Ein Sanitäter zieht eine Krankentrage aus einem Rettungswagen. © NDR Foto: Julius Matuschik

Knappes Personal: Rettungsdienste schlagen Alarm

Stand: 09.07.2022 08:32 Uhr

Knappes Personal und stark gestiegene Einsatzzahlen - die Rettungsdienste im Norden beklagen eine hohe Überbelastung. Die Feuerwehr-Gewerkschaft warnt vor gravierenden Folgen.

von Carsten Pilger

"Die Feuerwehr Hamburg brennt!" – Mit diesen drastischen Worten schlägt die Deutsche Feuerwehr-Gewerkschaft Alarm. Am 2. Juli, dem Tag des Schlagermoves, gingen 1.700 Notrufe bei der Rettungsleitstelle ein. Um die ausreichende Versorgung des Hamburger Westens mit Rettungswagen zu gewährleisten, musste die Feuerwehr, deren Aufgabe in Hamburg auch die Notfallrettung ist, Rettungswagen verschieben und ein Löschfahrzeug aus dem Dienst nehmen.

Feuerwehr-Gewerkschaft: Schutzziele gefährdet

Die Innenbehörde der Stadt Hamburg spricht von einer "bedarfsgerechten Ressourcenverschiebung", die Feuerwehr-Gewerkschaft warnt hingegen vor der immer stärker gewordenen Belastung. "Jeder Notruf wird bedient, aber ich glaube wir können nicht mehr von uns sagen, dass wir jeden immer in der Zeit bedienen, wie wir wollen. Dieses Ziel sehe ich nicht nur gefährdet, ich glaube dieses Ziel können wir mittlerweile nicht mehr flächendeckend halten", sagt Robert Pohl von der Deutschen Feuerwehr-Gewerkschaft.

Einsatzzahlen angestiegen

Ein Rettungswagen fährt mit eingeschaltetem Blaulicht über eine Straße. © NDR Foto: Julius Matuschik
Wie in anderen Gesundheitsberufen herrscht auch im Rettungsdienst Fachkräftemangel.

Die Zahl der Notrufe ist dabei nicht nur an Tagen großer Veranstaltungen hoch - generell ist ein Anstieg von Einsätzen zu verzeichnen. In Hamburg rückte der Rettungsdienst 2021 über 250.000 Mal aus - eine Steigerung von etwa zehn Prozent zum Vorjahr.  Ein Trend, der auch in anderen Nordbundesländern zu beobachten ist und der den Berufsalltag verändert, wie Robert Pohl, selbst Feuerwehrmann und Notfallsanitäter in Brunsbüttel, zu berichten weiß: "Als ich angefangen habe, hat man in zwölf Stunden vier Einsätze gefahren. Wenn es wirklich viel war, waren es sechs, sieben. Heute sind acht Einsätze in zwölf Stunden eine ruhige Schicht."

Fachkräftemangel im Rettungsdienst

Die Belastung erschwere es den Rettungsdiensten, Auszubildende im Beruf zu halten, sagt auch Matthias Rehberg von der Johanniter-Unfall-Hilfe in Lübeck: "Berufe im Rettungsdienst sind nicht nur psychisch, sondern auch körperlich sehr fordernd. Wenn Mitarbeiter keine Perspektive für ihre persönliche Zukunft erkennen können, ist es völlig verständlich, dass sie sich in angrenzenden Berufsfeldern nach alternativen Beschäftigungen umschauen." Rehberg spricht zwar davon, dass man "personell ordentlich aufgestellt" sei, aber durch den Fachkräftemangel fehlten bei Krankheitsfällen schnell die Reserven.

Frustration bei Nachwuchskräften

Rehberg wünscht sich zur Verbesserung der Situation nicht nur eine stetige Ausbildung neuer Notfallsanitäter, sondern auch "eine Einsatzumgebung, die das Gelernte auch zur Anwendung kommen lässt". Viel Frustration entstehe dadurch, dass junge Notfallsanitäter auch häufig zu Einsätzen ausrücken müssten, die keine Notfälle seien, sagt Gewerkschafter Robert Pohl: "Ich vergleiche das immer mit Rennpferden im Pony-Karussell."

Dazu gehören Krankentransporte, aber auch viele Einsätze, bei denen Patienten selbst nicht richtig einschätzen, ob ein Notfall vorliegt. Etwa, wenn diese am Abend mit leichten Schmerzen den Notruf wählen, statt am nächsten Tag zum Hausarzt zu gehen. Die Hilfe einfach ablehnen könnten die Rettungsdienste nicht, so Robert Pohl: "Der Leitstellen-Disponent steht immer kurz vor dem Verdacht der unterlassenen Hilfeleistung, wenn er ein Hilfe-Ersuchen ablehnt.“

Pilotprojekte können Entlastung schaffen

Ein Gemeinde-Notfallsanitäter geht mit einem Notfallrucksack auf ein Gebäude zu. © dpa-Bildfunk Foto: Mohssen Assanimoghaddam
Pilotprojekte wie der Gemeinde-Notfallsanitäter in Niedersachsen können die Rettungsdienste entlasten.

Das Ministerium für Justiz und Gesundheit in Schleswig-Holstein teilt auf Anfrage mit: "Die Schwere der Erkrankung ist durch die Patientinnen und Patienten selbst meist nicht einzuschätzen, und die Symptome sind oft nicht eindeutig einer Fachdisziplin zuzuordnen. Patientinnen und Patienten, die sich selbst als 'Notfall' sehen, müssen daher zunächst auch als 'Notfall' angesehen und in der Folge klassifiziert werden." Dennoch sei "eine Sensibilisierung der Öffentlichkeit, wann der Rettungsdienst zu alarmieren ist, als unterstützende Maßnahme für eine zukünftige Entlastung sinnvoll".

Zudem gibt es in Schleswig-Holstein Pilotprojekte, um den Rettungsdienst zu entlasten. Dazu gehören im Kreis Nordfriesland sogenannte Rettungs-Einsatz-Fahrzeuge, die von Notfallsanitätern besetzt werden und Patienten vor Ort versorgen, bevor ein Rettungswagen eintrifft. Ähnliche Pilotprojekte haben auch Niedersachsen und Bremen umgesetzt. In Schleswig-Holstein setzen einige Kreise seit 2021 auf eine telemedizinische Einsatz-Unterstützung, bei der Mediziner per Telefon oder Videoschalte die Rettungsdienste unterstützen.

Gewerkschaft fordert grundsätzliche Reformen

Die Hamburger Innenbehörde teilte auf Anfrage mit, dass die "personelle Verstärkung" bei der Feuerwehr und insbesondere im Einsatzdienst weitergehe und man auch die Inbetriebnahme weiterer Rettungswagen plane. Robert Pohl von der Deutschen Feuerwehr-Gewerkschaft sagt, dass man zwar immer personelle Verstärkung brauche, dies allein aber nicht reiche: "Wir müssen die Maßnahmen so ergreifen, dass wir dieses Personal halten. Gerade im Rettungsdienst müssen wir Entlastung schaffen - und das schaffen wir nur durch eine Umstrukturierung der Notfall-Vorsorge."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 09.07.2022 | 08:08 Uhr

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