Stand: 27.03.2020 19:22 Uhr

Eine Woche Isolation - wie geht es weiter?

Eine leere Autobahn während der Corona-Krise. © Ulf Timm Foto: Ulf Timm
Das Leben steht in Niedersachsen und ganz Deutschland still. Wie lange noch? Ministerpräsident Stephan Weil sagt, nach Ostern werde entschieden, wann die Maßnahmen zurückgefahren werden. (Themenbild)

Niedersachsen steht wegen der Coronavirus-Pandemie still - und das seit rund einer Woche. Die gute Nachricht ist: Nun liegen nur noch drei Wochen vor den Bürgerinnen und Bürgern, in denen die Allgemeinverfügung der Landesregierung mit Kontaktbeschränkungen und zeitweisen Unternehmensschließungen gilt. Und schon kommen erste Diskussionen um eine Lockerung der Maßnahmen auf. Doch macht es Sinn, die Vorgaben so früh zurückzunehmen? Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil sagt: nein. Er mahnt in der Debatte Besonnenheit an. Diese Diskussion komme "zu früh", sagte der SPD-Politiker am Freitag im ZDF-"Morgenmagazin".

Weil stellt Niedersachsen Lockerung erst nach Ostern in Aussicht

"Wir können gar nicht über Lockerungen reden, wenn wir nicht einen wesentlichen Rückgang bei den Infektionsfällen feststellen." Klar sei aber, dass man das gesellschaftliche Leben nicht auf Dauer "tiefkühlen" könne. Nach den Osterferien würden Bund und Länder über die aktuell geltenden Maßnahmen beraten, sagte Weil. Selbst wenn dann erste Lockerungen beschlossen würden, dürfe man sich nicht vorstellen, dass das Virus "besiegt" wäre. Man sei noch dabei, das Gesundheitswesen auf die bevorstehenden "riesengroßen Herausforderungen" einzustellen. Es werde allenfalls stufenweise Lockerungen der aktuellen Lebenseinschränkungen geben, betonte Weil.

Pistorius verspricht schrittweise Aufhebung der Beschränkung

Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) steht im Landtag und telefoniert mit ernster Miene. © dpa - Bildfunk Foto: Peter Steffen
Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius will die Beschränkungen zügig schrittweise lockern.

Weils Innenminister und Parteifreund Boris Pistorius (SPD) sagte dagegen, er wolle die Beschränkungen wegen der Corona-Krise nur so lange aufrechterhalten, wie es unbedingt nötig ist. "Ich verspreche: Sobald es irgendwie geht, werden wir die Beschränkungen wieder schrittweise aufheben", sagte er der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Die Menschen hielten sich an die Auflagen und seien insbesondere in den vergangenen Tagen sehr vernünftig damit umgegangen. Die Polizei schreite äußerst selten ein.

Weitere Informationen
Eine Person hält eine mit Gemüse gefüllte Holzkiste mit einem Herz und dem Schriftzug "Niedersachsen halten zusammen". © Colourbox

Solidarität in Corona-Zeiten: Niedersachsen halten zusammen

Gemeinsam überstehen wir die Coronakrise. Ärztinnen- und Pflegekräfte, Supermarkt-Kassierer, hilfsbereite Nachbarn - sie alle und viele mehr helfen mit. Hier sagen wir gemeinsam Danke! mehr

Experten warnen vor Folgeerkrankungen durch Isolation

Gesellschafts-Experten wie Walter Krämer, Professor für Wirtschafts- und Sozialstatistik an der TU Dortmund, warnen davor, das Kontaktverbot zur Eindämmung der Corona-Pandemie zu lange aufrechtzuerhalten. Sie befürchten gefährlich Folgeerkrankungen. «Die Leute werden Fett ansetzen, es wird Diabetes zunehmen, es wird häusliche Gewalt zunehmen, und es werden Selbstmorde zunehmen», sagte Krämer der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Wenn die Einschränkungen zu lange andauerten, drohten ernsthafte Probleme für die Gesundheit der Bundesbürger. "Zwei, drei Wochen ohne Sport und mit zu viel Essen und in sozialer Isolation sind kein Problem", sagte der Statistiker. "Aber wenn wir diesen Zustand deutlich länger durchhalten müssten, wäre der Nutzen geringer als die Kosten."

Weitere Informationen
In Bewegungsunschärfe aufgenomme Szene in der Menschen eine Straße überqueren. © picture alliance Foto: Hauke-Christian Dittrich

Corona: Niedersachsen will schrittweise Lockerungen

Es wird auf Impfungen und Tests gesetzt. Der Lockdown gilt aber vorerst weiter. Die Schulen setzen wieder auf Präsenz. mehr

Häusliche Gewalt: Ethikprofessorin Buyx befürchtet "schwere Kollateralfolgen"

Welche sozialpsychischen Folgen eine komplette Ausgangssperre haben kann, habe sich etwa in China gezeigt, erklärt Alena Buyx. Sie ist Professorin für Ethik der Medizin und Gesundheitstechnologien an der Technischen Universität München. Dort sei die Zahl der psychischen Erkrankungen angestiegen, außerdem habe die häusliche Gewalt vor allem gegen Frauen und Kinder massiv zugenommen. "Das sind schwere Kollateralfolgen, und deswegen müssen wir diese Einschränkungen mit Augenmaß einsetzen. Wir müssen immer wieder fragen, welche Maßnahmen können wir wann und wie kontrolliert zurücknehmen."

Videos
Wirtschaftsminister Bernd Althusmann im Studiogespräch.
3 Min

Corona-Soforthilfe: NBank-Server lahmgelegt

Bei vielen Unternehmen spitzt sich die Lage zu und ausgerechnet jetzt wurde der Server der NBank lahmgelegt. Die Bank ist zuständig für Wirtschaftsförderung. Bernd Althusmann im Interview. 3 Min

Wirtschaftliche Existenzangst kann krank machen

Hajo Zeeb, Epidemologe an der Universität Bremen, nennt die Maßnahmen eine "riesige Bevölkerungsintervention". Man habe eine Fülle an Maßnahmen durchgesetzt, nun müssten neben dem Lerneffekt für das Gesundheitswesen auch die sozialpolitischen Auswirkungen genau betrachtet werden. Die Krise treffe Menschen in unterschiedlichen Graden - und besonders stark jene, die bereits vorher in prekären Lagen steckten. "Man muss ihnen die wirtschaftliche Angst nehmen, das hat einen ganz massiven Einfluss auf die Gesundheit", so Zeeb. "Bei Beschäftigten im Niedriglohnsektor, bei Selbstständigen und Unternehmern kann sich die Lage schnell zuspitzen", sagt auch Klaus Hurrelmann, Professor für Public Health and Education an der Hertie School, "weil ein reales Risiko für einen wirtschaftlichen Absturz und materielle Not entsteht". Depression, Angst, Schlafstörungen, innere Unruhe und Panikattacken könnten die Folge sein.

 

Weitere Informationen
Laborproben in Reagenzgläsern werden in einem Ständer gehalten. © dpa Foto:  Sven Hoppe

Corona: Alle wichtigen Zahlen aus Niedersachsen

Wie viele bestätigte Coronavirus-Infektionen gibt es in Niedersachsen? Wie viele sind gestorben? Wie entwickelt sich die Zahl der Neuinfektionen? Hier finden Sie wichtige Zahlen. mehr

Kultusminister Grant Hendrik Tonne  spricht bei einer Pressekonferenz. © NDR Foto: NDR

Land verschiebt Abitur-Prüfungen um drei Wochen

Niedersachsen verschiebt die Abitur-Prüfungen laut Kultusminister Tonne um drei Wochen nach hinten. Sollte der Zeitplan nicht eingehalten werden können, fallen die Prüfungen aus. mehr

Mit Straßenmalkreide hat eine Person "#socialdistancing erhöht die Gefahr von häuslicher Gewalt" auf den Boden geschrieben. © dpa - Bildfunk Foto: Julian Stratenschulte

Lüchow: Landkreis warnt vor häuslicher Gewalt

Der Landkreis Lüchow-Dannenberg warnt vor häuslicher Gewalt in Zeiten von Corona. Kinder seien besonders gefährdet, wenn Familien überlastet sind. Zeugen sollen Vorfälle melden. mehr

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) spricht in der Landespressekonferenz. © NDR

Weil zu Corona: Land in "tiefgekühltem Zustand"

Ministerpräsident Weil hat sich am Montag im Rahmen des Krisenstabes erneut zum Coronavirus geäußert. Die sozialen Kontakte sollen bis zum 18. April stark eingeschränkt bleiben. mehr

Innenminister Boris Pistorius (SPD) spricht bei einer Pressekonferenz. © NDR
1 Min

Pistorius: "Das ist kein Spiel, das ist bitterer Ernst"

Innenminister Boris Pistorius (SPD) lässt keinen Zweifel daran: Die Menschen in Niedersachsen müssen auf Abstand gehen. Sonst führt an einer Ausgangssperre kein Weg vorbei. 1 Min

Eine Person mit Rollator in dem Wartebereich einer Impfstraße. © dpa-Bildfunk Foto: Ole Spata

Corona-News-Ticker: Viele über 80-Jährige noch ohne Impfung

Während in Hamburg 40 Prozent der Älteren zumindest eine Impfung bekommen haben, sind es in MV erst 27,3 Prozent. Mehr Corona-News im Live-Ticker. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 27.03.2020 | 16:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus Niedersachsen

Bernd Althusmann (CDU) spricht im Niedersächsischen Landtag. © dpa-Bildfunk Foto: Julian Stratenschulte

Althusmann: Land Niedersachsen will mehr Tempo beim Impfen

Das hat der Weil-Stellvertreter in einer Regierungserklärung im Landtag angekündigt. NDR.de überträgt live. mehr