Stand: 22.05.2020 14:30 Uhr  - NDR 1 Niedersachsen

Das "Schweine-System" mit dem billigen Fleisch

Die vier großen Fleischverarbeiter haben zusammen einen Marktanteil von 64 Prozent. (Themenbild)

Seit Jahren schon kritisieren Gewerkschafter und Arbeitsrechtler die prekären Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie. Doch durch die Corona-Pandemie und die vielen Infizierten in den den Großbetrieben sind die Bedingungen, unter denen die überwiegend osteuropäischen Beschäftigten arbeiten und wohnen, wieder verstärkt ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit gerückt. Rund 100.000 Menschen arbeiten in Deutschland in der Fleischindustrie - der Großteil von ihnen bei Tönnies, Westfleisch, Vion und Danish Crown. Zwei Drittel (64 Prozent) macht der Anteil dieser vier größten Betriebe am deutschen Fleischmarkt aus, wie Josef Efken vom Thünen-Institut für Marktanalyse in Braunschweig der Nachrichtenagentur epd sagte.

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Kleine Metzgereien finden keine Nachfolger

Marktführer mit einem Anteil von 30 Prozent ist Tönnies. Lediglich ein Drittel der Fleisch- und Wurstwaren stammt laut Efken von mittelständischen Unternehmen und kleinen Metzgereien mit nur wenigen Angestellten. Viele Kleinstunternehmer hätten aufgegeben, weil sie keinen Nachfolger gefunden hätten, so Efken. Rund 1.000 handwerklich arbeitende Metzger gebe es derzeit noch in Deutschland.

Schlachtung und Verarbeitung am Fließband

Anders als bei den Kleinstunternehmen, die pro Woche zumeist weniger als zehn Schweine schlachten, läuft beim Branchen-Riesen Tönnies die Schlachtung und Verarbeitung am Fließband. Laut Achim Spiller, Fleischmarkt-Experte an der Universität Göttingen, hat Tönnies das Modell der industriellen Schlachtung und Verarbeitung aus einer Hand entwickelt und perfektioniert. "Da geht vorne das lebendige Schwein rein, und hinten kommt die fertig verpackte Wurst raus", so Spiller. Das Unternehmen mit Hauptsitz im ostwestfälischen Rheda-Wiedenbrück sei mit Discountern wie Aldi und Lidl groß geworden, die es inzwischen international beliefere.

Ausgaben für Löhne: 10 Prozent

Tönnies und die übrigen großen Unternehmen der Branche können ihre Fleisch- und Wurstwaren deshalb so günstig vermarkten, weil sie über Subunternehmer Arbeiter aus Billiglohnländern beschäftigen. Laut Efken macht der Anteil der Löhne lediglich zehn Prozent an den Ausgaben aus, der Einkauf der Tiere hingegen 70 Prozent. Auf allen Seiten werde um jeden Cent gerungen, sagte Efken. Die Gewinnmargen seien niedrig.

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Subunternehmer können Arbeiter unter Druck setzen

Den Arbeitern gegenüber fühlen sich die großen Unternehmen nicht verpflichtet. Denn sie gehen Ketten-Werkverträge mit mehreren Subunternehmern ein, die wiederum Rumänen, Bulgaren oder Polen als Solo-Selbstständige verpflichten. Bei Löhnen und Arbeitszeiten können die Subunternehmer Druck machen und für teils überfüllte und heruntergekommenen Unterkünften einen guten Teil des Arbeitslohns fordern. Bei Tönnies und Vion etwa sind nach Angaben der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) vier von fünf Beschäftigten Werkvertragsarbeiter. Einen bundesweit geltenden Tarifvertrag gibt es nicht, lediglich einzelne Haustarifverträge.

Goldschmaus Gruppe stellt Arbeiter direkt an

Anders handhabt es die Goldschmaus Gruppe mit Sitz in Oldenburg und Garrel bei Cloppenburg. Ihr Marktanteil liegt bei 3,2 Prozent - womit die Erzeugergemeinschaft, die eng mit den Bauern der Umgebung zusammenarbeitet, auf Rang sechs der Fleischverarbeiter steht. 2017 machte die Gruppe allen damals 600 Werkvertragsarbeitern das Angebot, sie zu übernehmen, was ein Großteil auch annahm. Auch wenn die Goldschmaus Gruppe in der Vergangenheit wegen der Bedingungen auf einem Schlachthof heftig in die Kritik geraten ist, sind heute immerhin alle 1.500 Beschäftigten direkt bei der Gruppe direkt angestellt.

Mehr Geld für Regionalität und Transparenz

Während die Branchenriesen ihr Fleisch zu Niedrigpreisen auf den Markt bringen, verkauft die Goldschmaus Gruppe ihre Produkte zu marktüblichen Preisen an Discounter und andere Einzelhändler. Die Erzeugergemeinschaft setzt darauf, dass Kunden Regionalität und Transparenz honorieren und dafür auch mehr Geld ausgeben. Laut Fleischmarkt-Experte Spiller könnte genau dieses veränderte Kundenverhalten für die übrige Branche zum Problem werden: Viele Kunden legten heute Wert auf menschenwürdige Arbeitsbedingungen, Klimaschutz, Qualität und Tierwohl. Und Werkverträge sind nach einem Beschluss der Bundesregierung ab 2021 verboten.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 22.05.2020 | 12:00 Uhr

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