Stand: 05.12.2019 19:24 Uhr

Physiker mahnt: Bei E-Mobilität auf Recycling setzen

In der Debatte um Elektromobilität und die Ressourcenbeschaffung verlieren wir uns oft im Detail. Auf das große Ganze komme es an, sagt Physiker Alexander Michaelis. NDR Info hat ihn getroffen.

von Elisabeth Weydt, NDR Info Wirtschaftsredaktion

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Physiker Alexander Michaelis sagt, wir müssen uns auf die Dinge konzentrieren, die wir unter Kontrolle haben, wie zum Beispiel Recycling.

Alexander Michaelis ist Professor und Leiter des Fraunhofer Instituts in Dresden und als Experte in den Bundestag geladen. Es geht um Elektro-Mobilität und Rohstoffe. Die Parteien dürfen Fragen an eine Expertenrunde richten. Die Fragen dürfen exakt zweieinhalb Minuten lang sein - die Antworten sechs Minuten. Wer überzieht, wird vom Sitzungsleiter ermahnt. Es überziehen ausschließlich die Fragenden und nicht die Antwortenden. Und genau diese Fragen seien manchmal sehr bezeichnend, sagt der Professor: "Das Thema muss man in seiner ganzen Komplexität behandeln. Wenn man eine Kette in dem Gebiet nicht mit im Auge hat, wird das Ganze nicht funktionieren. Das ist eine große Aufgabe, auch für die Politik. Und das beunruhigt mich in solchen Ausschüssen immer ein bisschen. Weil Politiker immer versuchen zu vereinfachen, können Dinge passieren, die vielleicht zu Schwierigkeiten führen."

Gebrauchte Apple-Handys auf einem Fließband. © dpa picture alliance Foto: apple

Physiker mahnt im Bundestag

NDR Info -

Physiker Alexander Michaelis plädiert dafür, Deutschland möge stärker aufs Recycling setzen, statt weiter Rohstoffe aus Krisen-Ländern zu importieren.

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"Auf Dinge konzentrieren, die wir im Griff haben"

Nach der Ausschuss-Sitzung hat der Physiker noch ein bisschen Zeit, bevor er den Zug zurück nach Dresden nimmt. In einer ledernen Sofa-Ecke mit Blick auf vorbeieilende Bundestagsbeschäftigte schüttelt er den Kopf und muss einmal tief einatmen. Lithium und Kobalt für die Batterien von E-Autos aus Chile oder dem Kongo? Da gäbe es andere Lösungen, glaubt Michaelis: "Wir müssen uns auf Realitäten konzentrieren und die Dinge, die wir wirklich im Griff haben. Wir müssen bei uns Technologien etablieren, die wir wirklich unter Kontrolle haben - wie zum Beispiel Recycling. Das können wir hier vor Ort machen. Natürlich müssen wir uns auch Gedanken machen zum Beispiel über die Abbaubedingungen im Kongo. Aber da sind unsere Möglichkeiten begrenzt, zumal auch unsere technologische Einflussnahme immer begrenzter wird."

"Mehr regenerative Energien in Schwellenländern fördern"

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Transparenz in den Lieferketten sei wichtig, um Menschenrechte und Umweltstandards durchzusetzen. Aber der wirkliche Hebel liege anderswo: Den Schwellenländern und selbst gescheiterten Staaten wie dem Kongo könnten Deutschland und die EU mehr helfen, wenn sie dort regenerativen Strom aus Sonne und Wind fördern würden. Auch dem Klima wäre damit mehr gedient, so Michaelis: "Die E-Mobilität hat auf das Klima überhaupt keinen Einfluss. Ob ein Batterie-Fahrzeug klimarelevant ist, hängt von dem Strom ab, der da reinkommt. Solange wir noch Kohlestrom haben, macht das wenig Sinn. Wir müssen dann auch die Batterie-Fahrzeuge mit erneuerbarem Strom versorgen. Die eigentliche Thematik ist, wo kommt der erneuerbare Strom eigentlich her? Vielleicht ist das vielen Leuten gar nicht so bewusst."

"Eigentliches Problem ist die Überbevölkerung"

Überhaupt sei vielen Menschen Vieles nicht bewusst: "Das eigentliche Problem ist gar nicht das Klima - sondern die Überbevölkerung: Derzeit leben acht Milliarden Menschen auf diesem Planeten und bald werden es zehn oder zwölf Milliarden sein - und die brauchen immer mehr Ressourcen. Und natürlich wird dadurch der gesamte Ressourcenbedarf steigen. Aber das hängt nicht mit der Elektro-Mobilität zusammen, das ist ein prinzipiell geopolitisches Problem - völlig unabhängig von der E-Mobilität."

Es wäre auch deshalb regelrecht verrückt, jetzt ausschließlich auf E-Mobilität zu setzen. Vielleicht sollten wir auch zuerst einmal versuchen, weniger Rohstoffe und Energie zu verbrauchen, sagt Michaelis. Jeder Einzelne, und die Menschheit als Ganzes, denn es ginge ja schließlich um eine globale Herausforderung.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 06.12.2019 | 06:41 Uhr

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