Stand: 31.03.2020 06:36 Uhr

Alles noch härter: Obdachlos in Zeiten von Corona

von Marie-Caroline Chlebosch und Marco Schulze

Die Essensausgabe der Obdachlosenhilfe Hannover ist eine der wenigen Anlaufstellen, die Menschen ohne Geld und Wohnung in diesen Tagen noch geblieben ist.  Angesichts der Corona-Pandemie sind die Tagestreffs für Obdachlose nur eingeschränkt verfügbar. Es wird zwar Frühstück zum Mitnehmen ausgegeben, aber ohne den gewohnten Platz im Warmen. Auch die Einrichtungen der Suchthilfe arbeiten nur noch eingeschränkt. Täglich von 17 Uhr bis 18 Uhr gibt es zum Beispiel am Andreas-Hermes-Platz eine warme Mahlzeit. Für die Reispfanne mit Gemüse und Fleisch stehen schon eine halbe Stunde vor Öffnung der Ausgabe mehr als 70 Menschen in der Schlange. Bärbel G. ist täglich eine der Ersten hier, erzählt sie: "Dann warte ich solange, bis sie öffnen, hole mir etwas ab und gehe dann wieder nach Hause." Ihr Zuhause ist ein Platz im Freien am Maschsee. Seit sechs Jahren lebt sie auf der Straße.

VIDEO: Coronavirus: Schwere Zeiten für Obdachlose (3 Min)

Stadt Hannover stellt 80.000 Euro bereit

Allein an dieser Ausgabestelle der Obdachlosenhilfe Hannover werden täglich etwa 120 Menschen versorgt. Die Landeshauptstadt finanziert das warme Essen, das noch an fünf weiteren Orten ausgegeben wird. Es sind 400 Portionen am Tag. "Wir können die Kapazitäten noch ein bisschen hochfahren", sagt Petra Rösch, Koordinatorin der Wohnungslosenhilfe bei der Stadt Hannover. Sollte dauerhaft mehr gebraucht werden, müsse man das Budget aber aufstocken. Die Stadt hat bisher 80.000 Euro bereitgestellt. Neben der warmen Mahlzeit bekommen die Bedürftigen bei der Obdachlosenhilfe auch ein Lunchpaket, das mit Obst, Gemüse oder Jogurt gefüllt ist. Je nachdem, welche Spenden von Firmen, Hotels, Restaurants oder Privatleuten eingegangen sind. Und täglich melden sich bei der Obdachlosenhilfe neue Ehrenamtliche, die durch Spenden oder bei der Ausgabe unterstützen wollen.

Bei der Ausgabe gilt Abstand halten, Hände desinfizieren

Jörg Pompkun steht in der Schlange zur Essensausgabe der Obdachlosenhilfe Hannover. © NDR Foto: Marie-Charlotte Chlebosch
Die Angst vor der Ansteckung ist immer dabei - auch an der Essensausgabe für Bedürftige. (Screenshot)

Ehrenamtliche und das Ordnungsamt achten darauf, dass in den Schlangen der Mindestabstand eingehalten wird. Vor der Essensausgabe müssen die Hände gewaschen oder desinfiziert werden. Die Obdachlosenhilfe hat dafür alles mitgebracht. Auch Jörg P., der sich hier täglich etwas zu essen holt, hat Angst vor einer Ansteckung mit dem neuen Virus: "Ich halte mich fern von den Leuten", sagt der 57-Jährige, "ich möchte ja noch ein bisschen älter werden und habe das Problem, dass ich durch eine chronische Bronchitis zur Risikogruppe gehöre."

Obdachlosenhilfe: "Situation auf der Straße wird härter"

Die Unsicherheit unter den Hilfesuchenden ist deutlich spürbar. Auch für Mario Cordes, den Vorsitzenden der Obdachlosenhilfe Hannover: "Die Situation auf der Straße wird härter, je länger die Geschichte dauert", sagt er. Man benötige dringend Orte, an denen sich obdachlose Menschen aufhalten könnten. "Die Leute sind teilweise sehr verzweifelt. Ohne die Tagestreffs sind alle auf der Straße", so Cordes. "Wir geben gerade dreimal so viele Schlafsäcke wie sonst aus." Einige Wohnungslose wollen laut Cordes nicht in eine Unterkunft - zum Beispiel aus Angst vor Diebstählen. Nach Angaben der Landeshauptstadt leben aktuell mehr als 1.300 Menschen in solchen Unterkünften, die sogenannten Notfallschlafplätze nicht mit eingerechnet. Dort können Obdachlose ohne eine sonst notwendige Zuweisung übernachten.

Besucherstopp und verschärfte Vorschriften

Wegen des Coronavirus gelten in den Obdachlosenunterkünften in Niedersachsen verschärfte Vorschriften. In Hannover, Lüneburg und Hildesheim dürfen zum Beispiel keine Besucher mehr hineinkommen. Dort - aber auch in Braunschweig, Wolfsburg, und Wilhelmshaven - hängen in den Obdachlosenheimen Hygieneanweisungen in unterschiedlichen Sprachen aus. Es gibt Informationsmaterial zu Covid-19, in dem die Symptome aufgeführt sind, dazu die Kontaktnummern des Gesundheitsamts oder von Ärzten. In vielen Einrichtungen sind Gemeinschaftsräume nur noch eingeschränkt nutzbar oder sogar komplett gesperrt. Gleichzeitig werden die Bewohnerinnen und Bewohner angehalten, in ihren Zimmern zu bleiben. Das Personal in den Einrichtungen informiert über die geltenden Sicherheits- und Hygienemaßnahmen.

Heilsarmee: Desinfektionsmittel und Schutzkleidung knapp

Für die Unterkünfte ist der Kampf gegen das Virus eine große Herausforderung. Das Obdachlosenheim der Heilsarmee in Göttingen etwa musste sein Notzimmer von fünf auf zwei Betten verkleinern, obwohl dort täglich mehr Anfragen als üblich eingehen. "Es ist sehr schwierig", sagt Esther Gulde, die Leiterin der Obdachlosenunterkunft, "uns gehen die nötigen Schutzausrüstungen aus. Wir haben kaum noch Desinfektionsmittel für die Hände." Auch Flächendesinfektionsmittel und Einmalhandschuhe gebe es kaum noch. "Wir haben keinen Mundschutz, so was gibt es alles nicht mehr", so Gulde weiter. Wer das Heim nicht zwingend verlassen muss, bleibe drin, denn viele der Bewohner hier seien Risikopatienten. "Die Angst ist schon ziemlich groß unter den Bewohnern, aber auch unter dem Personal. Wir sind froh, dass wir noch keinen Corona-Fall hier haben", sagt die Leiterin.

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Hallo Niedersachsen | 30.03.2020 | 19:30 Uhr

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