Stand: 15.07.2019 21:30 Uhr

Extreme Personalnot: Kliniken schließen Stationen

von Christina Harland und Amelia Wischnewski

Der Personalnotstand in der Pflege hat auch in Niedersachsen eine neue Dimension erreicht. Nach Recherchen des NDR Regionalmagazins Hallo Niedersachsen liegt die Zahl der Bewerbungen examinierter Fachkräfte in der Gesundheits- und Krankenpflege in diesem Jahr auf einem dramatischen Tiefstand. Wie die Bundesagentur für Arbeit mitteilte, standen in Niedersachsen im Juni 2019 den insgesamt 965 gemeldeten offenen Stellen nur 315 Bewerber gegenüber.

"Wir bräuchten zehnmal so viele"

"Wir bräuchten tatsächlich zehnmal so viele Bewerber wie aktuell vorhanden sind", sagte Sonja Kazma von der Regionaldirektion Niedersachsen-Bremen der Agentur für Arbeit. Es sei derzeit fast Glückssache, wenn Bewerber und Stelle hinsichtlich der Vorstellungen von Einsatzort, Profil, Arbeitszeit, Bezahlung und persönlicher Eignung zueinander passten. "In der Arbeitsvermittlung gehen wir erfahrungsgemäß davon aus, dass man rechnerisch mindestens drei Bewerber oder Bewerberinnen pro Stelle braucht, um diese passend besetzen zu können. Demnach müssten es hier gut 3.000 Bewerber sein, es sind aber nur 315", so Kazma zu Hallo Niedersachsen.

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Niedrigste Bewerberzahl seit mindestens zehn Jahren

Damit bewegt sich die Zahl der Bewerber im ersten Halbjahr 2019 auf dem niedrigsten Stand seit mehr als zehn Jahren - mindestens. Die Erhebungen der Arbeitsvermittler reichen nur bis 2007 zurück. Damals kamen auf nur 417 offene Stellen immerhin noch 975 Bewerber. Das Verhältnis von Stellen und Bewerbern hat sich damit grundlegend verändert.

Es wird der Blutdruck einer Frau gemessen.

Dramatischer Mangel an Pflegefachkräften

Hallo Niedersachsen -

Der Mangel an Pflegefachkräften hat einen dramatischen Tiefstand erreicht: Jedes dritte Krankenhaus in Niedersachsen muss Betten sperren und Stationen schließen.

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Krankenhäuser schließen Stationen

Dieser Mangel an examinierten Fachkräften hat dramatische Folgen. Viele Krankenhäuser können einzelne Betten nicht mehr belegen oder schließen sogar ganze Stationen. Davon ist inzwischen jedes dritte Krankenhaus in Niedersachsen betroffen. Das ergab eine aktuelle repräsentative Umfrage der Niedersächsischen Krankenhausgesellschaft. Danach mussten im ersten Quartal dieses Jahres 34 Prozent der Kliniken Betten auf Intensivstationen sperren und Patienten abweisen.

Patienten müssen sich auf weite Wege einrichten

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Werden Stationen geschlossen, müssen Patienten in ein weiter entferntes Krankenhaus fahren.

Für die Bereiche Geriatrie, Kardiologie und Unfallchirurgie meldeten etwa zehn Prozent der Häuser Bettensperrungen und Stationsschließungen, erfuhr Hallo Niedersachsen auf Anfrage. "Die Kliniken kommen deutlich an ihre Grenzen. Und für die Patientinnen und Patienten bedeutet das, dass sie mit weiteren Wegen rechnen müssen", sagte Marten Bielefeld, stellvertretender Geschäftsführer der Niedersächsischen Krankenhausgesellschaft.

Kritik an starren gesetzlichen Vorgaben

Seit Januar gelten bundesweit gesetzliche Vorgaben für die Anzahl an Fachkräften in der Geriatrie, auf Intensivstationen und in der Unfallchirurgie. Die Krankenhäuser finden aber nicht genug Personal, um die Untergrenzen einzuhalten. Diese sollen im Sinne des Patienten für mehr Sicherheit und Qualität auf den Stationen sorgen. Aus Sicht der Niedersächsischen Krankenhausgesellschaft sind die Grenzen zu starr. Marten Bielefeld kritisiert: "Der Preis, den Kliniken und Patienten für die Untergrenzen zahlen, ist hoch."

Der Klinikverbund der Region Hannover (KRH) warnt in seiner Jahresbilanz für 2018 vor einer fatalen Kettenreaktion: Kliniken müssten Betten sperren, hätten damit weniger Behandlungsfälle und weniger Erlöse. Zugleich seien sie aber gehalten, die gesetzlich vorgegebenen Strukturen aufrechtzuerhalten. Das führe unweigerlich ins finanzielle Defizit.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 15.07.2019 | 19:30 Uhr

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