Stephan Weil (SPD), Ministerpräsident von Niedersachsen, spricht während eines Interviews. © picture alliance/dpa Foto:  Moritz Frankenberg

Auch Weil und Marburger Bund gegen baldigen "Freedom Day"

Stand: 20.09.2021 18:14 Uhr

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil hat sich gegen die Aufhebung der Corona-Beschränkungen Ende Oktober ausgesprochen. Auch Fachkollegen wenden sich gegen Verbandschef Andreas Gassen.

Gassen hatte als Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) einen "Freedom Day" am 31. Oktober gefordert, an dem die Corona-Beschränkungen aufgehoben werden sollten. Ministerpräsident Weil (SPD) konterte nun, dass es nur einen Ausweg aus der Corona-Lage gebe: "Keinen 'Freedom Day', sondern eine höhere Impfquote", sagte er der Rheinischen Post (Montag). "Wir wissen, dass die Infektionszahlen in der kalten Jahreszeit wieder steigen werden. Wir wissen, dass die Patienten in den Intensivstationen jünger werden und deswegen länger dort bleiben müssen", erklärte Weil. "Unter diesen Umständen brauchen wir auch in den nächsten Monaten einen wirksamen Infektionsschutz."

Behrens: Im Frühjahr 2022 zurück zur Normalität

Niedersachsens Gesundheitsministerin Daniela Behrens (SPD) hatte zuvor bereits den Vorschlag Gassens leichtsinnig genannt. "Wir müssen leider davon ausgehen, dass die Infektionszahlen in der kalten Jahreszeit, in der wir uns alle wieder vornehmlich drinnen aufhalten, wieder deutlich ansteigen werden", sagte Behrens der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (NOZ). "Wir können heute noch nicht verlässlich vorhersagen, was das dann für die Belastung unseres Gesundheitssystems, insbesondere für unsere Krankenhäuser und deren Beschäftigte, bedeutet", warnte die SPD-Politikerin. Sie gehe davon aus, "dass wir spätestens im Frühjahr 2022 zur Normalität zurückkehren können". Allerdings sei es dafür unabdingbar, dass die Schutzimpfungen genug schwere Krankheitsverläufe und damit eine Überlastung des Gesundheitssystems verhinderten.

KBV-Chef Gassen fordert "Freedom Day"

Andreas Gassen | Bild: Lopata/axentis.de © Lopata/axentis.de
Andreas Gassen ist für eine Aufhebung der Corona-Beschränkungen in wenigen Wochen. (Archivbild)

Die Debatte angestoßen hatte der KBV-Chef Gassen mit einem Interview in der NOZ, in dem er die Politik aufforderte, sich Großbritannien zum Vorbild zu nehmen. Dort waren am 19. Juli die meisten Corona-Beschränkungen aufgehoben und ein "Freedom Day" gefeiert worden. Nötig sei eine klare Ansage der Politik mit dem Tenor "in sechs Wochen ist auch bei uns 'Freedom Day'", sagte er der Zeitung. Am 30. Oktober sollten alle Beschränkungen aufgehoben werden, forderte Gassen. Er würde darauf wetten, dass sich durch die Ankündigung eines solchen Tages bis dahin mindestens 70 Prozent der Menschen impfen lassen würden.

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Gassen: "Kein Gesundheitsnotstand abzusehen"

Gassen verwies auf die Erfahrung, die man durch das Vorgehen in Großbritannien erhalten habe. "Dort ist das Gesundheitssystem nicht kollabiert. Das muss Mut machen, zumal das deutsche Gesundheitssystem deutlich leistungsfähiger als das britische ist und deutlich mehr Schwerkranke, die wir hoffentlich auch nicht haben werden, behandeln könnte", sagte der KBV-Chef. "Ohne die Ankündigung eines 'Freiheitstages' werden wir uns endlos weiter durch diese Pandemie schleppen", betonte er. "Bei den Briten war das vielleicht noch wagemutig. Die Dänen sind dem Weg schon gefolgt. Auch dort ist kein Gesundheitsnotstand abzusehen. Also, worauf warten wir?"

Ärztekammer-Chefin: Impfkampagne muss verstärkt werden

Doch nicht nur Weil und Behrens, auch Fachkollegen von Gassen kritisieren dessen Vorpreschen. "Für die Aufhebung aller wesentlichen Corona-Beschränkungen zum Ende Oktober sehen wir aktuell keine verantwortungsvolle Grundlage", teilten die niedersächsischen Landesvorsitzenden des Marburger Bundes, Hans Martin Wollenberg und Andreas Hammerschmidt, mit. Solch ein Weg wäre zum jetzigen Zeitpunkt "hochriskant und kurzsichtig" und "ein Spiel mit dem Feuer beziehungsweise unserer aller Gesundheit". Vor allem für die nicht-geimpften Menschen wäre dieser Schritt gefährlich - eben auch für jene, die nicht die Wahl hätten, weil sie sich nicht impfen lassen könnten. "Mit seiner Haltung fällt Andreas Gassen all jenen in den Rücken, die täglich aufs Neue dafür kämpfen, einen bestmöglichen Kompromiss aus maximaler Sicherheit und maximaler Freiheit zu finden", teilte der Landesverband mit. Einen solchen Tag gebe es dann, wenn durch entsprechende Impfraten die Herdenimmunität erreicht würde.

Niedersachsens Ärztekammer-Präsidentin Martina Wenker sagte in der NOZ, dass es der ärztlichen Sorgfaltspflicht widerspreche, "quasi Wetten auf zukünftige Krankheitsverläufe abzuschließen. Wir sollten nun den in Deutschland eingeschlagenen Weg konsequent fortsetzen." Die Impfkampagne müsse verstärkt werden.

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NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 19.09.2021 | 18:00 Uhr

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