Stand: 06.07.2020 07:20 Uhr

Minijobs - Ohne Steuern in die Armutsfalle?

von Marc Hoffmann und Jennifer Lange
Ein Kellner hält ein Tablett mit drei Weingläsern © picture-alliance/Zoonar
Manche Branchen wie die Gastronomie setzen besonders stark auf Minijobber.

Sie gehören zu den Verlierern der Coronakrise: sogenannte Minijobber, also geringfügig Beschäftigte mit einem Monatslohn von bis zu 450 Euro im Monat. Jetzt in der Corona-Wirtschaftskrise fallen sie durchs Raster: Sie erhalten kein Kurzarbeitergeld und im Fall der Kündigung haben Minijobber auch keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld. Aber schon lange vor Corona galt Deutschlands Minijobsektor als Armutsfalle und anfällig für Missbrauch.

Probleme in der Corona-Krise

Seit mehr als einem Jahr schon arbeitet Lisa auf 450-Euro-Basis in einem Schnellrestaurant in einer Stadt in Norddeutschland. Ein Job mit Verantwortung, sagt die Schülerin, die ihren richtigen Namen im Radio lieber nicht hören möchte: "Allgemein hat man die Kunden bedient, die Kunden abkassiert, das Essen für den nächsten Tag vorbereitet und herausgelegt, aufgetaut und auf die Sauberkeit des Ladens geachtet." Dann kommt das Coronavirus. Das Schnellrestaurant stellt den Verkauf ein, berichtet Minijobberin Lisa. "Von heute auf morgen war letztendlich die ganze Filiale geschlossen. Das Restgeld, für das ich im Vormonat gearbeitet hatte, wurde mir noch ausgezahlt und ab dem Lockdown, hatte ich letztlich kein Gehalt, keine Beschäftigung, gar nichts mehr." Sie pocht auf Lohnfortzahlung. Die Schülerin fühlt sich schlecht behandelt und getäuscht.

Schriftzug "Minijob" aus Buchstabenwürfeln auf Zeitungsannoncen © picture-alliance/ImageBROKER Foto: Christian Ohde

AUDIO: "Viele Frauen haben keine andere Wahl" (5 Min)

Nachteile für Minijobber

Arbeitsmarktexperten weisen darauf hin, dass für sogenannte Minijobber grundsätzlich die gleichen Arbeitsrechte gelten wie für Vollzeitbeschäftigte. Nicht erst mit der Corona-Krise werden bei den geringfügig Beschäftigten in einigen Branchen oft Arbeitsrechte unterlaufen, beklagt Tina Hofmann, Referentin für Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik beim Paritätischen Gesamtverband: "Da wird dann eben kein Urlaub genehmigt oder wenn jemand krank ist, wird die Lohnfortzahlung nicht gewährt. All das sind Belastungen auf dem Rücken der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer."

Mit dem Minijob wollte die Politik eigentlich vor allem Langzeitarbeitslosen und Wiedereinsteigern helfen und ihnen den Weg zurück in die normale Vollzeitbeschäftigung erleichtern. Für Tina Hofmann vom Paritätischen ist das eine Illusion: "Die Perspektiven in ein besser bezahltes, normales Arbeitsverhältnis zu wechseln, sind denkbar schlecht. Da gibt es fast keine Chancen drauf." Es droht die Armutsfalle. Wer lange oder sogar ausschließlich auf 450 Euro-Basis arbeitet, hat später einen geringeren Rentenanspruch.

Fast ausschließlich Minijobs in manchen Branchen

Spielzeugpuppen "arbeiten" auf einer Minijob-Anzeige. © picture-alliance/dpa Foto: Frank Rumpenhorst
Manche Arbeitsmarktexperten fordern eine Beschränkung der Minijobs.

Dass der Minijob für viele Betroffene auch eine Sackgasse ist, liegt für Tina Hoffmann auch daran, dass Arbeitgeber in manchen Branchen fast ausschließlich auf geringfügig Beschäftigte setzen, anstatt sozialversicherungspflichtige Jobs zu schaffen. Minijobber können flexibel nach Bedarf eingesetzt werden - besonders für den Einzelhandel, das Hotel- und Gaststättengewerbe, aber auch die Logistikbranche ist das interessant.

Professor Stefan Sell ist Direktor am Institut für Sozialpolitik und Arbeitsmarktforschung an der Hochschule Koblenz. Sorge bereitet ihm besonders die stark anwachsende Gruppe von Minijobbern, die eigentlich feste Vollzeitjobs hat. Deutschlandweit sind das inzwischen mehr als drei Millionen Menschen. "Da hat jemand eine 40-Stundenwoche, zahlt Steuern und Sozialversicherungsbeiträge und dann macht er nebenbei noch einen Minijob. Er bekommt das Geld brutto für netto, dafür aber zahlt der Arbeitgeber nur eine Pauschale und gut ist", erklärt Sozialwissenschaftler Sell. Er spricht deshalb auch von subventionierter Beschäftigung. Seine Forderung: "Die radikalste Lösung wäre, um die verzerrenden Effekte zu beseitigen, man schafft die Minijobs ab."

Oder man begrenzt sie, indem man 450 Euro-Jobs nur noch für bestimmte Personengruppen zulässt - für Studierende, Senioren sowie Schülerinnen wie Lisa, die in einem Schnellrestaurant aushilft. Im Streit um den nicht gezahlten Lohn hat sie sich mittlerweile an die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten gewandt und versucht nun rechtlich vorzugehen.

Serie
Auf mehreren Münzstapeln stehen Buchstaben, die das Wort "Gehalt" bilden. © picture-alliance/Panther Media Foto: Boris Zerwann

Für ein paar Euro: Wenn Arbeit nichts mehr wert ist

Was bringt das Verbot von Werkverträgen? Wem droht die Minijob-Falle? Und wer profitiert von Leiharbeit? NDR Info schaut in einer Serie auf prekäre Arbeitsverhältnisse. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 06.07.2020 | 07:20 Uhr

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