Gaskrise: Kohlekraftwerk Mehrum ist wieder am Netz

Stand: 04.08.2022 11:31 Uhr

Als Ersatz für Strom aus Erdgas ist das bundesweit erste Steinkohlekraftwerk aus der Reserve wieder ans Netz gegangen: das Kraftwerk Mehrum in Hohenhameln (Landkreis Peine).

Der Geschäftsführer des Kraftwerks, Armin Fieber, sagte dem NDR in Niedersachsen, die Anlage laufe seit 6 Uhr am Montag zuverlässig. Sie sei am Sonntag vorgewärmt und langsam hochgefahren worden sowie ans Netz von Tennet angeschlossen worden. "Die Anlage hat die lange Pause gut überstanden", sagte Fieber am Montag. Die Situation sei vergleichbar mit "einem Auto, das acht Monate in der Garage stand, da weiß man auch nicht, ob es sofort wieder anspringt". Mehrum ist nach Angaben der Bundesnetzagentur bislang die einzige "Marktrückkehr" eines Kraftwerks. Das Kraftwerk gehört dem tschechischen Energiekonzern EPH. Genehmigt ist der Betrieb bis Ende April des nächsten Jahres.

Lies: Brauchen Kraftwerk, um Versorgungssicherheit zu gewährleisten

Niedersachsens Energieminister Olaf Lies (SPD) hat das Wiederanfahren des Steinkohlekraftwerks in Mehrum zwar befürwortet, gleichzeitig aber als "doppelt schmerzhaft" bezeichnet. Er sei einerseits dankbar für die Sicherstellung der Stromversorgung, sagte Lies am Montag dem NDR. Aber: "Ich war selbst in der Kohlekommission, wir haben hart dafür gerungen, natürlich schrittweise aus der fossilen Stromversorgung auszusteigen, aber ich glaube, jetzt hilft nur die Vernunft." Man brauche schnelle Lösungen, um vorübergehend die Gaskraftwerke aus dem Markt nehmen zu können. Daher sei die Entscheidung in der Abwägung richtig. Langfristig müsse man aber weg von fossilen Energieträgern.

FDP will lieber Atomkraftwerke bis 2024 laufen lassen

Seit Mitte Juli dürfen Steinkohlekraftwerke aus der Netzreserve wieder in Betrieb gehen, damit in Deutschland Erdgas eingespart werden kann. Im Juni lag der Erdgas-Anteil an der Stromerzeugung laut Bundesnetzagentur bei 11,2 Prozent. Um die Stromerzeugung aus Gas entwickelte sich am Wochenende eine Kontroverse innerhalb der Bundesregierung. Finanzminister Christian Lindner (FDP) forderte, diese zu stoppen. "Wir müssen daran arbeiten, dass zur Gaskrise nicht eine Stromkrise kommt", sagte er der "Bild am Sonntag". "Deshalb darf mit Gas nicht länger Strom produziert werden, wie das immer noch passiert." Es spreche vieles dafür, die restlichen Kernkraftwerke nicht abzuschalten, "sondern nötigenfalls bis 2024 zu nutzen".

Habeck: Gas ist nicht komplett ersetzbar in unserem Stromsystem

Ein Sprecher von Bundesenergieminister Robert Habeck (Grüne) wies darauf hin, dass ein völliger Verzicht auf Gas im Stromsektor zu einer Stromkrise und zu Blackouts führen würde. "Es gibt systemrelevante Gaskraftwerke, die mit Gas versorgt werden müssen. Bekommen sie kein Gas, kommt es zu schweren Störungen. Das ist leider die Realität des Stromsystems, die man kennen muss, um die Versorgungssicherheit herzustellen." Da, wo Gas aber in der Stromerzeugung ersetzt werden könne, solle es ersetzt werden - und daran werde längst mit Hochdruck gearbeitet, sagte der Sprecher.

Anlage gilt als reparatur- und störanfällig

Das Kraftwerk Mehrum ist mehr als 40 Jahre alt. Die Technik gilt eigentlich als komplett veraltet. Zudem ist die Anlage sehr reparatur- und störanfällig, wie der NDR in Niedersachsen berichtet. Eigentlich sollte das Kraftwerk im September komplett stillgelegt werden. Im Dezember 2021 war es vom Netz gegangen und befand sich seitdem in einer Art Stand-by-Betrieb. Nach dem Wiederanfahren arbeiten rund 120 Menschen in dem Kraftwerk. Das ist mindestens wieder so viel Personal wie im früheren Normalbetrieb, hieß es.

Mehrum produzierte Strom für umgerechnet 500.000 Haushalte

Eine Planierraupe fährt über Steinkohle im Kohlehafen neben dem Kohlekraftwerk Mehrum im Landkreis Peine. © picture alliance/dpa Foto: Julian Stratenschulte
Steinkohle gibt es genug am Weltmarkt. Der Betrieb von Kraftwerken wie in Mehrum lohnt sich deshalb aus finanzieller Sicht. (Archivbild)

Das Kraftwerk hat eine Nettoleistung von 690 Megawatt. 2018 erzeugte es so viel Strom, dass damit theoretisch mehr als eine halbe Million Haushalte mit Strom versorgt werden konnten. Täglich werden 6.000 Tonnen Steinkohle benötigt. Importiert wird diese aus Australien, Indonesien und Südafrika - und nicht mehr, wie in früheren Jahren, aus Russland.

Kohle in aktueller Lage für Kraftwerksbetreiber wirtschaftlich interessant

Die Verordnung der Bundesregierung erlaubt den Stromverkauf aus Reservekraftwerken, die mit Steinkohle oder Öl befeuert werden, bis Ende April 2023. Das Wiederanfahren für mehrere Monate ist für Kraftwerksbetreiber wirtschaftlich interessant, weil die Strom-Großhandelspreise derzeit hoch sind. Gleichzeitig ist ausreichend Steinkohle auf dem Weltmarkt vorhanden. Mit der Maßnahme soll Erdgas aus dem Strommarkt verdrängt werden.

Auch im Saarland und in NRW sollen Kohlekraftwerke ans Netz

Wieder mehr Strom verkaufen will auch der Essener Energiekonzern Steag. Man habe die "feste Absicht", mit 2.300 Megawatt Erzeugungsleistung in den Markt zurückzukehren, sagte Unternehmenssprecher Markus Hennes. Darin enthalten sind zwei Blöcke im Saarland, die bereits in der Reserve sind, und zwei weitere Blöcke im Saarland und in Nordrhein-Westfalen, die Ende Oktober eigentlich stillgelegt werden sollten. Hürden sieht die Steag noch bei der finanziellen Absicherung der großen Kohlevorräte, die laut Ersatzkraftwerkebereithaltungsgesetz (EKBG) vorliegen müssen, und bei der Transportlogistik. So seien die Kapazitäten auf Schiff und Schiene derzeit begrenzt. Auch das Düsseldorfer Energieunternehmen Uniper prüft die Rückkehr seiner Reserveanlagen mit einer Leistung von insgesamt mehr als 2.000 Megawatt in den Markt. Noch sei aber keine Entscheidung gefallen, sagte Sprecher Oliver Roeder.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 02.08.2022 | 08:00 Uhr

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