aber wer von außen reinkommt, den mag das abschrecken."

Frauen besonders unter Beobachtung?

Forscherin Lukoschat weist auf einen weiteren Aspekt hin: Weibliche Kandidatinnen stünden auch optisch besonders unter Beobachtung: Ist der Rock zu kurz? Ist die Politikerin zu dick oder zu dünn? "Das alles spielt bei Kandidatinnen eine viel größere Rolle", sagt Lukoschat. "Und das tun sich nicht alle Frauen an." Kandidatin Wöhlke kann das nicht bestätigen - sie habe im Wahlkampf keine solchen Kommentare gehört, stattdessen viel Lob und Anerkennung: "Einige haben mir gesagt: Es wird Zeit, dass mal eine Frau das Amt übernimmt. Das hat mich natürlich gefreut."

"Chance nutzen, vor Ort mit Menschen in Kontakt zu treten"

Bürgermeister gestalten nicht nur Politik, sie sind immer auch Teil von lokaler Folklore: bei der Eröffnung von Schützenfesten, bei Jubiläen und anderen Anlässen. Sind Frauen an diesen repräsentativen Anteilen des Amts vielleicht weniger interessiert? "Mir ist es auch eher wichtig, an Sachthemen zu arbeiten und nicht unbedingt, an vorderster Front zu stehen", sagt Kandidatin Wöhlke. "Andererseits muss man jede Chance nutzen, vor Ort mit Menschen in Kontakt zu treten. Und dazu gehören dann Schützenfeste genauso wie Sitzungen." Dass gewählte Bürgermeisterinnen ihren Beruf sehr schätzen, hat auch Forscherin Lukoschat konstatiert: "Unsere Untersuchungen zeigen, dass viele Frauen geradezu für das Amt brennen."


22.05.2019 11:57 Uhr

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version haben wir geschrieben, dass das Mindestwahlalter 40 Jahre beträgt. Das ist falsch. Gewählt werden können Bürger, die am Wahltag mindestens 23 Jahre alt sind. Wir haben den Fehler korrigiert.

 

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Dieses Thema im Programm:

Niedersachsen 18.00 | 21.05.2019 | 18:00 Uhr

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