Stand: 27.05.2018 16:00 Uhr

Situation in der ambulanten Pflege spitzt sich zu

von Christina Harland

Niedersachsenweit nehmen viele ambulante Pflegedienste derzeit keine neuen Patienten mehr an und kündigen sogar bestehende Versorgungsverträge. Grund ist der gravierende Fachkräftemangel in der Pflege. Aktuellen Umfragen der Pflegebranche unter den ambulanten Pflegediensten in Niedersachsen zufolge, ist die Situation so dramatisch wie nie zuvor. Die Zahlen liegen dem NDR Regionalmagazin "Hallo Niedersachsen" exklusiv vor.

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Ambulante Pflegedienste verhängen Aufnahmestopp

Hallo Niedersachsen -

Die ambulanten Pflegedienste leiden unter einem dramatischen Fachkräftemangel und dem Kostendruck durch die Kassen. Vielfach werden daher Anfragen von Pflegebedürftigen abgelehnt.

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Umfrage zeigt: Aufnahmestopps und Vertragskündigungen

Die Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege, in der große Pflegeanbieter wie Diakonie, Caritas und der Paritätische zusammengeschlossen sind, hat ihre 400 ambulanten Dienste zu einer Rückmeldung über die Monate Februar, März und April aufgefordert. Rückmeldungen bekam sie von rund einem Viertel der Dienste. Das Ergebnis: In rund 1.700 Fällen wurden Anfragen von Pflegebedürftigen abgelehnt. In diesen Fällen konnten die Pflegedienste den Wunsch nach einer ambulanten Pflege nicht erfüllen. In 63 Fällen mussten sogar bestehende Pflegeverträge gekündigt werden. Die Angehörigen dieser Pflegebedürftigen mussten damit einen anderen Pflegedienst suchen oder die ambulante Pflege selbst übernehmen.

"Situation spitzt sich rasant zu"

Nach der jüngsten Landesstatistik von 2015 werden in Niedersachsen etwa 80.000 Menschen von einem ambulanten Pflegedienst der Freien Wohlfahrtspflege oder einem privaten Dienst versorgt. Der mit 600 Mitgliedern größte private Verband, der "Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste" (bpa), bestätigt auf Anfrage von "Hallo Niedersachsen: "Wir gehen im Schnitt von acht unversorgten Menschen pro Pflegedienst aus. Die Situation spitzt sich rasant zu", sagt Henning Steinhoff, Leiter der Geschäftsstelle Niedersachsen. Das Phänomen sei vor zwei Jahren erstmals aufgetreten.

Wohlfahrtsverbände appellieren an Politik

Die Wohlfahrtsverbände räumen ein: Die durchgeführte Umfrage sei zwar nicht im wissenschaftlichen Sinne repräsentativ, sie zeige als Momentaufnahme aber den dringenden Handlungsbedarf auf. Sie fordern nun einen "Pflegepakt" aller Akteure und appellieren an die Politik, konkrete Maßnahmen auf den Weg zu bringen. Dabei gehe es vor allem darum, dauerhaft Fach- und Hilfskräfte zu gewinnen, Pflege auskömmlich zu vergüten und umfassender zu würdigen, auch wenn es um vermeintlich "unproduktive Zeit" für Gespräche mit Patienten gehe. Außerdem müssten die Pflegedienste von bürokratischem Aufwand entlastet werden.

Verzweifelte Lage im Heidekreis

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Die 90-jährige Eleonore Vorwerk musste die Pflege ihres Mannes selbst übernehmen, nachdem der Pflegedienst nicht mehr kam.

Besonders prekär ist die Versorgungslage im Landkreis Heidekreis. Wer hier pflegebedürftig wird, kann nicht mehr automatisch davon ausgehen, auch Hilfe zu bekommen - selbst mit Wartezeit nicht. Das bekam Eleonore Vorwerk aus Wesseloh, zehn Kilometer entfernt von Schneverdingen, besonders schmerzhaft zu spüren. Nach mehreren Schlaganfällen und einer Parkinsonerkrankung war ihr Mann rund um die Uhr pflegebedürftig. Drei Jahre lang wurde das Paar vom "Verein für die Pflege Hilfsbedürftiger" in Schneverdingen verlässlich versorgt. Dann, sechs Monate vor seinem Tod, kam die Absage. Eleonore Vorwerk war erschüttert: "Es war so, dass wir eines Tages doch Bescheid bekamen, dass uns leider keine Pflegekräfte mehr besuchen könnten, weil sie eben keine genügenden Pflegekräfte zur Verfügung hätten", erinnert sie sich. Ihren Mann ins Heim zu geben, kam für die 90-Jährige nicht in Frage. Sie lernte ihre Haushaltshilfe für die morgendliche Versorgung ihres Mannes an und übernahm die Pflege in Eigenregie. Rückblickend hätte sie das wieder so gemacht. "Ich war froh, dass ich das eben alles noch leisten konnte, und dass wir ihn hier zu Hause behalten konnten."

Acht Kündigungen, gekürzte Touren, Aufnahmestopp

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Ihr Sohn Helmut Vorwerk allerdings berichtet von gesundheitlichen Zusammenbrüchen der Mutter und weiß, dass sie ihre Grenzen gefährlich überschritten hat. Weil er beruflich in Hannover gebunden ist, konnte er das nicht verhindern. Grund für die Absage des Schneverdinger Pflegedienstes war der Verlust von drei examinierten Pflegekräften auf einen Schlag. Wegen Umzugs, Krankheit, persönlicher Veränderungen. Wie anderswo auch, ist der Markt im Heidekreis mit Pflegekräften förmlich leergefegt. Es fand sich kein Ersatz. So bekamen acht Patienten die Kündigung, Touren wurden eingekürzt. Und bis heute gilt: Aufnahmestopp. Ein radikaler Schritt, den sich Geschäftsführerin Ulrike Röhrs bis dahin nicht hätte vorstellen können: "Besonders schmerzhaft ist es, wenn Menschen im Sterben liegen. Ich musste in einigen Fällen selbst Verträge der Eltern von Freunden kündigen."

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 27.05.2018 | 19:30 Uhr

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